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Russland marschiert in Ukraine ein

Nach ukrainischen Angaben werden Stellungen im Osten des Landes schwer beschossen. In der Hauptstadt Kiew ertönten Alarmsirenen.

(Reuters) Russland ist in der Ukraine einmarschiert und hat Europa damit in die tiefste militärische Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs gestürzt. Auf Befehl von Präsident Wladimir Putin griffen russische Verbände das Nachbarland am Donnerstag aus der Luft, über den Landweg und vom Schwarzen Meer aus an. Ziel des Einsatzes sei, die Ukraine zu entnazifizieren und zu demilitarisieren, teilte der Kreml in Moskau mit. Russland habe aber nicht die Absicht, die Ukraine zu besetzen. Die ukrainische Regierung und das Militär berichteten von mehreren Angriffen vor allem auf Kiew, Charkiw, Mariupol am Asowschen Meer, Odessa am Schwarzen Meer sowie in den Provinzen Luhansk und Donezk im Osten. Laut ukrainischen Grenztruppen bewegten sich russische Panzerverbände von Norden aus auf Kiew zu. Weltweit stiess das Vorgehen Russlands auf Fassungslosigkeit. Die EU kündigte ein neues und beispielloses Sanktionspaket an.

Verlässliche Angaben über Tote und Verletzte lagen zunächst nicht vor. Die Kämpfe erstreckten sich bis zum Nachmittag nach ukrainischen Angaben fast auf das gesamte Land. Seit Tagesanfang habe Russland 203 Ziele angegriffen. In mehreren Städten wurden laut Innenministerium militärische Kommandozentralen zerstört. Betroffen davon sei auch Kiew. Viele Menschen versuchten, die Hauptstadt zu verlassen. Auf den Ausfallstrassen bildeten sich kilometerlange Staus. Bewohner suchten in U-Bahn-Stationen Zuflucht. Aussenminister Dmytro Kuleba sprach von einer grossangelegten russischen Invasion. Präsident Wolodymyr Selenskyj verhängte das Kriegsrecht. Russland habe bei heftigen Gefechten im Osten des Landes Gefangene genommen, sagte der ukrainische Vize-Verteidigungsminister.

Das russische Präsidialamt erklärte, die russische Operation in der Ukraine müsse ihre Ziele erfüllen. Das Land müsse von «Nazis» gesäubert und befreit sowie demilitarisiert werden. Präsident Putin äusserte sich kurz vor Beginn der Angriffe im Fernsehen. Er habe die Militäraktion autorisiert, Russland habe keine andere Wahl als sich zu verteidigen. «Russland kann sich nicht sicher fühlen, sich entwickeln und leben mit einer konstanten Bedrohung, die von der modernen Ukraine ausgeht», sagte Putin. «Jede Verantwortung für Blutvergiessen liegt bei dem regierenden Regime in der Ukraine.»

Nato – werden alle Verbündeten schützen

UN-Generalsekretär Antonio Guterres rief Putin auf, die Angriffe einzustellen und dem Frieden eine Chance zu geben. US-Präsident Joe Biden kündigte eine «gemeinsame und entschiedene Reaktion auf die ungerechtfertigte Attacke des russischen Militärs» an. Am Donnerstag berief Biden den nationalen Sicherheitsrat ein. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg kündigte für Freitag einen virtuellen Gipfel an. In Brüssel sagte er, die Allianz (ALV 176.64 -1.57%) werde alles zum Schutz ihrer Mitglieder tun. Mehr als 100 Kampfjets seien in Alarmbereitschaft, um den Luftraum des Nato-Gebiets zu überwachen.

Bundeskanzler Olaf Scholz erklärte, Russland werde einen «bitteren Preis» zahlen. Noch am Abend werde der EU-Gipfel neue Sanktionen gegen Russland beschliessen. «Das ist Putins Krieg», sagte Scholz in Berlin nach einem Treffen des Sicherheitskabinetts. Russland mache einen schweren Fehler und verletze eklatant das Völkerrecht. Ziel der Sanktionen sei es, der russischen Führung zu zeigen: «Für diese Aggression zahlt sie einen bitteren Preis. Es wird sich zeigen: Putin hat mit seinem Krieg einen schweren Fehler begangen.» Der Ukraine sicherte er die «volle Solidarität» Deutschlands zu. Für Sonntag kündigte Scholz eine Regierungserklärung bei einer Sondersitzung des Deutschen Bundestags an. Aussenministerin Annalena Baerbock erklärte: «Die Weltgemeinschaft wird Russland diesen Tag der Schande nicht vergessen.»

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte in Brüssel, dass man russisches Vermögen in der EU einfrieren und russischen Banken den Zugang zu Finanzmärkten abschneiden werde. Russland werde von der Technologie abgeschnitten, die notwendig sei, um die Zukunft zu bauen. «Die EU wird das härtestes Sanktionspaket beschliessen, dass sie je beschlossen hat», sagte der EU-Aussenbeauftragte Josep Borrell. Beide betonten, dass die EU die Ukraine weiter unterstützen werde. «Wir stehen an der Seite der Ukraine», sagte Borrell. Die 27 EU-Staats- und Regierungschefs treffen am Abend zu einem Sondergipfel zusammen.

Die russische Regierung sieht sich Agenturberichten zufolge in der Lage, die Folgen von Sanktionen abzufedern. Russland habe genug Rücklagen, um die Stabilität des Finanzsystems zu gewährleisten, teilte die Moskauer Führung laut der Nachrichtenagentur Interfax mit. Die Regierung stehe bereit, um die Finanzmärkte und die grössten russischen Unternehmen vor den Folgen von Sanktionen und anderen Bedrohungen zu bewahren, meldete Tass.

Öl und Gold legen zu, Aktien auf Talfahrt

An den internationalen Börsen loste der russische Angriff auf die Ukraine ein Beben aus. Weltweit gingen die Aktien auf Talfahrt, während die Rohstoffpreise in die Höhe schnellten. ErdölOILOIL kostete erstmals seit 2014 wieder mehr als 100 Dollar je Fass, was Ängste vor einem neuen Inflationsschub schürte. Gleichzeitig versuchten Investoren abzuschätzen, welche wirtschaftlichen Folgen die geplanten Sanktionen des Westen gegen Russland haben werden. Der deutsche Leitindex Dax.GDAXI verlor 5,2% auf 13.870 Punkte und steuerte auf den grössten Tagesverlust seit etwa zwei Jahren zu. Der Moskauer Leitindex RTS.IRTS verbuchte einen Rekord-Kurssturz von gut 50% und notierte mit 610,33 Punkten so niedrig wie zuletzt vor sechs Jahren. Die russische Währung geriet ebenfalls unter die Räder und fiel auf ein Rekordtief. Im Gegenzug stiegen DollarRUB= und EuroEURRUB= jeweils mehr als 10% auf 89,9855 beziehungsweise 101,0273 Rubel.