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Schadet der Finanzplatz Zürich der Wirtschaft?

Eine Strukturstudie von Bak Basel und Seco untersucht den Zusammenhang zwischen Finanzsektor und Wirtschaftswachstum. Sie kommt zu unerwarteten Schlüssen.

«Der Finanzsektor und die Wirtschaft: Stütze oder Last?» Das Wirtschaftsforschungsinstitut Bak Basel hat im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) im Juni eine Strukturstudie zu diesem Thema veröffentlicht, damals aber kaum Beachtung gefunden. Der Finanzsektor, einst als Schlüsselsektor für Wachstum und Dynamik gelobt, der den schwindenden Wertzuwachs der Industrie in den westlichen Wirtschaften kompensiere, geriet in der weltweiten Finanzkrise unter Druck und mutierte zum Sanierungsfall.

Die Basler Ökonomen untersuchen die Aussage des Seco von letztem Jahr, in der Schweiz erzeuge der Finanzsektor einen bedeutenden Anteil des Bruttoinlandprodukts (BIP), und die finanzielle Intermediation liefere Wachstumsimpulse für die Gesamtwirtschaft, die die Zins- und Kommissionsgewinne der Finanzintermediäre überstiegen. Der Finanzsektor sei also Stütze und nicht Systemrisiko.

Zusammenhang geringer als erwartet

Die empirische Studie – methodologisch und theoretisch breit abgestützt – untersucht den Zusammenhang zwischen Finanzsektor und Wirtschaftswachstum in neunzehn OECD-Ländern mit Schwerpunkt Schweiz. Für Schwellen- und Entwicklungsländer gibt es bereits viel Evidenz für den positiven Zusammenhang zwischen einer funktionierenden Finanzindustrie und dem Wachstumspotenzial einer Wirtschaft. Für entwickelte Länder ist die Datenlage viel dünner, dem wollten die Autoren abhelfen. Sie liefern ein paar interessante Resultate.

Für hochentwickelte Länder ist es – im Gegensatz zu der weitverbreiteten Annahme – nicht möglich, einen eindeutigen Zusammenhang zwischen finanzieller Entwicklung und Wirtschaftswachstum zu identifizieren. Ein positiver Zusammenhang bestehe, aber ab einer bestimmten Entwicklungsstufe könne die traditionelle Hypothese, die Finanzbranche fördere die Kapitalallokation, nicht mehr klar gestützt werden. Mit zunehmender Grösse des Finanzsektors nähmen die Vorteile zusätzlicher Finanzdienstleistungen ab.

Kritische Grösse erreicht

Das Herabbrechen der Daten auf regionale Ebene zeigt, dass Branchen mit einer tendenziell kleineren Unternehmensgrösse, wie der Dienstleistungssektor, eher von regionalen Finanzdienstleistungen abhängig sind als der Industriesektor. Die Wachstumsimpulse gehen aber auch in die entgegengesetzte Richtung: Wächst der Dienstleistungssektor, profitiert die Finanzindustrie. Auch auf regionaler Ebene macht die Studie einen abnehmenden Mehrwert aus. Die kritische Grösse liege bei einem Beschäftigungsanteil des Finanzsektors von 8%. Nur wenige Regionen erreichen diesen Anteil – aber in Zürich lag er 2010 bei 10,5%.

Das deute darauf hin, dass der Finanzplatz Zürich eine Grösse erreicht habe, die das Wirtschaftswachstum eher hindere als fördere – z.B. weil der Finanzsektor zu viele hochqualifizierte Arbeitskräfte binde, zulasten der Exportindustrie. Ebenso belaste die Tatsache, dass der Franken als sicherer Hafen gelte, exportorientierte Branchen.

Die Autoren weisen auch darauf hin, dass ein finanziell hochentwickeltes Land wie die Schweiz die Regulierung des Finanzsektors stets überwachen und veränderten Bedingungen anpassen müsse. Nur so könne die Finanzbranche der Gesellschaft dienen und ihre Funktion als Netzwerksektor und Katalysator für die Wirtschaft erfüllen.