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Meinungen

Schweiz muss wettbewerbsfähig sein

Es braucht Veränderungen, schon nur um das aktuelle Einkommensniveau zu halten. Ein Kommentar von David Dorn.

David Dorn
«In der Wirtschaft führt Unfähigkeit zu Veränderungen immer zum Abstieg.»

Die Schweiz muss Weltspitze bleiben! Das Motto des «Tages der Wirtschaft», zu dem der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse diese Woche geladen hat, gibt ein klares Ziel für die Zukunft vor. Doch ist es wirklich bedeutsam, dass die Schweiz zur wirtschaftlichen Weltspitze gehört?

Dem Streben nach Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftswachstum steht gerade in vermögenden Ländern eine lautstarke Wachstumskritik gegenüber. Sie fusst häufig auf der Vorstellung, dass das Einkommen eines Landes nur auf Kosten anderer Länder wachsen kann oder durch Raubbau an der Natur. Tatsächlich wächst der Wohlstand eines Landes, wenn seine Unternehmen ihren Anteil am Weltmarkt stärken und somit ausländische Konkurrenten zurückdrängen. Ausserdem werden in der industriellen Produktion die damit verbundenen Kosten für die Umwelt zu wenig berücksichtigt, woraus sich ein gewichtiges Argument für die zurzeit diskutierte CO2-Steuer ergibt.

Doch entgegen der weit verbreiteten Vorstellung ist die Weltwirtschaft kein Nullsummenspiel. Es gibt keine fixe Menge von Wohlstand, die zwischen den Ländern hin- und hergeschoben oder wie ein Edelmetall dem Erdboden entrissen wird. Die Wirtschaft kann in grossem Masse Wertschöpfung betreiben und dadurch neuen Wohlstand erschaffen. Diese Wertschöpfung entsteht durch einen nutzbringenden Einsatz von Arbeit und Kapital. Zum Beispiel erschafft eine Pianistin einen Wert, indem sie mit ihrem Klavier und ihrer Virtuosität ein grosses Publikum entzückt, das seine Wertschätzung auch durch den Kauf von Konzerttickets ausdrückt. Diese Wertschöpfung der Pianistin findet nicht vor allem zulasten anderer statt.

Anpassungsfähigkeit pflegen

Ebenso verhält es sich auch im Konzert der Gesamtwirtschaft. Die Schweiz konnte während der letzten hundert Jahre ihr Einkommensniveau wesentlich erhöhen. Dies ist gelungen, obschon auch im Rest der Welt die Einkommen deutlich gestiegen sind. Das Wachstum der Schweiz ist nicht auf Kosten anderer gegangen, sondern es ist gelungen, durch Innovation neue Möglichkeiten der Wertschöpfung zu erschliessen. Die Wirtschaft bringt laufend verbesserte Güter und Dienstleistungen hervor, die einen höheren Wert stiften als bisherige Produkte. Zudem sorgen die Betriebe für immer effizientere Produktionsabläufe, womit bei gleichbleibendem Arbeits- und Kapitaleinsatz eine grössere Wertschöpfung erzielt wird.

Das hohe Einkommensniveau der Schweiz ruft allerdings auch die Frage hervor, weshalb wir denn immer noch nach zusätzlichem Einkommenswachstum streben sollten. Können wir uns nicht mit unserem gegenwärtigen Wohlstand zufriedengeben? Viele Menschen wären wohl tatsächlich damit einverstanden, wenn ihre erfreuliche Einkommens- und Lebenssituation dauerhaft gesichert würde. Deshalb erscheint es auf den ersten Blick attraktiv, Veränderungen im Wirtschaftsgeschehen zu vermeiden, um die derzeitige Lage beizubehalten. Doch in der Wirtschaft führt die Unfähigkeit zu Veränderungen langfristig immer zum Abstieg. Unternehmen, die ihre Produkte und Prozesse nie verbessern, werden zunehmend von innovativeren Mitbewerbern verdrängt.

Auch ganze Volkswirtschaften verlieren an Wohlstand, wenn sie sich ihrer Anpassungsfähigkeit berauben. Denn Veränderungen sind notwendig, nur schon um das gegenwärtige Einkommensniveau zu halten. Das gilt in besonderem Masse für die Schweizer Wirtschaft, die den Erwerbstätigen deutlich höhere Löhne zahlt als die umliegenden Länder. Schweizer Unternehmen sind deshalb kaum konkurrenzfähig in Branchen, in denen die Produktionskosten der entscheidende Wettbewerbsfaktor sind. Stattdessen basiert der Erfolg vieler Schweizer Unternehmen auf innovativen Produkten, die die Angebote der Konkurrenz bezüglich Qualität und Funktionalität übertreffen.

In den letzten hundert Jahren ist es der Schweizer Wirtschaft gelungen, einen dramatischen strukturellen Wandel zu bewältigen. Dominante Sektoren wie die Landwirtschaft und das Textilgewerbe haben an Bedeutung verloren, während andere Wirtschaftsbereiche wie die Pharmaindustrie und der IT-Sektor stark gewachsen sind. Das praxisorientierte Berufsbildungssystem und der flexible Arbeitsmarkt der Schweiz haben das Ihre dazu beigetragen, dass auch die meisten Erwerbstätigen diese Umstellungen gemeistert haben.

Doch es gibt stets auch Arbeitnehmer, die zu Verlierern des Strukturwandels werden, weil ihnen eine Neuorientierung ihrer Karriere nicht gelingt. Im Sorgenbarometer der Schweiz nimmt die Arbeitslosigkeit regelmässig einen Spitzenplatz ein, obschon die Arbeitslosenzahlen niedrig sind. Die Zahl der Verlierer mag gering sein im Vergleich zu den Gewinnern der wirtschaftlichen Veränderung, doch es wäre falsch, die individuellen Schicksale von Gewinnern und Verlierern bloss buchhalterisch miteinander zu verrechnen. Vielmehr ist es eine zentrale Aufgabe des Wohlfahrtsstaats, durch Wandel verursachte wirtschaftliche und soziale Härte zu verringern. Dies ist immer ein Balanceakt. Einige südeuropäische Länder sind etwa im Arbeitnehmerschutz so weit gegangen, dass sich ihre Volkswirtschaft kaum mehr an sich verändernde Gegebenheiten der globalisierten Wirtschaft anpassen kann. An die Stelle der erhofften Besitzstandswahrung mit Kündigungsschutz für Erwerbstätige und protektionistischer Regulierung für Unternehmen tritt ein langsamer wirtschaftlicher Niedergang ein.

Die USA dagegen sind gemäss Rangliste des World Economic Forum das wettbewerbsstärkste Land, mit hervorragenden Universitäten, mit einer dynamischen Start-up-Szene, führend in der technologischen Innovation. Doch das bemerkenswerte Wachstum der US-Wirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten überwiegend nur die Spitzenlöhne nach oben getrieben, während ein grosser Teil der Erwerbstätigen mit stagnierenden oder gar fallenden Einkommen zurechtkommen musste.

Demokratischen Support erhalten

Viele Menschen sind durch das grobmaschige Netz des US-Wohlfahrtsstaats hindurchgefallen. Unter diesen Vorzeichen ist auch zu verstehen, weshalb die protektionistische Wirtschaftspolitik von Donald Trump auf Resonanz bei den Wählern gestossen ist. Doch der unnötige Handelskrieg gegen China bringt kaum Linderung für Globalisierungsverlierer. Temporäre Zölle können ein sinnvolles Mittel sein, um einen besonders schnellen und schmerzhaften Strukturwandel zu bremsen, doch sie sind viel weniger gut geeignet, um einen bereits vollzogenen Strukturwandel zurückzubauen. Bislang haben die Zölle vor allem zu höheren Preisen für die amerikanischen Konsumenten geführt.

Der Schweiz ist es dagegen in den letzten Jahrzehnten deutlich besser gelungen, die Früchte des Wirtschaftswachstums relativ gleichmässig in der Bevölkerung zu verteilen. Zwar sind die Spitzeneinkommen der Konzernchefs auch hierzulande überdurchschnittlich gestiegen, doch im Rest der Einkommensverteilung war der Zuwachs an Kaufkraft ziemlich gleichmässig. Die Schweiz belegt weltweit nicht nur einen Spitzenrang bezüglich Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch hinsichtlich der Lebenszufriedenheit der Bevölkerung und ihres Vertrauens in die eigene Regierung. Solange das Wirtschaftswachstum die finanzielle Situation vieler verbessert, wird es möglich sein, auch in Zukunft die demokratische Unterstützung zu erhalten für eine wettbewerbsorientierte Wirtschaftspolitik, mit der die Schweiz Weltspitze bleibt hinsichtlich Einkommen und Lebensqualität.

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