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Schattenspiel der Grossbanken

Grosse Finanzinstitute warnen, Überregulierung fördere den Schattenbankensektor – doch genau dort sind sie bereits aktiv. Ein Kommentar von Simon Johnson.

Simon Johnson, Washington
«Der richtige Ansatz besteht darin, übermässige systemische Risiken zu suchen und zu verhindern, wann immer sie sich manifestieren.»

Einer der grossen Mythen, die von den sehr grossen Finanzinstituten propagiert werden, ist, dass sich viele Anleger und Finanztransaktionen, wenn die Finanzinstitute wieder effektiv reguliert würden, in den Schattenbankensektor flüchten würden.

Das klingt schlimm. Alles, was sich im Schatten abspielt, muss in finsterer Absicht geschehen, potenziell gefährliche Konsequenzen haben oder beides. Und die Schattenhaftigkeit impliziert, dass man nichts dagegen tun kann – was auch immer da ist, muss sich ausserhalb der Reichweite von Regulierungsbehörden oder einer wirksamen Aufsicht befinden. Also würden die Risiken für das Finanzsystem vielleicht wachsen und gar nicht abnehmen, wenn wir die sehr grossen Nicht-Schattenbanken einer ordnungsgemässen Regulierung unterzögen.

So viel zu furchterregenden Märchen. In Wahrheit gibt es drei Arten von Schattenaktivitäten, die alle offensichtlicher Art sind, für alle sichtbar ablaufen und auf unkomplizierte und verantwortliche Weise der Kontrolle unterzogen werden könnten. Ob der politische Wille vorhanden ist, effektive Kontrollen umzusetzen, ist, wie immer, eine andere Frage – vor allem, weil die Grossbanken sehr mächtig sind und es gern hätten, wenn es im Schatten so schattig bliebe, wie das derzeit der Fall ist.

Möglichst wenig Eigenkapital

Die erste Gruppe der Schattenaktivitäten umfasst diejenigen, die von den Banken selbst durchgeführt werden, etwa um die Höhe des benötigten Eigenkapitals zu verringern. Die Leute, die die Grossbanken betreiben, arbeiten gern mit Fremdkapital: Mehr Kreditaufnahme (und weniger Eigenkapital) bedeutet, dass sie – wenn alles gut geht (ohne Risikobereinigung) – eine höhere Kapitalrendite erzielen. Es bedeutet auch – wenn die Dinge schlecht laufen – höhere Verluste. Diese freilich sind der Grund, warum es gut ist, gross zu sein – man bekommt dann mehr Schutz vom Federal Reserve oder von anderen offiziellen Stellen.

So gründete die Citigroup vor 2007 Zweckgesellschaften für Anlagen in hypothekenbezogene Wertpapiere. Sie finanzierte diese Aktivität über eine Menge kurzfristiger Kredite und eine hauchdünne Eigenkapitaldecke. Solange der Markt boomte, galten die Urheber derartiger Modelle als Genies. Als aber die Häuserpreise fielen und die hypothekenbesicherten Wertpapiere (und die darauf basierenden Derivate) illiquid wurden, schob die Citigroup die Verbindlichkeiten zurück in ihre Bilanz – und musste dann durch wiederholte massive Bailouts gerettet werden.

Diese Schattenaktivitäten waren das Werk der Citigroup und anderer grosser, komplexer Finanzinstitute, die der Regulierung unterliegen. Ihr Boom-und-Bust-Charakter spiegelte nichts anderes als das Versagen – oder die Weigerung – der zuständigen Regulierungsstellen, die bestehenden Risiken zu verstehen. Die Regulierer hatten sich «vereinnahmen» lassen, d.h., sie identifizierten sich so sehr mit der geistigen Perspektive und Weltsicht grosser komplexer Finanzinstitute, dass sie sie bei etwas gewähren liessen, das tatsächlich sehr gefährlich war.

Unglücklicherweise bestehen die Schatten dieser Grossbanken trotz allem, was wir in den letzten fünf Jahren durchgemacht haben, in verschiedenen Formen weiter fort – und die Regulierer scheinen nicht ausreichend geneigt, das Licht anzuschalten.

Die zweite Gruppe der Schattenaktivitäten umfasst bankartige Aktivitäten, die sich tatsächlich ausserhalb der Banken abspielen. Das augenfälligste Beispiel sind Geldmarktfonds. Diese Unternehmen nehmen Geld von Anlegern entgegen und kaufen davon unterschiedliche Arten von Vermögenswerten, von denen einige riskant sein können – wie etwa kurzfristige Unternehmensanleihen.

Das Problem ist, dass diese Fonds den Eindruck erwecken, bei ihnen investierte Gelder seien genauso sicher wie Einlagen bei einer versicherten Bank. So können Sie Schecks auf ein Geldmarktkonto ausstellen, und Ihr monatlicher Kontoauszug zeigt für das Konto einen stabilen Wert an – genau wie bei Ihrem Bankkonto. In Wahrheit schwankt der Wert der von derartigen Fonds gehaltenen Vermögensanlagen, und es ist nur eine (von den Regulierungsbehörden tolerierte) buchhalterische Konvention, die es ihnen gestattet, einen stabilen Wert auszuweisen. Zeichnet sich die Möglichkeit ab, dass ein Geldmarktfonds seine Anleger nicht voll auszahlen kann – wie es nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008 passiert ist –, ist infolgedessen der Teufel los.

Kürzlich gab es ähnliche Befürchtungen, als sich herausstellte, dass verschiedene US-Geldmarktfonds in grossem Umfang Kredite an europäische Banken vergeben hatten. Und auch einige führende US-Banken stützen sich auf die Finanzierung durch den Geldmarkt; auch hier haben die «Schatten» und die Banken gleich gerichtete Interessen.

Kreativität der Banker nicht unterschätzen

Es gibt eine einfache Lösung für dieses Problem: Man muss die Geldmarktfonds nur verpflichten, den tatsächlichen Zeitwert ihres Anlagevermögens auszuweisen, damit jeder versteht, dass es keine feststehende Zahl ist. Einige US-Regulierer drängen in diese Richtung. Unglücklicherweise üben die Geldmarkfonds – und ihre Freunde in den Grossbanken – erheblichen Gegendruck aus.

Die dritte Gruppe von Schattenaktivitäten umfasst Aktivitäten, die möglicherweise erst noch aufkommen werden. Wir sollten die Kreativität der Financiers bei der Umgehung der Eigenkapitalvorschriften und der Aufnahme von möglichst viel Fremdkapital nicht unterschätzen. Ein brillantes Buch von Anat Admati und Martin Hellwig mit dem Titel «Des Bankers neue Kleider» zeigt die Allgegenwart dieses Problems und seine potenziell verheerenden Auswirkungen für die Volkswirtschaft.

Der richtige Ansatz besteht darin, übermässige systemische Risiken zu suchen und zu verhindern, wann immer sie sich manifestieren. Die US-Behörden haben den gesetzlichen Auftrag dazu erhalten. Die Frage ist, ob sie sich gegen die mächtige Lobby der Grossbanken und ihrer schattenhaften Verbündeten werden durchsetzen können.

 

Copyright: Project Syndicate.

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