Edouard Manets Meisterwerk «Le déjeuner sur l’herbe» hängt im Musée d’Orsay. Noch. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis jemand seine unerträgliche Anstössigkeit anprangert: entblösste Frauen, unter struktureller Gewalt von Männern (weiss, bürgerlicher Habitus!). Der Salon de Paris lehnte 1863 das Bild ab, zu risqué für damals. Heute vielleicht auch wieder. Ein halbes Jahrhundert nachdem die ’68er für Freizügigkeit revoltierten, toben sich ihre Epigonen (oder Epigon*innen) in reaktionärem Säuberungswahn aus. In Manchester wird ein Nymphen-Helgen eingekellert, an einer Berliner Schulhausfassade wird blumiger Minnesang überpinselt. Bedenklich daran ist weniger das Banausische, Barbarische, Bornierte – das ist ohnehin Teil des Alltags. Wirklich bösartig ist der Glaubenseifer, der solche Zensur- und Inquisitionskampagnen motiviert, der anmassende Gesinnungsabsolutismus, gepredigt von einem Klerus vormundschaftssüchtiger Bonsai-Intellektueller. Tja, alles schon dagewesen, ob rot, ob braun. Seinerzeit war immerhin das Rettende nah: Kaiser Napoleon III., ausgerechnet, liess die von der Jury abgewiesenen Gemälde Manets, Cézannes, Courbets, Pissarros ausstellen, im «Salon des Refusés».