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Märkte / Makro English Version English Version »

«Schweiz manipuliert die Währung»

Ökonom Miles Kimball fordert im Interview einen internationalen Rahmen, um über Währungsmanipulation und Handelsdefizite zu verhandeln.

Die Handelspolitik von Donald Trump ist für viele Beobachter ein naiver Versuch, den Merkantilismus zurückzubringen. Ökonom Miles Kimball sieht darin aber die populistische Antwort auf ein internationales System, das die Kapitalflüsse nicht bändigt.

Der Professor an der University of Colorado Boulder fordert im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» einen internationalen Rahmen, um über Währungsmanipulation und Handelsdefizite zu verhandeln. Staaten sollten eine Genehmigung benötigen, bevor sie ausländische Vermögenswerte kaufen.

Professor Kimball, was halten Sie von der Handelspolitik der US-Regierung?
Der Handelsberater von Trump, Peter Navarro, glaubt, dass Handelsdefizite die Ursache für Kapitalzuflüsse sind. Deswegen will er gegen das US-Handelsdefizit vorgehen. So funktioniert es aber nicht.

Wenn die USA mehr importieren als exportieren, dann ergibt sich doch ein Leistungsbilanzdefizit – somit fliesst netto Kapital ins Land?
Ja, aber Navarro dreht Ursache und Wirkung um. Der Handelssaldo entsteht durch die Kapitalflüsse. Die Kapitalmärkte bestimmen, wie viel Kapital in die USA fliesst. Mit diesem Kapitalzufluss muss übereinstimmen, wie viel per saldo an Gütern und Dienstleistungen aus dem Ausland erworben wird. Der Nettokapitalzufluss in ein Land bestimmt also das Defizit der Leistungsbilanz und die Nettoimporte.

Dann funktioniert also die nun diskutierte Steuer auf Importe – die Grenzausgleichssteuer – nicht?
Manche Ökonomen denken, die Aufwertung des Dollars würde den Effekt solch einer Steuer völlig aufheben. Das wird aber wohl nicht das neue Gleichgewicht sein. Ich sage es äusserst ungern, aber: Die Kombination der Steuer und einer Dollaraufwertung könnte der Handelsbilanz der USA helfen.

Warum würde die neue Steuer helfen?
Wenn der Dollar stärker wird, werden Kapitalzuflüsse aus dem Rest der Welt – die aus anderen Währungen stammen – in Dollar gerechnet kleiner. Es wird also der Kapitalzufluss in die USA geringer. Damit schrumpft auch das Leistungsbilanzdefizit.

Es ist also nur ein Währungseffekt?
Die Kapitalflüsse werden zwar durch die Kräfte des Kapitalmarktes in der jeweiligen Ursprungswährung bestimmt. Und sie würden von der neuen Steuer und der Dollaraufwertung nicht gross beeinflusst. Doch wenn man sie in Dollarwerte überträgt, würde das den Kapitalzufluss in die USA reduzieren.

Was gibt es noch für Optionen, um den Handelssaldo der USA auszugleichen?
Die Sparquote der US-Privathaushalte ist zu niedrig. Wäre die inländische Sparquote höher, hätten die USA weniger Nettokapitalzuflüsse und eine ausgeglichenere Leistungsbilanz. Man könnte einfach die Ersparnisse erhöhen, indem man Arbeitnehmer automatisch bei einem individuellen Vorsorgeplan anmeldet.

Dabei geht es also nicht um eine bessere Vorsorge für den Einzelnen?
Oft werden nur die Vorteile für den einzelnen Sparer genannt. Die heimische Sparquote zu erhöhen, hat aber eben auch makroökonomische Vorteile. Es ist jedoch nicht für jedes Land angemessen, die Ersparnisse zu erhöhen. Während die USA eine höhere Sparquote benötigen, haben manche Länder schon sehr hohe Ersparnisse.

Warum ist es denn so wichtig, die Kapitalflüsse auszugleichen und damit das Handelsdefizit einzudämmen?
Politisch gesehen ist ein ausgeglichener Handelssaldo etwas völlig anderes als ein unausgeglichener. Wenn der Handel ausgeglichener gewesen wäre, hätten die Amerikaner die Argumente für freien Handel leichter angenommen. Der bemerkbare Effekt des Handelsdefizits war der Verlust an Arbeitsplätzen in bestimmten Sektoren. Einige der Swing States – also der nicht von einer Partei dominierten Bundesstaaten – waren besonders von Stellenverlusten betroffen und stimmten für Trump.

Das Handelsdefizit hat Trump die Präsidentschaft gebracht?
Es gibt zwar viele Faktoren, die zum Wahlsieg von Trump beigetragen haben. Aber unter sonst gleichen Umständen hat das durch den Kapitalzufluss entstandene Handelsdefizit Trump den Wahlsieg ermöglicht. Hätten die USA kein Handelsdefizit, wäre Donald Trump nicht Präsident der USA.

Aber der Kapitalzufluss schafft doch auch Gewinner?
Ja, es gibt Gewinner und Verlierer von unausgeglichenem Handel. Gewinner sind die Konsumenten, die günstigere Güter bekommen. Aber Verlierer werden für ihre Einbussen oft nicht voll kompensiert. Länder sind nicht eine grosse, glückliche Familie, sondern bestehen aus vielen verschiedenen Menschen in verschiedenen Situationen.

Ein Handelsdefizit muss doch nicht für immer vorherrschen?
Theoretisch sollte sich das Handelsdefizit in der Zukunft in einen Überschuss drehen. Wenn dann die Kredite aus anderen Ländern zurückgezahlt würden, würden durch den Aussenhandel Jobs in Hülle und Fülle entstehen. Aber wann wird das geschehen? Das US-Handelsdefizit besteht seit Jahrzehnten. Eine Umkehr des Handelssaldos scheint weit in der Ferne zu liegen.

Woher kommen denn die Kapitalflüsse – suchen sie bessere Anlagemöglichkeiten in den USA?
Oft sind das nicht private Kapitalflüsse. Staaten wollen ihre Exporte verbessern, indem sie in ausländische Vermögenswerte investieren – also Kapital ins Ausland schicken. Wenn Staaten ausländische Werte anhäufen, ist das Währungsmanipulation. Bis vor kurzem gehörte China zu den grössten Schuldigen, indem die Devisenreserven bis 2014 stiegen.

Was ist mit der Schweiz?
Die Schweiz tut das Gleiche, kommt aber damit durch, weil sie so klein ist. Im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt ist die Schweiz beim Kauf von Fremdwährungsanlagen so schlimm wie China. Ich persönlich halte die Kontrolle der Käufe nun für viel wichtiger, nachdem ich den politischen Effekt von Chinas Währungsmanipulation auf die USA gesehen habe.

Die Schweizerische Nationalbank kann den Franken nicht nur durch Fremdwährungskäufe schwächen, sondern auch durch einen niedrigeren Zins. Ist das ebenfalls Währungsmanipulation?
Nein, Zinssenkungen sind keine Währungsmanipulation. Ausländische Anlagen zu kaufen, ist eine Politik zulasten anderer Länder. Die Zinsen zu senken, ist es nicht. Wenn zwei Länder sich gegenseitig Anleihen abkaufen, um jeweils ihre Währung zu schwächen, hebeln sich ihre Bemühungen gegenseitig aus, und im Saldo gibt es keinen Wachstumseffekt. Dagegen gibt es bei einer Zinssenkung aller Länder eine Ausweitung der globalen Geldmenge, und das würde die weltweite Nachfrage ankurbeln.

Sollte man Währungsmanipulation verbieten?
Nein, aber wir brauchen ein Rahmenwerk für internationale Kapitalfüsse, in dem solche Dinge diskutiert werden. Dann müssten Staaten erst eine Erlaubnis einholen, bevor sie Vermögenswerte in einem anderen Land kaufen. Das würde Rohstoffexporteure wie Saudi-Arabien wahrscheinlich nicht davon abhalten, Fremdwährungsanlagen zu kaufen. Aber es würde Industrieländer wie die Schweiz unter Druck bringen, wenn sie ihre Wechselkurse durch Währungsmanipulation niedrig halten.

Reicht solch eine Vereinbarung aus?
Es bräuchte weitreichendere Verhandlungen, um die internationalen Kapitalflüsse in der Balance zu halten. Damit würden Handelsüberschüsse und -defizite unter Kontrolle gehalten.

Mit was für Massnahmen ist das zu erreichen?
Ich denke da an Massnahmen, um Ersparnisse, Konsum und die Portfolioauswahl zu beeinflussen. Darunter fällt die automatische Anmeldung von Arbeitnehmern für einen Vorsorgeplan, wenn man höhere Ersparnisse erreichen will. Und dazu gehört die schon lange bestehende Forderung nach einem ausgebauten chinesischen Sozialnetz. Damit würden sich die dortigen Haushalte sicherer fühlen und in der Folge weniger sparen und mehr konsumieren.

Das hört sich nach einer globalen Geldpolitik an.
Bei den Kapitalflüssen ist die internationale Koordination viel wichtiger als bei der Zinspolitik der Zentralbanken. Bei den Zinsen ist es in Ordnung, wenn man sich nur an dem Wohl des eigenen Landes orientiert. Ich hoffe, dass ein Rahmenwerk für die internationalen Kapitalflüsse uns ein System des freien Handels und der offenen Kapitalmärkte – ausser für Staaten – erhält.