Der portugiesische Missionar Francisco Álvares erblickte 1521 als einer der ersten Europäer die Wallfahrtskirchen von Lalibela – aus einem Stück von oben nach unten in den ­Basaltboden gemeisselt, wie hier die Sankt-Georgs-Kirche. Álvares beschrieb diese Kulturwunder in seinem Reise­bericht, fürchtete jedoch, es werde ihm ohnehin niemand glauben. Äthiopien ist ein Sonderfall in Afrika. Das Christentum breitete sich dort  ab dem 4. Jahrhundert aus, mitsamt seiner Schriftkultur. Das Land hat eine staatliche Tradition von wenigstens 2000 Jahren – Reich von Aksum, Abessinien – und war nur kurz kolonisiert (durch Mussolinis Kriegs­helden). Kaiser Haile Selassie, verehrt als Nachfahre Salomos und wiedergekehrter Messias, wurde 1974 von kommunistischen Militärs gestürzt; auch dieser Realsozialismus wütete verheerend. 1991 wurde das rote Regime hinweggefegt. Nach der Jahrtausendwende setzte im verarmten Land dank Reformen zügiges Wirtschaftswachstum ein. Nun fragt es sich, ob dieser Modernisierungsschub ins Stocken kommt. Der Vielvölkerstaat wird von seinem alten Übel heimgesucht: Separatismus. 1993 brach Eritrea weg. Das Blutvergiessen im späteren Grenzkonflikt müsste eine Warnung sein. (Bild: ZVG)