Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier US-Wahlen 2016
Märkte / Makro

Schlechte Vorzeichen für den Welthandel

Rund um den Globus werden zurzeit mehr Handelshemmnisse auf- denn abgebaut. Ein US-Präsident Donald Trump dürfte diese Entwicklung weiter verstärken.

Vieles wurde im Vorfeld der US-Wahlen über die protektionistische Agenda Donald Trumps geschrieben. Mit welcher Vehemenz der neue US-Präsident seine Versprechen umsetzen wird, ist vorerst kaum abzuschätzen. Klar scheint einzig, dass der Einzug eines Isolationisten ins Weisse Haus für den Welthandel zu einem äusserst ungünstigen Zeitpunkt geschieht. Denn bereits jetzt schwingt das Pendel in Richtung verstärkter Handelshemmnisse zurück.

Trump dürfte es sich kaum leisten können, seine Wählerschaft zu enttäuschen. Spürbar hat er von Stimmen aus dem US-Mittelstand profitiert, die sich als Verlierer der Globalisierung fühlen – und entsprechend wohlwollend auf seine Zusicherungen reagierten, die Abwanderung von Jobs ins Ausland zu unterbinden.

Wachstum ungleich verteilt

Tatsächlich belegen Studien, dass sich die Liberalisierung des Welthandels gesamthaft positiv ausgewirkt hat – der Nutzen sich dabei aber äusserst ungleich verteilte. So verzeichnete die Mittelschicht in Schwellenländern wie China zwischen 1988 und 2008 einen gewaltigen Einkommenszuwachs. Die Reallöhne der Mittelschicht in Industriestaaten wie den USA, Deutschland, Japan – um das 80. Perzentil der globalen Einkommensverteilung angesiedelt – haben im gleichen Zeitraum jedoch praktisch stagniert.

Welche Massnahmen könnte der neue US-Präsident nun nach seinem Amtsantritt ergreifen? In seinem Wahlprogramm hat Trump sieben Punkte definiert, die gewisse Rückschlüsse erlauben: Möglich wäre etwa, sich aus dem noch zu ratifizierenden transpazifischen Freihandelsabkommen TPP zurückzuziehen.

Auch das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta zwischen den USA, Kanada und Mexiko scheint gefährdet. Trump hat angekündigt, die seiner Ansicht nach unfairen Vertragsbedingungen neu verhandeln zu wollen. Sollte dabei keine Einigung erzielt werden, würden die USA das Bündnis verlassen. Ein solcher Schritt wäre laut Nafta-Bestimmungen sechs Monate nach der Information der Vertragspartner möglich.

Trump hat zudem angedroht, aus der Welthandelsorganisation WTO auszutreten, sollten gewisse Forderungen nicht umgesetzt werden. Die WTO-Statuten würden es erlauben, sich bereits sechzig Tage nach dem Einreichen des Gesuchs aus dem Bündnis zu verabschieden.

Trump könnte viele dieser Massnahmen autonom umsetzen, wurden doch über die letzten Jahrzehnte immer mehr Befugnisse in den Händen des Staatsoberhaupts konzentriert. Während etwa der Abschluss neuer Verträge vom Kongress abgesegnet werden muss, können bestehende Abkommen vom US-Präsidenten eigenmächtig aufgelöst werden.

Wie sähen die ökonomischen Folgen einer zunehmenden Abschottung aus? Eine Prognose wagt das Peterson Institute for International Economics (PIIE), das auf Basis eines Wirtschaftsmodells von Moody’s diverse Szenarien durchgerechnet hat: Der schlimmstmögliche Fall wäre ein US-Rückzug aus der Nafta bei gleichzeitiger Einführung von Strafzöllen auf mexikanische und chinesischen Importe, worauf Mexiko und China ihrerseits mit höheren Handelsabgaben kontern würden. In diesem Szenario fielen die USA bereits 2019 in eine Rezession zurück, während die Arbeitslosenrate auf fast 9% kletterte. Rund 4 Mio. Stellen gingen dabei verloren.

Handelskrieg möglich

Auch Europa dürfte sich den negativen Folgen einer handelsfeindlicher eingestellten US-Regierung nicht entziehen können. Gemäss HSBC (5 547.3 1.43%) landen zurzeit zwar lediglich 14% der Eurozonen-Exporte in den Vereinigten Staaten. Doch waren die USA allein letztes Jahr für 40% des Ausfuhrwachstums verantwortlich.

Laut einer Studie der Deutschen Bank sei ein neuerlicher Handelskonflikt zwischen den beiden Parteien nicht auszuschliessen. Die Analysten verweisen auf den «Bananenkrieg» zwischen den USA und der Europäischen Union, der Anfang der Neunzigerjahre begann und sich über zwei Dekaden hinzog.

Ausgelöst wurde der Konflikt durch die Einführung selektiver EU-Zölle auf Bananenimporte, die US-Produzenten wie Dole oder Chiquita benachteiligten. Die Streitigkeiten schwappten auf andere Branchen über und sorgten für Handelseinbussen in Milliardenhöhe – und das, obwohl beide Blöcke als WTO-Mitglieder eigentlich auf deren Schlichtungsinstanzen zurückgreifen konnten.

Immer mehr Hemmnisse

Die protektionistischen Neigungen Donald Trumps kommen zu einem Zeitpunkt, an dem sich der Welthandel bereits in einer Stagnation befindet: Nahmen die globalen Handelsvolumen in den Neunzigern noch 10% pro Jahr zu, schrumpfte die Expansionsrate zwischen 2010 und 2014 auf magere 2%. Seither tendieren die Volumen gar nur noch seitwärts.

Zwar ist dieses Nullwachstum nicht per se auf negative Entwicklungen zurückzuführen. So ist beispielsweise der Trend zu erkennen, dass Produktionsketten verkürzt und an die Absatzmärkte herangeführt werden. Doch mehren sich die Indizien, dass rund um den Globus der Protektionismus auf dem Vormarsch ist. So weist das Forschungsnetzwerk CEPR (Centre for Economic Policy Research) darauf hin, dass weltweit allein 2015 rund 750 neue handelsverzerrende Massnahmen eingeführt wurden. Noch nie war die Differenz zu neuen Liberalisierungsmassnahmen grösser.