Meinungen

Russlands Rätsel – und seine realen Interessen

Der Westen und Moskau finden nicht zueinander. Die Sicherheitsanliegen des Kreml berechtigen ihn nicht zu Dominanz über den Osten Europas. Ein Kommentar von FuW-Redakor Manfred Rösch.

Manfred Rösch
«Die Triebkräfte sind das Streben nach imperialer Grösse und das Ressentiment gegen alles Westliche.»

Einer der grössten Romane deutscher Sprache ist Joseph Roths «Radetzkymarsch». Manche Passagen dieses Meisterwerks, erschienen 1932, lassen einen gerade dieser Tage bei der Lektüre frösteln. Das gilt ganz besonders für die Schilderung des aufziehenden Unheils an der seinerzeitigen Grenze zwischen der Donaumonarchie und Russland. Über ein galizisches Garnisonskaff – nachgebildet Roths Heimatstadt Brody, grob auf halbem Weg zwischen Kiew und Warschau – strich vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs bereits «der grosse Atem des grossen feindlichen Zarenreiches».

Noch besuchten sich die Offiziere hüben und drüben, noch halbwegs in Kameraderie. Doch Roth zeichnet fein nach, welche Seite alerter ist – die berittenen Russen: «Es war, als schwebten die Kosaken über das Gefilde.» Dagegen latschten die lustlosen, oft dem Suff ergebenen Soldaten des habsburgischen Vielvölkerstaats gelangweilt ins Feld.

Das erinnert von Ferne an die Stimmung zwischen der Vielvölker-EU und dem Russland von heute. Das ruppige Moskauer Regime rasselt mit dem Säbel, wenngleich nunmehr ein paar hundert Kilometer östlich von Brody; die Europäer weiter westlich überlassen Drohkulisse und Diplomatie notgedrungen der Schutzmacht Amerika.

Sterben für Kiew?

Europas Staaten sind eben von Kopf bis Fuss auf Frieden eingestellt – liebenswert, jedoch weltfremd. Das gilt auch für die neutrale Schweiz. Exponiertere Länder sind wachsamer. Finnland beschafft den gleichen amerikanischen Kampfjet, den das Schweizer Volk womöglich nicht wird kaufen wollen (die Linke hierzulande untergräbt die Landesverteidigung, die Bürgerlichen stützen sie nur halbherzig).

Finnland hat keine Lust auf eine abermalige «Finnlandisierung» wie während des Kalten Krieges; die schutzlosen baltischen Länder sehnen sich nicht nach russischer Besatzung zurück. Estland, Lettland, Litauen und das einschlägig erfahrene Polen verlassen sich, auf wen sonst, auf die USA. Polen grenzt an die bedrohte Ukraine und an Belarus, wo Puppenspieler Putin Regie führt; an den Fäden hängt die Tyrannenfigur Lukaschenko.

Apropos Polen: 1939 schrieb der französische Sozialist, später Nationalsozialist und Kollaborateur Marcel Déat, der einen Krieg Frankreichs gegen Hitler-Deutschland vermeiden wollte, einen Zeitungs­artikel unter der sogleich berüchtigten rhetorischen Titel-Frage «Faut-il mourir pour Dantzig?». Heute hiesse es sinngemäss: Muss man für Kiew sterben?

Fragile Souveränität

Nein, Soldaten europäischer Heere werden zwar wohl mobilisiert werden, sollten Putins Panzer wahrhaftig in die Ukraine rollen, doch zu halten wäre eher erst die Nato-Aussengrenze, weitgehend deckungsgleich mit derjenigen der EU.

Ja, für Kiew müssten vor allem Ukrainer selbst sterben – die man eigentlich besser darüber abstimmen lassen sollte, was sie denn wollen: ein Rapprochement mit Russland («Back to the Future») oder eines mit dem Westen? Oder eine beidseitig garantierte Neutralität, einen prekären Pufferstatus? Nur zählt in diesem geostrategischen Seilziehen die Ukraine nicht als völkerrechtliches Subjekt, bloss als Objekt.

Die Souveränität der Ukraine ist für die in Russland herrschende Kaste ein Skandal. Es kursiert unter Kremlologen sogar die gewagte These, just der Abfall Kiews verunmögliche es Russland, sich mit dem Westen zu arrangieren. Appeasement, Version 2022, hiesse demzufolge, Moskau in der Ukraine gänzlich freie Hand zu lassen, nachdem es sich bereits die Krim und den Donbas gekrallt hat, und danach auf ewigen Frieden mit einem saturierten Russland zu hoffen (und dafür zu beten).

Im Geist des 19. Jahrhunderts

Ausschlaggebend für die westöstliche Irritation ist Moskaus Staatsverständnis. Russland war nie ein moderner Nationalstaat und ist nicht auf dem Weg dorthin. Es war nie ein Rechtsstaat, bestenfalls ganz kurz eine Art Demokratie, ist nicht wirklich eine Marktwirtschaft, hat keinen befruchtenden Dualismus Kaiser-Kirche erlebt, keine Renaissance, Reformation und Aufklärung verdaut, dafür ein wahnwitziges marxistisches Grossexperiment und ungeheure Kriege durchstanden.

Russland ist ein altmodisches Imperium mit neumodischen Waffen. Die Triebkräfte des Regimes sind das Streben nach imperialer Grösse und das Ressentiment gegen alles Westliche. Das sind historische Konstanten; sollte Putin in sehr entlegener Zukunft nicht mehr herrschen, verhiesse das kaum ein Umdenken. Sein unverfrorener Anspruch, mit Amerika über die Köpfe aller direkt Betroffenen hinweg Einflusssphären abzustecken, ist ganz im Geist des 19. Jahrhunderts. Mit Bismarck hätte sich Putin prächtig verstanden.

All das rational durchdringen zu wollen, ist zwecklos. Jedenfalls sind typisch westliche, ja ausgesprochen schweizerische «Argumente», Russland sei für einen grossen Krieg wirtschaftlich zu schwach und Putin viel zu klug, um ein solches Wagnis einzugehen, von biedersinniger Blauäugigkeit: Hier spricht quasi der Buchhalter Nötzli. Doch auch ein ungleich grösserer Geist, Winston Churchill, resignierte ob des Rätsels Russland: «Russia is a riddle wrapped in a mystery inside an enigma.» Vielleicht liegt gerade in der seltener zitierten Fortsetzung dieses Satzes der Schlüssel: «…but perhaps there is a key. That key is Russian national interest.» Am griffigsten sind in der Tat die realen Sicherheitsinteressen.

Gefangene der Geografie

Dass die Vorstellung, in Charkiw stünden Raketen oder auch «nur» Panzer der Nato, jeden Kreml-Chef beunruhigen wird, liegt auf der Hand. Als Chruschtschow 1962 auf Kuba Atomraketen installierte, war Washington auch alarmiert, mit Grund. Wer auch immer Russland regiert, selbst falls es eine lupenrein demokratische legitimierte und institutionell eingehegte Person sein sollte (wohl Science Fiction), wird aus strategischen Gründen danach trachten, in Richtung Westen so etwas wie ein Glacis zu sichern: als Gefangener der Geografie.

Kein Gewässer, kein Gebirge versperrt eine Invasion Russlands von Westen. Napoleon und Hitler, die mit ihren Attacken zur Heranbildung von Moskaus aggressiver Paranoia beigetragen haben, konnten in der nordeuropäischen Tiefebene, idealem Offensivterrain, vorstossen, ohne auf natürliche Hindernisse zu treffen.

Doch es ist nicht dasselbe, auf diese Bedürfnisse seriös einzugehen oder aber dem Kreml ein Vetorecht ungefähr über den früheren Warschauer-Pakt-Raum zu gewähren. Falls sich Putin Sicherheit einzig als Suzeränität über Ost- und Mitteleuropa, als Revision von 1989/90 vorstellen kann und will, ist mit Krieg zu rechnen. Womöglich nach der Schlussfeier der Olympischen Spiele in Peking am 20. Februar; Putin wird es sich kaum leisten, seinem überaus ehrpingeligen «Freund» und Diktator-Kumpanen Xi Jinping das Defilee zu vermiesen. Oder doch?

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