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Schweiz blickt gelassen nach Deutschland

Das Wirtschaftswachstum der Nachbarn schwächt sich zu Jahresbeginn ab. Unternehmen und Analysten sehen keinen Grund für grosse Sorgen.

Nach dem schwachen Start der deutschen Wirtschaft in das Jahr 2018 mehren sich die Anzeichen, dass das Wachstum in der grössten Volkswirtschaft Europas etwas länger schwächeln wird. Dies zeigen etwa der Auslandumsatz der deutschen Industrie im ersten Quartal sowie ihr Auftragseingang. Allein die Ausfuhren in die USA lagen in den ersten drei Monaten des Jahres 3,4% unter dem Niveau vor einem Jahr. Branchenvertreter und Fachleute weisen aber darauf hin, dass die schwächere Nachfrage noch keinen Abschwung signalisiert.

So ist auch von Schweizer Unternehmen mit einem grossen Umsatzanteil in Deutschland zu hören, dass bislang nichts von einer Konjunkturdelle zu spüren ist – das gilt vor allem für den Bau. Aber: «Grundsätzlich leiden alle Exportbranchen wegen des starken Euros: Auto, Maschinenbau, Chemie», sagt Panagiotis Spiliopoulos, Research-Leiter bei der Bank Vontobel (VONN 51.5 -0.48%).

Unter Volkswirten gilt als sicher: Das deutsche Statistikamt wird am Dienstag ein schwächeres Wachstum des Bruttoinlandprodukts für die Monate Januar bis März als in allen Quartalen des Vorjahres melden. Im Mittel erwarten Ökonomen einen Anstieg um nur noch 0,3% zum Vorquartal, wie aus Daten des Finanzdienstleisters Bloomberg hervorgeht. 2017 lagen die Wachstumsraten Anfang des Jahres bei 0,9%, im folgenden Quartal bei 0,6%, anschliessend bei 0,7% und in den Monaten Oktober bis Dezember wieder bei 0,6%.

Streik, Grippe, Ostern

Anfang des Jahres 2018 haben Streiks in der Metall- und Elektroindustrie, eine Grippewelle und am Ende ein Wintereinbruch im März sowie frühe Osterfeiertage die deutsche Industrie gebremst. Dies könnte dazu führen, dass die Unternehmen ihre Produktionsausfälle im laufenden Quartal aufholen. Umso aufmerksamer werden Schweizer Gesellschaften mit grossem Deutschland-Geschäft darauf achten, was deutsche Manager über ihre Geschäftslage und die Aussichten berichten.

Am 25. Mai wird das Münchner Ifo-Institut neueste Umfrageergebnisse vorlegen, auf denen der wichtigste Frühindikator für die deutsche Wirtschaft beruht: Der Ifo-Geschäftsklimaindex war im April das fünfte Mal in Folge gesunken. Er signalisiert robustes, aber weniger Wachstum als Ende 2017.

Schweizer Analysten, Volkswirte und Aktienstrategen blicken relativ gelassen auf mögliche Auswirkungen auf Schweizer Gesellschaften. Ein Grund liegt auch darin, dass die deutsche Industrie mit 88% sehr gut ausgelastet ist. Neben den Sondereffekten macht Sven Bucher (BUCN 284.2 0.49%), Leiter Research bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), ebenfalls die Währungsstärke als Erklärung aus: «Der stärkere Euro wirkt sich allmählich auf die Industrieaufträge und die Exportzahlen aus. Im Vergleich zum Vorjahr ist er handelsgewichtet 8% höher, gegenüber dem US-Dollar sogar 10%. Das würde auch erklären, warum vor allem die Exporte in die USA an Dynamik verloren haben», sagt Bucher. So hatten auch mehrere Dax-Gesellschaften von negativen Währungseffekten auf Umsatz oder Gewinn berichtet: die Chemiekonzerne BASF (BAS 59.06 0.12%) und Bayer (BAYN 67.72 0.73%), der Autobauer BMW (BMW 60.61 0.03%) und der Autozulieferer Continental (CON 108.92 1.11%).

Euro wird billiger

Die Währungsseite entspannt sich allerdings, denn der Euro ist seit Ende April erheblich billiger geworden. «Sollte sich die Schwäche des Euros fortsetzen, wird der negative Währungseffekt deutlich abnehmen», sagt Vontobel-Experte Spiliopoulos. Bei einem Kurs von 1.19 $ würde der Effekt im dritten Quartal auf Jahressicht ganz verschwinden. Sven Bucher von der ZKB macht auf die noch immer gute Geschäftslage vieler Schweizer Unternehmen aufmerksam, was nicht auf einen unmittelbaren Abschwung hindeute. So habe der Schweizer Werkzeughersteller Tornos (TOHN 7.12 0.99%) erst im April einen Grossauftrag aus der Autoindustrie bekommen. Bucher geht davon aus, dass über 50% des Tornos-Umsatzes mit deutschen Kunden generiert werden.

Was bislang gegen einen Abschwung in Deutschland spricht, ist die Tatsache, dass Neuaufträge, Umsatz und Produktion in den wichtigen Branchen noch immer deutlich über dem Niveau vor einem Jahr liegen – trotz der jüngsten Abschwächung im ersten Quartal. Einen zum Teil deutlichen Produktionsrückgang gab es zu Beginn des Jahres in der Chemie, bei Datenverarbeitungsgeräten und elektronischer Ausrüstung, im Maschinenbau und im Metallgewerbe. Pharma- und Autoproduktion stiegen dagegen. Der Auftragseingang sank in der Chemie und im Metallgewerbe deutlich, weniger in der Elektroindustrie und im Autobau.

Optimistische Verbände

Der deutsche Chemieverband VCI hat erst im März seine Prognose für 2018 bestätigt, wonach die Produktion in der Chemie- und Pharmabranche um 3,5% wachsen sollte. Beim Verband der Elektroindustrie ZVEI im Nachbarland heisst es: «Die Konjunktursignale sind momentan etwas uneinheitlich, aber wir neigen jetzt noch nicht dazu, hier allzu viel hineinzuinterpretieren. Dellen oder gar Abschwünge möchten wir noch nicht ausrufen.»

Ähnliches ist vom Maschinenbauverband VDMA zu hören: «Der deutsche Maschinenbau hat keine Konjunkturdelle.» Zuletzt erhöhte der VDMA sogar seine Produktionsprognose von 3 auf 5%. Der Automobilverband VDA teilte mit, dass die Kapazitätsauslastung weiterhin auf historisch hohem Niveau liege: «Eine Konjunkturdelle ist, bezogen auf die Automobilindustrie, zum jetzigen Zeitpunkt nicht festzustellen.»

Die Bauproduktion war zuletzt vom strengen Winter betroffen. «In Deutschland sind die Fundamentaldaten im Hoch- sowie im Infrastrukturbau sehr gut, die Nachfrage ist enorm», teilte der Schweizer Konzern Implenia (IMPN 31 -1.9%) kürzlich mit.

Schweizer Unternehmen im Branchenvergleich:

» Autoexport
» Bauzulieferer
» Chemieproduktion
» Elektrotechnikbranche
» Maschinenbau

Schwacher Autoexport

Die Autobranche in Deutschland meldet für den Jahresanfang gutes Inlandgeschäft und einen Umsatzrückgang im Ausland. Der Automobilverband VDA führt die Exportschwäche auf Unsicherheiten in wichtigen Absatzmärkten wie zum Beispiel in Grossbritannien zurück sowie darauf, dass zum Beispiel in den USA lokale Produktionsstrukturen gestärkt werden. Adval Tech (ADVN 166 0%), ein Schweizer Zulieferer von Serienteilen und Baugruppen aus Metall und Kunststoffen, macht noch den Dieselskandal und Schwierigkeiten bei einigen Autoherstellern, Motorenversionen zu liefern, als Gründe aus. «Von einer Konjunkturdelle kann man aber nicht sprechen», heisst es bei Adval Tech. «In diesem Jahr erwarten wir nach wie vor ein gutes Wachstum in Deutschland.» Auch der Autozulieferer Autoneum (AUTN 104.3 1.96%) kann keine Eintrübung bestätigen. «Entsprechend der Auftragslage sind unsere dortigen Kapazitäten sehr gut ausgelastet», heisst es beim Hersteller von Komponenten für Akustik- und Wärmemanagement. Sein Deutschland-Anteil am Umsatz liegt bei 5%. (KUE)

Luxusproblem auf dem Bau

Die Schweizer Bauzulieferer singen unisono das gleiche Klagelied, werden sie angesprochen auf Deutschland. Aber nicht etwa wegen Nachfrageschwäche, sondern wegen Überhitzung des Marktes.

Es sind einfach keine Handwerker zu kriegen. Geberit (GEBN 440.4 -0.18%), Europas Marktführer für Sanitärprodukte, erklärte im Quartalsbericht zum Ausblick: Das Wachstumspotenzial ist in Deutschland aufgrund der limitierten Installationskapazitäten trotz gesunder Nachfrage eingeschränkt. Arbonia-Chef Alexander von Witzleben klagte im FuW-Gespräch, man finde keine Baukapazität – weder Generalunternehmer, um ein Grundstück zu bebauen, noch Handwerker, um einen Altbau zu sanieren.

2021 dürfte der deutsche Ein- und Mehrfamilienhäusermarkt sein Hoch erreichen, für die Zeit danach erhoffen sich viele Ausrüster Dynamik im Sanierungsgeschäft. Wachstumschancen sind da, zwar begrenzt, dafür aber über Jahre hinaus. Denn der Bedarf an mehr Wohnraum bleibt. Chancen eröffnet das vor allem Geberit, Arbonia (ARBN 11.2 -0.53%) und Zehnder (ZEH 36.7 -1.87%). (BA)

Bremsspuren in der Chemie

Die deutsche Chemieproduktion sank in den ersten drei Monaten 2018 um 2,4% im Vergleich zum Vorquartal. Diese Daten sind bereinigt um saisonale Effekte und die unterschiedliche Anzahl von Arbeitstagen. Das ist wichtig, weil die Osterfeiertage 2017 auf März fielen und nicht auf April wie vergangenes Jahr. Zudem sind die Neuaufträge spürbar um 5,1% gesunken, die Kapazitätsauslastung fiel im Vergleich zu anderen Branchen kräftig von 86,9 auf 84,5%. Ems-Chemie (EMSN 584 -0.34%) betont aber: «Wir spüren im ersten Quartal keine Konjunkturdelle in Deutschland.» Sie beliefert unter anderem die Autoindustrie, die im April 8% mehr im Inland als im Vorjahr verkaufte, was mit der Lage von Ostern zu tun haben könnte. Konkret heisst es nur: «Wir rechnen für 2018 mit einer positiven weltweiten Wirtschaftsentwicklung mit abschwächender Tendenz.» Zurückhaltend äussert sich der Spezialchemie-Hersteller Clariant (CLN 17.79 0.4%), der seine grössten Produktionsstätten in Deutschland unterhält: Der Umsatz in Europa sei im ersten Quartal um 2% zum Vorjahresquartal gestiegen. (KUE)

Elektrobranche hat Aufträge

Schaffner (SAHN 201 -0.99%), ein typischer Vertreter der Elektrotechnikbranche, ist gut unterwegs. Die Zahlen, die das Unternehmen für das erste Halbjahr 2017/18 (per Ende März) vorgelegt hat, zeugen von hoher Wachstumsdynamik. Auftragseingang und Umsatz legten um je 15% zu.

Kein Wunder, dass Schaffner kein Nachlassen der Nachfrage in Deutschland verspürt. Im Gegenteil: Der Umsatz mit Filtern für die elektromagnetische Verträglichkeit und mit Antennen für schlüssellose Zugangssysteme zu Autos hat in den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres 2017/18 zugenommen. Das, weil Schaffner gut in der deutschen Industrie positioniert ist und die Antennen in erfolgreichen Fahrzeugplattformen integriert sind. Im Ausblick ist Schaffner zuversichtlich. Das Unternehmen geht aufgrund der gut gefüllten Auftragsbücher für das laufende Geschäftsjahr in Deutschland von einer zweistelligen Wachstumsrate aus. Das Nachbarland ist ein wichtiger Markt für Schaffner; 25% des Umsatzes erzielt das Unternehmen dort. (MG)

Erratischer Maschinenbau

Beim Maschinenbau handelt es sich um klassische Investitionsgüter, deren Nachfrageverlauf oft ein erratisches Muster aufweist und von technologischen Neuerungen und der Kapazitätsplanung der Kunden getrieben ist. Eine Verbindung zu kurzfristigen Konjunkturtrends besteht beim einzelnen Unternehmen kaum. Auch der Grossauftrag, den der Drehmaschinenhersteller Tornos aus der deutschen Automobilbranche erhalten hat (siehe oben), ist weniger auf die Konjunkturlage als vielmehr darauf zurückzuführen, dass Tornos das Maschinensortiment erneuert hat und damit jetzt Erfolge einheimsen kann. Die ebenfalls in Deutschland aktive Starrag (STGN 48.8 -0.41%) stellt Fräsmaschinen her, wichtige Kunden sind die Flugzeugbauer. Hier sind die Bestellungstrends sehr langfristig, was sich darin zeigte, dass Starrag die Finanzkrise fast ohne Delle bewältigen konnte. Ein gutes Signal zum deutschen Markt kam von der Hydraulik-Tochter von Bucher, die den «wichtigen Markt Deutschland» im ersten Quartal explizit als «äusserst dynamisch» bezeichnete. (AM)

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