Meinungen

Schafft der Kapitalismus sich ab?

Durch die langsam wachsende Produktivität fehlt dem Wirtschaftsprozess das Elixier des Wohlstands. Ein Kommentar von Joachim Voth.

Joachim Voth
«Durchbrüche werden oft durch staatliche Intervention und Monopolisten erreicht.»

Sorgen über die Zukunft eines freien Wirtschaftssystems sind so alt wie der Kapitalismus selbst. Bereits Karl Marx erwartete, dass eine stete Zunahme des Kapitalstocks zu immer geringeren Renditen führen würde.

Gleichzeitig würde die Ausbeutung der Arbeiter zunehmen, bis es – unausweichlich – zur Revolution kommen müsse. Gut 150 Jahre später ist man versucht, über solche Horrorszenarien zu lächeln. Der Kapitalstock hat sich vervielfacht, den Arbeitern geht es in den meisten Ländern besser als je zuvor, und Revolutionen jeder Art sind in weite Ferne gerückt.

Doch so leicht es ist, Marx’ apokalyptische Visionen wegzuwischen, so besorgniserregend sind die langfristigen Wachstumstrends der vergangenen Jahrzehnte. In den USA stieg die jährliche Wirtschaftsleistung pro Stunde zwischen 1920 und 1970 um 2,8%.

Seit 1970 sind es nur noch 1,6%, ein Rückgang um fast die Hälfte. Ein Blick auf die Faktoren, die das Wachstum treiben, ist besonders beängstigend. In beiden Perioden trugen mehr Kapital und mehr Bildung ca. 1% bei.

Das aber heisst, dass die Produktivität in den vergangenen vierzig Jahren nur noch 0,65% pro Jahr gewachsen ist – 1920 bis 1970 lag die Wachstumsrate noch dreimal so hoch.

Damit fehlt dem Wirtschaftsprozess aber das Elixier des Wohlstands. Weder Bildung noch Kapital gibt es umsonst – beide stellen «Investitionen» dar, für die jemand Zeit und Geld aufwenden muss.

Produktivitätswachstum hingegen bedeutet, dass mit existierenden Ressourcen mehr produziert werden kann, ohne zusätzliche Kosten. Genau daran, am technischen Fortschritt gemessen in Wirtschaftsleistung, fehlt es zunehmend.

Moore’s Law vor dem Ende?

Der Rückgang der Wachstumsraten sieht im Rest der OECD nicht viel anders aus; überall liegt die langfristige Steigerung der Wirtschaftsleistung weit unter den Raten der Nachkriegszeit. Wie kann das sein? Sehen wir nicht jeden Tag Beispiele neuer Technologien – sind wir nicht umgeben von Apps, Smartphones, Streaming-Musikdiensten, künstlicher Intelligenz?

So sehr wir uns für den Unterhaltungswert neuer IT-Produkte begeistern, so wenig substanziell erscheint der Fortschritt der letzten Jahrzehnte im Vergleich zu früheren Durchbrüchen. Das Internet ist nett, doch ist es wichtiger als die Elektrifizierung? Sind Elektroautos bedeutsamer als die Erfindung des Automobils, Telemedizin als Penizillin?

Den Rhythmus des technischen Fortschritts kann man nur über die Produktivität leicht messen. Ist es wirklich schwieriger geworden, zu technischen Durchbrüchen zu kommen? Dagegen spricht scheinbar die empirische Regelmässigkeit von Moore’s Law, die Tatsache, dass sich die Transistordichte von Siliziumchips alle zwei Jahre verdoppelt.

Das klingt erst mal nach stetigem Fortschritt. Doch Ökonomen vom MIT und von Stanford haben kürzlich untersucht, wie viel Forschungs- und Entwicklungspersonal nötig ist, um diesen steten Gewinn an Rechenleistung zu produzieren.

In den Siebzigerjahren genügten ein paar Männer und Frauen in den Forschungsabteilungen, um die Transistoren enger rücken zu lassen. Heute sind achtzehnmal so viele Personen notwendig, um die gleiche Zunahme zu erreichen.

Der Fortschritt der Rechenleistung ist viel geringer als die technologische Verbesserung je Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung (F+E), die stetig sinkt: Soll Moore’s Law weitere fünfzig Jahre halten, müssen bald breite Teile der US-Bevölkerung für den Forschungsprozess rekrutiert werden, was natürlich absurd ist.

Moore’s Law ist kein Einzelfall. In vielen Sektoren sieht es ähnlich aus. Immer mehr Forscher werden eingesetzt, um bspw. in der Medizin die Technologien zu verbessern – und jeder Fortschritt wird mit immer mehr Personal erkauft.

Während die ersten systematischen Versuche, in kleinen Gruppen neue Pharmaka zu finden, mit Wundermedikamenten wie Penizillin und Aspirin belohnt wurden, sind heute milliardenteure Armeen von Wissenschaftlern notwendig, um immer marginalere neue Heilmittel zu erzeugen.

In einigen Bereichen der Technologie gibt es überhaupt keinen klaren Fortschritt mehr – so ist die Geschwindigkeit von Passagierflugzeugen seit vierzig Jahren gleich geblieben.

Neigt sich die gigantische Steigerung der Wirtschaftsleistung pro Kopf, die vor 300 Jahren in England begonnen hatte, also dem Ende zu? Ein Chef des US-Patentamts witzelte Ende des 19. Jahrhunderts, dass alles, was erfunden werden könne, bereits erfunden sei. Das stellte sich im Rückblick als falsch heraus.

Wird die Zukunft uns erneut überraschen? Niemand kann genau vorhersehen, was wann erfunden werden wird. Doch wir können systematisch darüber nachdenken, woher die grossen Basisinnovationen der Vergangenheit kamen und was getan werden kann, um wieder etwas mehr Schwung in die Entwicklung neuer Technologien zu bringen.

Eine oft übersehene Tatsache ist, dass der Wettbewerb zwischen Unternehmen nur selten zu wirklichen Durchbrüchen anspornt. Wenn Firmen um Marktanteile kämpfen und auf die Kosten achten müssen, fehlt häufig der lange Atem, um auf das «nächste grosse Ding» zu setzen.

Viele Durchbrüche, die für einen guten Teil des technologischen Fortschritts in jüngerer Zeit verantwortlich waren, kamen aus staatlichen Technologieprogrammen oder den Forschungslabors von Quasi-Monopolisten. In der US-Computertechnologie ist die Verbindung besonders schlagend – ohne Kalten Krieg, Mondlandung und die Subventionen des Pentagons gäbe es keine moderne Computerindustrie.

Düsenflugzeuge verdanken wir den deutschen Rüstungsanstrengungen im Zweiten Weltkrieg, das Internet der Pentagon-Forschungsbehörde Darpa und die Atomtechnologie dem Manhattan Project, das die erste Kernwaffe entwickelte.

Andere Durchbrüche kamen von Monopolisten. Bell Labs, die Forschungseinrichtung des amerikanischen Telefonmonopols AT&T (T 31.69 0.28%), beschäftigte acht Nobelpreisträger, die unter anderem den Transistor und den Laser erfanden.

IG Farben, der deutsche Chemie- und Pharmagigant der Zwischenkriegsjahre, beschäftigte vier Nobelpreisträger, die unter anderem die Plastikherstellung und die Stickstoffgewinnung revolutionierten.

In Grundlagenforschung investieren

Es scheint also klar, dass grosse Durchbrüche häufig eher durch staatliche Intervention und die langfristig ausgerichtete Grundlagenforschung von Quasi-Monopolisten erzielt werden. Der abklingende Fortschritt seit 1970 ist so leichter erklärlich.

Überall in der westlichen Welt sind die staatlichen Rüstungs- und Forschungsausgaben deutlich zurückgegangen, besonders als klar wurde, dass die Sowjetunion den Westen weder wirtschaftlich noch militärisch noch technisch schlagen kann.

Zugleich wurde immer stärker dereguliert, wurden Monopole aus politischen Gründen oder in der Hoffnung auf grosse Effizienzgewinne aufgespalten.

Weniger Rüstungsausgaben bedeuteten oft mehr Sozialstaat, zugunsten sozialer Gerechtigkeit; das Ende der Monopole in Telefonie und Flugverkehr sorgte für niedrigere Preise und bessere Dienstleistungen.

Diese handfesten Vorteile aus dem Ende des Kalten Krieges und der Deregulierung wurden wegen des nachgebenden technischen Fortschritts mit einer ärmeren Zukunft erkauft.

Der Kapitalismus schafft sich also nicht notwendigerweise selbst ab; was fehlt, sind die richtigen, oft staatlich geleiteten Investitionen in die Grundlagenforschung. Es muss nicht immer Krieg oder die Gefahr von Krieg sein, die zu höheren Forschungsausgaben motivieren.

Wer langfristiges Wachstum wichtig findet, sollte sich beim Thema Monopolstellung einzelner Firmen entspannen. Niemand mag es, als Kunde einer Firma mit Marktmacht ausgenutzt zu werden.

Doch dort, wo etwa das Steuersystem Unternehmen mit dominanter Position die Investitionen in F+E schmackhaft macht, kann aus Marktmacht ein Gewinn für alle werden.

Leser-Kommentare