Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Nonvaleur
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Schöpferische Zerstörung

«J’aime flâner sur les grands boulevards, y a tant de ­choses à voir» – was wäre Yves Montand ohne Paris, auf dessen Prachtstrassen es sich so anregend flaniert? Was aber wäre Paris ohne Georges-Eugène Haussmann? Nun, eine mittelalterlich anmutende europäische Stadt, ansehnlich und ­putzig wohl, eine von vielen, eben nicht die elegante, einzigartige Weltstadt, wie wir sie kennen. 1853 bis 1870 pflügte Haussmann die Stadt um und verlieh ihr das Antlitz einer modernen Metropole des Industriezeitalters. Das war die wilde Spekulanten-Epoche des «Second Empire», als Napoléon III. Kaiser der Franzosen war. Der wollte sein Reich und damit vor allem ­Paris «à la tête de la civilisation» stellen; damals waren etwa London oder St. Petersburg weitaus glanzvoller. Für dieses gewaltige Werk wählte und bevollmächtigte der Kaiser den damals noch unbekannten Haussmann – weder Stadtplaner noch Architekt, sondern Jurist und Unterpräfekt in der Provinz, doch dort aufgefallen als tatkräftiger Organisator.

Als Préfet de la Seine hatte er freie Hand zum Abreissen und Aufbauen: Alleen, Plätze, Quais, Parks, Brücken, Theater, Bahnhöfe, Kanalschächte. Eines der Kernstücke des Urbanisierungskonzepts waren die Champs-Elysées, für deren Gestaltung französisches und britisches Kapital mobilisiert wurde. ­Haussmanns Handschrift, das sind die grosszügigen Strassenachsen und die klassizistischen Bauvorschriften, die für ein harmonisches Erscheinungsbild sorgen. Freilich: Die vielen Leute, die ausziehen mussten, waren erbost, just wie der Wiener ­Kulturhistoriker Egon Friedell, der ein Menschenleben später Haussmanns Paris als «fassadenhaft, niederschreiend, künstlich und parvenühaft» abkanzelte. Doch das ist Friedells Abneigung gegen Napoléon III. geschuldet, dessen Kaiserreich nach der Niederlage gegen Preussen erledigt war.

Der Sieger, Bismarck, verlachte Bonaparte als «une incapacité méconnue», doch 1871 ausgerechnet in Versailles ein deutsches Kaiserreich auszurufen, war auch kein Geniestreich. Schade, dass die Herren in den Pickelhauben seinerzeit stattdessen nicht in Paris flanierten, etwa auf dem Boulevard Haussmann, und ein paar milde stimmende Apéritifs süffelten. Zu sehen gab’s dort schon damals viel.