Meinungen

Rückkehr der Glaubenskriege

Religion drängt als Herd für Konflikte und Gewalt in die offenen Gesellschaften Europas vor. Das wird die Kosten des Zusammenlebens erhöhen – schlecht für die weitere Globalisierung. Ein Kommentar von Thomas Straubhaar.

Thomas Straubhaar
«Die Rückkehr der Glaubenskriege nach Westeuropa wird hier zunehmend Kräfte binden»

Es ist paradox: der Glaube an Gott und die Religion verlieren hierzulande seit Jahrzehnten an Bedeutung. Trotzdem kehren Glaubenskriege mit Wucht nach Westeuropa zurück. Das treibt die Kosten für die innere Sicherheit nach oben und macht das internationale Geschäft komplexer und damit teurer. Beides zusammen verdüstert die Zukunftsaussichten.

Bezeichneten sich 1970 lediglich 1,2% aller in der Schweiz wohnenden Erwachsenen als konfessionslos, waren es 1980 3,9%, 1990 7,5%, 2000 11,4% und 2012 21,4%. Immer öfter bleiben die Kirchen leer. Fast zwei Drittel der Schweizer Wohnbevölkerung gehen kaum mehr zum Gottesdienst. Die Landeskirchen spielen für das eigene Leben kaum mehr eine Rolle. Sie werden allein noch für sozial Schwache als wichtig erachtet.

Dennoch kehren Glaubenskriege durch die Hintertür nach Westeuropa zurück. Denn andernorts in der Welt dominieren Religionskonflikte nach wie vor den Alltag. Mit brutaler Gewalt prallen alte Gegensätze aufeinander. Der Nahostkonflikt (Gaza) beherrscht seit Monaten die Nachrichten. Der islamische Frühling in Nordafrika, Mali oder Kenia liefert weitere abschreckende Beispiele dafür, wie nahe der blutige Kampf der Religionen den aufgeklärten westeuropäischen Gesellschaften ist.

Aber nicht nur in fernen Welten, auch in Europa flammen stets wieder von neuem alte religiöse Streite auf. Der Nordirlandkonflikt schwelt im Untergrund, und ein Funken kann genügen, um ihn erneut zu entzünden. In den Nachfolgestaaten des früheren Jugoslawien sorgt die Religionszugehörigkeit bei unterschiedlichen Gelegenheiten für Spannungen – nicht nur in Bosnien. Und viele als politische Streitereien etikettierte Spannungen in Europas Regionen haben religiöse Wurzeln.

Konflikte sind weit weg – und ganz nah

So geht es auch in der Ukraine neben profanen Zielen um Kirche und Glauben. In der ukrainischen Mitte verläuft ein Religionsgraben, der Europa seit Jahrhunderten in zwei Teile trennt. Westlich dominiert die katholische und/oder protestantische Version des Christentums, östlich die griechisch- bzw. russisch-orthodoxe. Weil die Religionsgrenze auch für ein beträchtliches ökonomisches Gefälle mitverantwortlich war, ist der Westen vergleichsweise reicher, der Osten ärmer. Dass hier Sprengstoff für Verteilungsfragen liegt, ist offensichtlich.

Neu ist, dass Internet und soziale Medien Bilder und Nachrichten in der Ferne tobender Glaubenskriege ungeschminkt und in Echtzeit in die Häuser der friedensverwöhnten Westeuropäer übertragen. Auch ganz weit weg ist man ganz nahe und immer dabei. Was in Mossul, Gaza oder der Ukraine geschieht, ist genauso schnell weltweit auf Smartphones und Tablets erkennbar wie in den Kommandozentralen in Kiew oder Tel Aviv.

Die Globalisierung mit ihrer weltumspannenden Kommunikation führt dazu, dass sich Glaubenskonflikte rasend rasch von einer Region zur nächsten verbreiten können. Die grössere räumliche Mobilität und die dadurch entstandene Multikulturalität (west-)europäischer Gesellschaften verstärken den Effekt, dass, geht es um Religion und Glauben, Konflikte aus der weiten Ferne zu Problemen in der Nachbarschaft werden.

Der eine, grössere Teil der westeuropäischen Gesellschaft, der in einem von Glaubens- und Meinungsfreiheit geprägten Umfeld aufgewachsen ist, nimmt mit einer Mischung von naivem Erstaunen und ohnmächtigem Erschrecken zur Kenntnis, wie barbarisch und menschenverachtend auch heutzutage im Namen Gottes gemordet, gefoltert und gequält wird. Die Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat scheuen sich nicht, die Welt zusehen zu lassen, wie sie «Ungläubige» erniedrigen, demütigten und massakrieren. Niemand wird je  die Bilder aus dem Gedächtnis löschen können, wie entsetzlich unzivilisiert die Rebellen auf den Überresten der Opfer der über der Ostukraine abgeschossenen Linienflugs MH 17 herum trampelten. Gefühle von Rache und Vergeltung sowie Aufrufe zu militärischen Massnahmen und wirtschaftlichen Boykotten sind die Folge.

Der andere, kleinere Teil der westeuropäischen Gesellschaft, dem viele Menschen mit Migrationshintergrund angehören, macht den Westen für das Sterben im Gaza-Streifen, dem Irak oder Syrien verantwortlich. Aus ihrer Sicht rechtfertigen die Fehler und Versäumnisse der westlichen Politik, die ungleiche Verteilung von Wohlstand und der falsche Glauben gewalttätige Gegenmassnahmen. Religiöse Scharfmacher und fundamentalistische Fanatiker missbrauchen die Liberalität westeuropäischer Gesellschaften für ihre eigenen Interessen. Sie rufen zu Protest und Demonstration auf, auch zu Gewalt und Kampf gegen Ungläubige hierzulande.

So spiegeln sich Glaubenskonflikte aus fernen Welten unmittelbar in religiösen Auseinandersetzungen in westeuropäischen Städten. Was im Nahen Osten passiert, lässt sich nicht mehr lokal isolieren. Twitter (TWTR 62.11 -0.21%), Flashmob und Shitstorm ermöglichen eine Mobilisierung von Gewalt und Gegengewalt in Westeuropa.

Westliche Karikaturisten erhalten Morddrohungen. Hiesige Filmemacher, die über die Situation von Andersgläubigen in der Türkei oder im Nahen Osten aufklären wollen, müssen um ihr Leben fürchten. Schweizer Journalisten, die kritisch über den islamischen Frühling berichten, werden bedroht. Ein Fussballteam aus Israel muss ausgeladen werden, weil die Sicherheit der Spieler nicht mehr gewährleistet werden kann. Glaubenskriege von anderswo führen hierzulande dazu, dass fundamentale Grundrechte, Menschen- und Bürgerrechte, Presse- oder Meinungsfreiheit gefährdet sind.

Aus Angst vor Terroranschlägen und zum Schutz der eigenen Bevölkerung wird diskutiert, ob in vorauseilendem Gehorsam bestimmte Verhaltensweisen untersagt und die Publikation von Bildern oder die Wiedergabe von Filmmaterial verboten werden sollen. Die Ohnmacht gegenüber wüsten Drohungen religiöser Eiferer wiederum erzeugt in der Mehrheitsgesellschaft Wut, Unverständnis und verführt zu Gegenprovokation. Auf Konflikt angelegte «Wir gegen die anderen»-Gefühle werden geschürt. Das ist der Nährboden, auf dem Konflikt, Nationalismus und Protektionismus gedeihen.

Es drohen Abschottung und Protektion

Die Rückkehr der Glaubenskriege nach Westeuropa wird hier zunehmend Kräfte binden, die an anderer Stelle fehlen werden. Wenn selbst Sportanlässe von einer Armada von Sicherheitskräften geschützt werden müssen, um zu verhindern, dass sie für religiös motivierte Protestaktionen oder gar gewalttätige Auseinandersetzungen missbraucht werden, verspricht das für Wohlstand und Beschäftigung nichts Gutes. Die Kosten des Zusammenlebens werden sich erhöhen, Misstrauen und Spannungen werden zunehmen. Die Ausgaben für die innere Sicherheit und für den Schutz von Meinungs- und Glaubensfreiheit werden steigen. Die erfolgreiche Integration  Andersgläubiger in die Mehrheitsgesellschaft wird schwieriger, die Trennung zwischen «Wir» und «den Andern» ausgeprägter werden. Hetzer und Opportunisten dürften aus eigenem Interesse Ängste und Sorgen schüren und zu Abschottung und Protektion missbrauchen.

Wie bei allen Grenzen werden durch religiöse Gräben die internationale Arbeitsteilung, die Kosten minimierende Spezialisierung und der Wohlstand fördernde weltweite Austausch von Gütern, Dienstleistungen, Wissensträgern, Fach- und Führungskräften gebremst. Offene Märkte bedingen ein Mindestmass an Vertrauen, gegenseitigem Verständnis und Rechtssicherheit. Sie sind durch eine Eskalation von Gewalt, Willkür und Terror gefährdet. Das alles wird mit dazu führen, dass die kommenden Jahre schwieriger werden als die vergangenen – politisch und gesellschaftlich und damit auch wirtschaftlich. Keine guten Nachrichten für die Zukunft der Globalisierung, von der kaum eine andere Region so stark profitiert hat wie Westeuropa und die Schweiz.

Leser-Kommentare

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Martin Wenger 11.08.2014 - 18:25
Herrn Professor Straubhaars obiger Artikel fand ich hervorragend und danke ihm für diesen Denkanstoss. Ich bin ganz seiner Meinung und es ist für mich eine Genugtuung, dass es gerade in der heutigen Zeit, noch solche Denker gibt, welche dieses heikle Thema so treffend analysieren und aufzeichnen. Meine Frage an ihn lautet nur: was können wir einzelne, die genau so denken,… Weiterlesen »
Martin Merz 11.08.2014 - 20:56

Ein ausgezeichneter Artikel, der doch ziemlich nachdenklich stimmt.
Die aktuellen Ereignisse in Nordafrika, Syrien/Irak und Ukraine dürften auf Jahre hinaus einen mehr oder weniger grossen Einfluss auf uns als Anleger und Staatsbürger haben. Leider scheint es aber so, dass Politik und Wirtschaft die ganze Tragweite dieser Ereignisse noch nicht realisiert hat.