Unternehmen / Schweiz

Rückschlag für das weibliche Geschlecht

Weniger Frauen sitzen im Topkader in grossen Schweizer Firmen als noch vor Jahresfrist. Der Frauenanteil in Verwaltungsräten ist gemäss Schilling-Report dagegen gestiegen.

Guido Schilling, Managing Partner des gleichnamigen Führungskräftevermittlers, ist «ernüchtert»: Der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen der grössten privaten Schweizer Arbeitgeber ist nach einem hoffnungsvollen letztjährigen Anstieg wieder gesunken. Unter den neuen Geschäftsleitungsmitgliedern finden sich nur noch 8% Frauen, «ein herber Rückschlag» nach dem letztjährigen Rekordstand von 21%. Elf Frauen haben die Geschäftsleitungen im vergangenen Jahr verlassen, nur neun sind nachgerückt. Daraus resultiert im Gesamtsample eine Abnahme des Frauenanteils von 8 auf 7%.

Der neueste Schilling-Report zeigt auch, dass immer noch 59% der untersuchten Unternehmen keine Frau in ihrer Geschäftsleitung beschäftigen. Weiter fällt auf, dass 67% der neuen Männer innerhalb des Unternehmens in die Geschäftsleitung aufgestiegen sind. Bei den Frauen sind es nur 22%. Das könnte gemäss Schilling damit zusammenhängen, dass Frauen in Unternehmen mehrheitlich Servicefunktionen ausüben, also im Personalwesen oder in der Rechtsabteilung beschäftigt sind. Frauen in Business-Funktionen mit Gebiets- oder Umsatzverantwortung sind dagegen untervertreten.

Frauenfreundlicher öffentlicher Sektor

Im öffentlichen Sektor, also beim Bund und bei den 26 Kantonen, ist der Frauenanteil in den Toppositionen dagegen gestiegen. Er nahm innert Jahresfrist von 14 auf 16% zu. Das hängt damit zusammen, dass hier unter den neuen Führungskräften die Frauen 27% ausmachen. Zudem gibt es unter den weiblichen Topkadern im öffentlichen Sektor deutlich mehr Zu- als Abgänge (+26/–19).

Auch verfügt der öffentliche Sektor über eine breitere Gender-Diversity-Pipeline als die Privatwirtschaft. In der Belegschaft von Bund und Kantonen machen die Frauen 49% aus, im mittleren Management 24% und im höheren Management 22%. Bei den grössten Privatunternehmen betragen diese Anteile nur 37, 21 und 14%.

Schilling führt diese Unterschiede zwischen öffentlichem Sektor und Privatwirtschaft darauf zurück, dass ersterer für Frauen der attraktivere  Arbeitgeber ist. So verfügten Bund und Kantone über frauengerechtere Berufsbilder, etwa im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen. Zudem seien im öffentlichen Sektor die Arbeitsbedingungen so, dass sich Karriere und Familie besser vereinbaren liessen. Teilzeitarbeit sei eher möglich, die Arbeitszeiten seien geregelter und berufliche Reisen planbarer.

Weniger ausländische Geschäftsleitungsmitglieder

Nicht nur der Frauenanteil in Geschäftsleitungen grosser privater Schweizer Unternehmen ist rückläufig, auch der Ausländeranteil sinkt. Hatten vor Jahresfrist 45% der Topkader einen ausländischen Pass, sind es aktuell noch 44%. Der Ausländeranteil unter den neuen Geschäftsleitungsmitgliedern ging von 64 auf 38% zurück. Fünfzig Personen mit ausländischer Herkunft haben die Geschäftsleitungen verlassen, nur vierundvierzig sind nachgerückt. Besonders bei Amerikanern und Deutschen, die vor Jahresfrist stark zugelegt hatten, macht sich der Rückgang bemerkbar. Die Anzahl der Deutschen (+14/–19) und Amerikaner (+2/–10) ist um dreizehn Personen gesunken. «Es ist heute schwieriger geworden, Ausländer für Topkaderpositionen in der Schweiz zu gewinnen», berichtet Schilling aus seiner Beratungstätigkeit.

Schilling bereiten diese Tendenzen beim Frauen- und Ausländeranteil Sorge. «Wenn die Babyboomer in zehn Jahren aus dem Arbeitsmarkt austreten und weder genügend Frauen noch ausländische Manager als Talente zur Verfügung stehen, droht in der Schweiz ein akuter Führungskräftemangel an der Spitze der Unternehmen», befürchtet er.

Verwaltungsräte «auf hoffnungsvollem Weg»

Im Unterschied zu Geschäftsleitungen sind Verwaltungsräte in der Schweiz in Sachen Frauen dagegen «auf hoffnungsvollem Weg», wie Schilling sagt. Unter den neuen Verwaltungsräten finden sich 25% weibliche Personen, was innert Jahresfrist zu einem Anstieg des Frauenanteils am Gesamtgremium von 17 auf 19% führt. «Das stimmt positiv, doch die Bemühungen reichen nicht aus», urteilt Schilling. «In den kommenden Jahren muss die Wirtschaft den Frauenanteil im Verwaltungsrat jährlich mindestens um 3 Prozentpunkte erhöhen, um die Forderungen der Politik nach 30% bis ins Jahr 2022 zu erfüllen.» Dieses Ziel sei erreichbar, wenn in Zukunft jeder zweite vakante Verwaltungsratssitz mit einer Frau besetzt werde.

Der Schilling-Report 2018 umfasst die 118 grössten Arbeitgeber der Schweiz sowie den Bund und alle 26 Kantone. Entsprechend wurden 882 Geschäftsleitungs-, 816 Verwaltungsratsmitglieder sowie 1034 Führungskräfte des öffentlichen Sektors (Amtsleiter und Amtsleiterinnen, Generalsekretäre, Generalsekretärinnen und Staatsschreiber und Staatsschreiberinnen) in die Untersuchung einbezogen.