Märkte / Rohstoffe

Russische Wirtschaft wandelt sich

Das flächenmässig grösste Land der Welt kämpft mit den Folgen des tiefen Ölpreises. Im Agrarsektor liegt viel Potenzial brach.

Russland ist abhängig. Ohne die reichen Bodenschätze käme die Wirtschaft zum Erliegen. Zwei Drittel der Exporteinnahmen entfallen auf den Handel mit fossiler Energie. 2016 stammte noch mehr als ein Drittel der Staatseinnahmen aus dem Öl- und Gassektor.

Momentan ist die hohe Abhängigkeit von den immensen mineralischen Vorkommen mehr Fluch als Segen. Der tiefere Ölpreis und die westlichen Sanktionen haben Spuren hinterlassen: Die Einnahmen schrumpfen, und die Investitionen aus dem Ausland sind deutlich gesunken. Die Krise ermöglicht aber auch den Blick auf die andere Ressource, von der Russland mehr hat als alle anderen: Land.

Unsichere Zukunft

Energieunternehmen prägen weite Teile des russischen Nordostens. In Sibirien, wo der Sommer kurz und die Natur karg ist, wird seit den ersten Bohrungen in den Sechzigerjahren Erdöl und -gas aus dem meist gefrorenen Boden gepumpt. Sechs Regionen weisen gemäss der US-Energiebehörde EIA grosse Vorkommen fossiler Brennstoffe auf. Darunter auch das weltgrösste Feld zwischen dem Ural und dem Fluss Jenissei.

Insgesamt werden mehr als 10,5 Mio. Fass Öl am Tag gefördert. Hinzu kamen letztes Jahr mehr als 600 Mio. Kubikmeter Erdgas (Erdgas 4.272 5.79%). Die Produktion ist eine attraktive Geldquelle für den russischen Staat: 2016 flossen dem Fiskus gemäss Finanzministerium knapp 5 Bio. Rubel (85 Mrd. Fr.) aus dem Energiesektor zu. Doch der Ölpreisverfall fordert seinen Tribut: 2014 ­waren es 7,5 Bio. Rubel. Noch ist das Geschäft mit den fossilen Brennstoffen die wichtigste Einnahmequelle, aber die Zukunft ist unsicher. Für ein ausgeglichenes Staatsbudget bräuchte Russland je nach Schätzung einen Fasspreis zwischen 70 und 100 $. Dieses Niveau ist derzeit ausser Reichweite.

Zugleich steigen die Kosten. Die Förderung und die Instandhaltung der Infrastruktur in der sibirischen Tundra sind seit jeher teurer als anderswo. Einerseits erfordert die Extraktion im Permafrost bessere Technologien und dadurch höhere Investitionen, schreibt die EIA. Andererseits sind die Wege zwischen den Ölfeldern und den Raffinieren weit und der Transport je nach Jahreszeit beschwerlich.

Diese Probleme werden durch den Klimawandel noch verschärft. Der Boden taut jedes Jahr mehr auf. Das führt vermehrt zu Instabilität, sagte Geologe Anton Sinitskij gegenüber Schweizer Radio SRF aus. Ganze Gebäude versinken, Strassen brechen auf.

Wirtschaft schrumpft

Die russische Wirtschaft leidet unter dem angeschlagenen Energiesektor. 2016 stieg das Staatsdefizit nach offiziellen Angaben auf 21 Mrd. $. Gemäss Datendienst Bloomberg ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) des Landes in den letzten zwei Jahren deutlich geschrumpft. Der Rubel hat sich gegenüber dem Dollar seit 2014 – ­parallel zum Rückgang des Ölpreises – fast 50% abgewertet.

Das weckt zwar kritische Stimmen. Gegen innen regiert Präsident Wladimir Putin aber weiter mit harter Hand. Oppositionelle Meinungen und Politiker werden unterdrückt. Das System Putin dürfte trotz der wirtschaftlichen Stagnation auch nach der Präsidentenwahl am 18. März 2018 weitergeführt werden (vgl. Textbox).

Im Ausland werden die Machtansprüche des Kremls unter Putin verurteilt. Nach der Annexion der Halbinsel Krim und dem damit verbundenden Ausbruch des Kriegs in der Ostukraine im März 2014 verhängten die Europäische Union (EU) und die USA als wichtigste Handelspartner Wirtschaftssanktionen. Russischen Energie- und Verteidigungsunternehmen sowie Banken wurde der Zugang zu einigen internationalen Finanzmärkten verwehrt. Zudem sank der Export bestimmter sensibler Güter wie Waffen oder High-tech-Material nach Russland deutlich, wie aus den Zahlen des Statistischen Amts der EU (Eurostat) hervorgeht.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass die Sanktionen die Wirtschaftskrise in Russland noch verschärft haben. Die Handelshemmnisse hätten 2015 etwa die Hälfte des BIP-Rückgangs von 3% verursacht, schreibt der IWF. Einen negativen Einfluss für die Bevölkerung hatte auch die Vergeltungsmassnahme der russischen Regierung: Der Kreml verbot im Sommer 2014 den Import landwirtschaftlicher Produkte aus Europa und den USA.

Doch für einige wurde das russische Embargo zum Glücksfall. Nachdem italienischer Salami und Käse aus Frankreich nur noch illegal eingeführt werden konnten, verstärkte das den landwirtschaftlichen Aufschwung in Russland. Bereits in den Jahren davor war die Getreideernte stetig gewachsen.

So viel wie zu Sowjetzeiten

Mit mehr als 130 Mio. Tonnen soll dieses Jahr so viel Getreide produziert werden wie seit 1979 nicht mehr, erwartet das russische Beratungsunternehmen ProZerno. 2017 haben die Agrarexporte gemäss Aussagen Putins um ein Fünftel zugelegt. Die Landwirtschaft war damit der wichtigste Nichtenergiesektor. Das hohe Wachstum trägt zur Erholung bei.

Dabei liegt ein grosser Teil des Landes noch brach, das ist viel ungenutztes Potenzial. Besonders weil die Landwirtschaft dank neuer Technologien noch ­effizienter werden könnte. Aber bis die ­Agrarexporte die Wirtschaft aus der Abhängigkeit vom Öl befreien können, wäre es noch ein langer Weg.

 

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