Meinungen

Schrottplatz der Technologie-Fantasien

Oft überschätzen Unternehmer, Ingenieure und Futurologen das Ausmass künftigen Wandels – und unterschätzen Hürden für die Verbreitung neuer Technologien. Ein Kommentar von David Dorn.

David Dorn
«Es ist leicht, sich von Visionären beeindrucken zu lassen.»

Anfang Jahr habe ich im Umfeld des World Economic Forum (Wef) an einem Panelgespräch teilgenommen, das die kommenden Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt thematisierte. Der Moderator leitete das Gespräch ein mit der Aussage, der technologische Wandel sei noch nie so schnell vonstattengegangen wie heute. Das Wef wähnt uns deshalb gar in einer «neuen wirtschaftlichen Ära».

Tatsächlich haben selbst Millennials wie ich bereits eine bemerkenswerte technologische Entwicklung miterlebt. Computer sind binnen weniger Jahre allgegenwärtig geworden im Büroalltag, sie haben sich in den Wohn- und den Schlafzimmern der Haushalte ausgebreitet und sind in Form von Smartphones auch unterwegs immer griffbereit.

Die Vernetzung durch das Internet und immer neue Apps haben die Anwendungsmöglichkeiten der Computertechnologie enorm erweitert. Das neue Potenzial der künstlichen Intelligenz ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

Die Diskussion über technologischen Wandel wird oft dominiert von Technologieunternehmern, die die grenzenlosen Möglichkeiten ihrer zukünftigen Produkte anpreisen. Zu ihnen gesellen sich abseits der wissenschaftlichen Forschung agierende Wirtschaftspropheten und Futurologen, die profunde Veränderungen in der Gesellschaft voraussagen und praktischerweise auch gleich die passenden Lösungen für zukünftige Probleme bereithalten.

Es ist leicht, sich von solchen Visionären beeindrucken zu lassen. Das Nachdenken über Zukunftsgesellschaften hat einen grossen intellektuellen Reiz, und das Literaturgenre der Science Fiction zieht schon seit geraumer Zeit ein Massenpublikum an.

Flugzeuge fast wie vor sechzig Jahren

Die Technologieprognosen der Experten stellen sich im Nachhinein verständlicherweise nicht immer als zutreffend heraus. Weitbekannt ist die Fehlprognose von Thomas Watson Sr., der als CEO von IBM (IBM 132.39 -2.9%) 1943 einen zukünftigen Weltmarkt für lediglich fünf Computer voraussagte.

Diese Anekdote – deren Authentizität umstritten ist – wird gerne zitiert, wenn jemand heute einen verblüffenden Technologiewandel voraussagt. Die Prognostiker sprechen jedoch wesentlich weniger gerne davon, dass sie in der Vergangenheit die technologische Entwicklung häufig dramatisch überschätzt haben.

Während in den vergangenen Jahrzehnten die Computer- und Mobilfunktechnologie oft überraschend schnell voranschritt, hielt die Entwicklung in anderen Technologiefeldern wie Medizin oder Transport nicht mit den hohen Erwartungen mit. Die Flugtechnologie liefert dafür ein eindrückliches Beispiel. Vom ersten Motorflug der Gebrüder Wright bis zur Einführung des revolutionären Düsenflugzeugs Boeing (BA 350.55 -0.63%) 707 vergingen kaum mehr als fünfzig Jahre.

Weitere sechzig Jahre später fliegen wir aber immer noch mit Maschinen, die einer 707 sehr ähnlich sind. Die heutigen Flugzeuge sind zwar leiser, sicherer und verbrauchsärmer, doch wirklich neuartige Flugtechnologien haben sich kaum mehr durchgesetzt. Die in den Siebzigerjahren in Betrieb genommenen Überschallflugzeuge sind aus der zivilen Luftfahrt verschwunden, während sich die Träume von täglichen Flügen mit dem Space Shuttle zu Kolonien auf dem Mars in Luft aufgelöst haben.

Warum haben sich Technologien nicht durchgesetzt, denen einst eine überragende Zukunft vorhergesagt wurde? Eine erste Hürde sind technologische Limitationen, die trotz erheblicher Forschungsanstrengungen nicht überwunden werden können. Im Film «Thunderball» (1965) entwischt James Bond seinen Verfolgern mit einem Jet Pack, einem Rucksack mit Raketenantrieb. Die Fähigkeit, aus dem Stand einfach wegzufliegen, entspricht der menschlichen Sehnsucht, es den Vögeln gleichzutun.

Die Erwartung, Jet Packs würden bald so verbreitet sein wie Fahrräder, erwies sich jedoch als massive Fehleinschätzung. Es gelang den Ingenieuren zwar tatsächlich, Menschen mit einem Raketenrucksack in die Luft zu bringen, doch der Treibstoff verbrennt so schnell, dass der Flug nach einigen Sekunden bereits zu Ende ist. Die brennende Rakete auf dem Rücken ist zudem schwer, nicht einfach zu steuern und wegen des Flammenausstosses gefährlich. Diese Schwächen verhindern bis heute die Verbreitung des Jet Pack als alltagstaugliches Gerät.

Viele Technologien scheitern jedoch nicht an der Machbarkeit, sondern an einem Aspekt, dem die technologieaffinen Erfinder oft wenig Beachtung schenken: den Kosten. In den Achtzigerjahren galten Magnetschwebebahnen als das bahnbrechende Fortbewegungsmittel der Zukunft.  Die auf Magnetfeldern leise dahinschwebenden Züge können enorme Geschwindigkeiten erreichen, mit denen sich etwa die Strecke von Zürich nach Bern in bequemen fünfzehn Minuten zurücklegen lässt.

Hierbei handelt es sich nicht bloss um eine Zukunftsvision. Seit dem Jahr 2004 bringt eine Magnetschwebebahn Reisende vom Flughafen in Schanghai mit einer Geschwindigkeit von 431 Stundenkilometern an den Rand der Innenstadt. Die Schanghaier Bahn funktioniert zuverlässig und ohne wesentliche technische Probleme. Das Prestigeprojekt ist jedoch ein durchschlagender finanzieller Misserfolg.

Zu den Baukosten von mehr als 1 Mrd. Fr. für eine dreissig Kilometer lange Verbindung summieren sich seither jedes Jahr Millionenverluste aufgrund des teuren Betriebs. Viele Transportbehörden rund um den Globus haben vom Schanghaier Beispiel gelernt und investieren ihr Geld lieber in herkömmliche Züge, die zwar langsamer, aber eben auch wirtschaftlicher sind.

Der Erfolg neuer Technologien erfordert ausserdem eine ausreichende gesellschaftliche und regulatorische Akzeptanz. Daran ist zu denken, wenn heute über die baldige Verbreitung selbstfahrender Autos spekuliert wird. Im Flug- und im Schienenverkehr ist die Entwicklung selbstgesteuerter Transportmittel bereits seit Jahrzehnten viel weiter fortgeschritten; die amerikanischen Luftstreitkräfte haben schon vor mehr als einem halben Jahrhundert ein führerloses Flugzeug über den Atlantik fliegen lassen. Trotzdem werden weiterhin die meisten Flugzeuge von Piloten gesteuert, genauso wie der Job des Lokomotivführers erhalten geblieben ist.

Gesellschaftliche Vorbehalte

Der Fortbestand dieser Berufe ist nicht bloss den Limitationen der selbststeuernden Technologien zu verdanken. Zwar gibt es Beispiele von gutausgebildeten Piloten, die nach erheblichen technischen Problemen ein kaum mehr flugtaugliches Flugzeug notlanden konnten, doch in anderen Fällen führten Pilotenfehler zu Katastrophen, die mit einem rein computergesteuerten Flugzeug nicht eingetreten wären.

Dennoch vertrauen viele Passagiere viel lieber einem menschlichen Piloten im Cockpit als einer reinen Computersteuerung. Sogar die Verwendung von unbemannten Transportdrohnen über bevölkertem Gebiet ist gemäss Umfragen äusserst kontrovers. Solche gesellschaftlichen Vorbehalte können in neue Gesetze münden, die die Verbreitung neuer Technologien wesentlich einschränken.

Sollen wir nun davon ausgehen, dass selbstfahrende Autos nicht die Zukunft des Strassenverkehrs sind? Wird künstliche Intelligenz keine transformativen Auswirkungen auf mannigfaltige Lebensbereiche entfalten? Es wäre verfrüht, diesen Technologien ihre Zukunftsperspektiven abzusprechen.

Aus der historischen Erfahrung können wir jedoch lernen, dass Technologieunternehmer, Ingenieure und Futurologen das Ausmass des künftigen Wandels oft überschätzen – auch deshalb, weil ihre Prognosen die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Hürden für die Verbreitung neuer Technologien zu wenig berücksichtigen.

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