Meinungen

Schluss mit der Prämienexplosion

Im Gesundheitswesen steigen die Kosten auch darum stetig, weil für die Gesundheit keine echten Preise existieren. Ein Kommentar von Olivier Kessler.

Olivier Kessler
«Die finanzielle Verantwortungslosigkeit verursacht die stete Zunahme der Gesundheitskosten.»

Eine aktuelle Schätzung des Krankenkassenverbands Santésuisse rechnet für 2019 und 2020 mit einem Anstieg der Gesundheitsausgaben um je 3%. Zu dem gleichen Schluss kommt auch Comparis. Es ist offensichtlich, dass diese Tendenz der Kosten- und Prämienentwicklung so nicht ewig weitergehen kann.

Die Politik kann versuchen, die negativen Folgen für die Bevölkerung für eine gewisse Zeit zu vertuschen – etwa mit Prämienverbilligungen und der Abwälzung der Kosten auf vermögendere Steuerzahler. Doch auch «die Reichen» lassen sich nicht wie eine Zitrone auspressen. Vorher suchen sie das Weite und überlassen die Hauptlast der Umverteilung dem weniger mobilen Mittelstand. Wir müssen die Ursachen des Kostenanstiegs aufspüren und das Problem an der Wurzel packen.

Recht auf Gesundheit?

Ein zentraler Grund, der zum ruinösen Kostenwachstum führt, ist die Vorstellung, es gebe so etwas wie ein «Recht auf Gesundheit». Demnach hätte jeder einen Anspruch an seine Mitmenschen, wonach sie finanziell für seine Gesundheit – ein subjektives Gut – aufzukommen hätten. Um zu verstehen, welche ungewollten Nebeneffekte ein staatlich durchgesetztes «Recht auf Gesundheit» und eine entsprechende Kollektivierung des Gesundheitswesens haben, eignet sich eine Analogie. Mit den gleichen Argumenten könnte man ein «Recht auf Nahrung» einfordern, um den Konsumenten die wahren Kosten der Nahrungsaufnahme zu verschleiern.

Nehmen wir an, sämtliche Konsumenten hätten freien Zugang zu allen Lebensmitteln, weil der Staat die entsprechenden Kosten übernimmt. Was würde geschehen? Die Nachfrage nach einem Gut nimmt zu, wenn der Preis sinkt. Wenn nun jedermann zu tiefen Preisen auch in luxuriösen Gourmet-Restaurants speisen und dort die besten Weine bestellen kann, wird die Nachfrage nach solchen Premium-Produkten steigen.

Die Restaurantbesitzer würden sich über diese zusätzliche Kundschaft und Nachfrage freuen und sich die wahren Kosten gerne vom Staat vergüten lassen. Weniger erfreut wären die Steuerzahler, die mit steigenden Kosten konfrontiert wären. Auch solche, die zuvor noch zurückhaltend und kostenbewusst gespeist und getrunken hatten, sähen sich in Anbetracht der steigenden Steuerlast genervt und würden ihr Konsumverhalten früher oder später ebenfalls anpassen, um sich von den steigenden Zwangsausgaben für Lebensmittel etwas «zurückzuholen».

So dreht sich die Spirale aus Überkonsum und steigenden Kosten weiter, bis sich der Staat zum Handeln gezwungen sieht. Politiker werden etwa vorschlagen, den Restaurantbesitzern ab sofort nur noch die Kosten für eine durchschnittliche Mahlzeit zu erstatten. Was werden die Restaurantbesitzer tun? Sie werden die Premium-Angebote und die besten Weine aus ihrem Sortiment nehmen, weil sie zu einem Verlustgeschäft avancieren. Sie werden billigen Junkfood und Fusel anbieten, weil sich qualitativ gute Nahrungsmittel im Angebot nicht mehr rechnen.

Die Qualität von Lebensmitteln und Ernährung wird abnehmen, die Unzufriedenheit der Bürger wächst. Ein «Recht auf Nahrung» führt bei abnehmender Versorgungsqualität zu explodierenden Kosten. Es gibt keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass die Verwirklichung eines «Rechts auf Gesundheit» bessere Ergebnisse hervorbringt. In Wahrheit ist es gerade die daraus folgende finanzielle Verantwortungslosigkeit, die die stete Zunahme der  Gesundheitskosten hauptsächlich verursacht.

Wenn Sozialversicherungen und der Staat einen Grossteil der anfallenden Kosten übernehmen, führt dies aus individueller Sicht zunächst zu einer scheinbaren Vergünstigung von Gesundheitsleistungen. Auch hier gilt: Wird etwas billiger, steigt die Nachfrage. Dies trifft insbesondere auf den medizinischen Graubereich zu. Statt zum jährlichen Gesundheits-Check geht man alle drei Monate zur entsprechenden Untersuchung. Statt bei Unsicherheit noch etwas abzuwarten, entschliesst man sich sofort für ein MRI. Klar, wenn man die entsprechenden Kosten nicht selbst tragen muss, entscheidet man sich im Zweifelsfall eher für einen Arzttermin zu viel als einen zu wenig.

Der Grund für dieses Verhalten ist die durch den staatlichen Eingriff manipulierte Kosten-Nutzen-Analyse jedes Einzelnen: Wenn der Nutzen nicht im Verhältnis zu den Kosten steht, verzichtet ein rationales Individuum normalerweise auf die Beanspruchung der entsprechenden Leistung. Werden die Kosten künstlich reduziert, erscheint der Nutzen eines zusätzlichen Arztbesuchs wesentlich höher.

Die Folge ist der übermässige Kostenanstieg im Gesundheitswesen. Diese zusätzlichen Ressourcen müssen von anderen Bereichen abgezogen werden. So müssten die Haushalte, um die steigenden Prämien und Steuern bezahlen zu können, beispielsweise bei der Bildung, beim Wohnen oder bei den Medien sparen.

Der Staat ergreift in der Folge – statt auf dieses problematische Drittzahlersystem zu verzichten – Massnahmen zur Dämpfung des Kostenwachstums. Dazu könnte er etwa den Zugang zu Gesundheitsdiensten beschränken, worauf die Gesundheit des Bürgers von den Entscheiden von Bürokraten abhängig wird. Wo das Angebot eingeschränkt wird, ist mit langen Wartezeiten zu rechnen, wie etwa das abschreckende Beispiel Grossbritanniens zeigt.

Oder der Staat zwingt Ärzte und übrige Gesundheitsdienstleister, zu niedrigeren Löhnen zu arbeiten oder auf gewisse Behandlungsmethoden zu verzichten, worauf ihre Motivation und die Qualität ihrer Leistungen abnehmen werden. Auch dürfte es exzellente Ärzte eher in andere Länder mit fairerer Bezahlung und geringerer Regulierungsdichte ziehen.

Liberale Reformen

Das sind keine besonders guten Perspektiven für ein Gesundheitswesen, das bezahlbare, aber auch qualitativ gute Leistungen erbringen soll. Wer unter Schmerzen leidet, der will nicht lange warten und will nicht irgendeine Gesundheitsversorgung: Er will eine möglichst gute Versorgung – und das so schnell wie möglich.

Es führt kein Weg an liberalen Reformen vorbei. In welche Richtung es gehen könnte, zeigt Singapur. Dort ist die Lebenserwartung praktisch gleich wie in der Schweiz. Das Land gibt gemessen an seinem Bruttoinlandprodukt mit 4,3% aber rund dreimal weniger für sein Gesundheitssystem aus als die Schweiz mit 12,2%. Es setzt auf mehr Eigenverantwortung und private Vorsorge. Wir sollten handeln, bevor unser Gesundheitswesen unbezahlbar wird und die Qualität abnimmt.

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