Meinungen

Schweizer Arbeitsmarkt bleibt spitze

Gemessen an der Erwerbslosenquote rangiert die Schweiz nur im Mittelfeld. Bei der Beschäftigungsquote liegt sie aber auf Platz zwei. Ein Kommentar von George Sheldon.

George Sheldon
«Die Stärke des Schweizer Arbeitsmarktes ist nicht in Frage zu stellen.»

Derzeit ist immer wieder zu lesen, dass der Schweizer Arbeitsmarkt nur noch Mittelmass darstelle. Das negative Urteil basiert auf der Feststellung, dass die sogenannte Erwerbslosenquote des Bundesamtes für Statistik trotz der starken konjunkturellen Erholung der letzten zehn Jahre nicht gefallen ist und inzwischen höher liegt als diejenige weniger wirtschaftskräftiger osteuropäischer Länder wie etwa Polens oder Ungarns. Im internationalen Vergleich lag die Erwerbslosenquote der Schweiz zuletzt gar auf Rang achtzehn unter 36 OECD-Ländern. Das spricht nicht für die Stärke des hiesigen Arbeitsmarktes. Doch der Eindruck täuscht.

Als Erstes ist dabei zu verinnerlichen, dass ein Unterbeschäftigungsmass wie die Erwerbslosenquote im Grunde wenig über den Beschäftigungsstand in einem Land aussagt. Dies hat die Schweiz während der ersten Ölpreiskrise Mitte der Siebziger auch schon mal erfahren. Damals nahm die Arbeitslosigkeit infolge des gestiegenen Erdölpreises in fast allen Industrienationen stark zu. Nur in der Schweiz nicht. Die Arbeitslosenquote stieg nicht einmal auf 1%, was einen renommierten deutschen Wirtschaftsprofessor seinerzeit dazu verleitet hat, von einem Schweizer Beschäftigungswunder zu sprechen.

Doch in Wirklichkeit nahm die Beschäftigung in der Schweiz damals um 8% ab. In keinem anderen OECD-Land fiel die Beschäftigung so stark. Dies äusserte sich aber nicht in einem entsprechenden Anstieg der Arbeitslosenquote, da es damals hierzulande keine obligatorische Arbeitslosenversicherung gab. Ohne Aussichten auf Taggeld meldeten sich die meisten Stellenlosen nicht beim Arbeitsamt und blieben deshalb von der Arbeitslosenstatistik unerfasst.

Unterschiedliche Definitionen

Der Gefahr einer solchen Untererfassung soll die 1991 in der Schweiz eingeführte Erwerbslosenstatistik entgegenwirken, indem sie auf einer Bevölkerungsumfrage, der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE), aufbaut. Daneben gibt es aber weiterhin die oben angesprochene und vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) monatlich publizierte Arbeitslosenstatistik, die nach wie vor auf den Meldungen von Stellenlosigkeit bei den Arbeitsämtern beruht.

Die Erwerbslosen- und die Arbeitslosenstatistik unterscheiden sich allerdings nicht nur hinsichtlich ihrer Erhebungsverfahren, sondern auch bezüglich der Definition der Stellenlosigkeit. Bei der Arbeitslosenstatistik bezieht sich die Stellenlosigkeit auf den Erwerbszustand einer Person an einem Stichtag, den letzten Tag im Kalendermonat. Demnach sind die Personen arbeitslos, die am Stichtag bei einem Arbeitsamt gemeldet sind, keine Stelle haben und sofort vermittelbar sind.

Die Stellenlosigkeit gemäss der Erwerbslosenstatistik hingegen ist zeitraumbezogen. Erwerbslos sind Befragte, die innerhalb einer Bezugswoche keiner Arbeit nachgingen, in den vier vorangegangenen Wochen aktiv eine Arbeit gesucht haben, wobei schon eine Meldung beim Arbeitsamt als aktiv gilt, und in den nächsten zwei Wochen für die Aufnahme einer Tätigkeit verfügbar sind.

Diese Definitionsunterschiede sind nicht unwichtig. Sie haben zur Folge, dass Arbeitslose gemäss der Arbeitslosenstatistik nach Massgabe der Erwerbslosenstatistik nicht als erwerbslos gelten können, wie auch umgekehrt. Als Beispiel sei vermerkt, das die hochgerechnete Zahl der laut SAKE bei einem Arbeitsamt gemeldeten Erwerbslosen die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen um ein Drittel unterschätzt. Das heisst, die Erwerbslosenstatistik sieht aufgrund ihres Zeitraumbezugs ein Drittel der Arbeitslosen in der Regel als nicht erwerbslos an. Infolgedessen ist der häufig gezogene Schluss, dass die derzeit die Arbeitslosenquote übersteigende Erwerbslosenquote ausschliesslich auf unregistrierte Stellenlosigkeit zurückzuführen sei, keineswegs zwingend. Eine festgestellte Differenz kann auch in Definitionsunterschieden begründet liegen.

Erwerbslosenquoten sind nicht nur mit Arbeitslosenquoten lediglich bedingt vergleichbar. Das gilt trotz anderslautender Behauptungen auch untereinander beziehungsweise über Länder hinweg. Die mangelnde Vergleichbarkeit rührt daher, dass die Erwerbslosenstatistik nur das Problem nicht registrierter Stellenlosigkeit angeht. Es gibt aber auch weitere verzerrende Faktoren, denen die Erwerbslosenstatistik nicht Rechnung trägt. Dazu zählt unter anderem der Einsatz von sogenannten aktiven arbeitsmarktpolitischen Massnahmen wie Umschulung und Weiterbildung oder Beschäftigungsprogrammen, die die Wiedereingliederung von Stellenlosen aktiv unterstützen sollen.

Setzt ein Land solche Massnahmen verstärkt ein, senkt dies trotz unveränderten Beschäftigungsgrads die Erwerbslosenquote, da Teilnehmer an Umschulungsmassnahmen als nicht erwerbsaktiv gelten und solche an Beschäftigungsprogrammen als beschäftigt zählen. Von solchen erwerbslosensenkenden Faktoren «profitiert» zurzeit die deutsche Erwerbslosenstatistik. Bei den eingangs genannten osteuropäischen Ländern hingegen ist die Erwerbslosigkeit vor allem deshalb so niedrig, weil viele einheimische Stellensuchende emigriert sind. Solche Fälle lassen sich wohl kaum als Zeichen einer Arbeitsmarktstärke bezeichnen.

Zentrale Beschäftigungsquote

Aufgrund der mangelnden Vergleichbarkeit nationaler Erwerbslosenquoten misst die heutige Arbeitsmarktforschung die Stärke nationaler Arbeitsmärkte an der ebenfalls in Umfragen ermittelten Beschäftigungsquote der 25- bis 54-Jährigen. Die Beschäftigtenquote gibt den Anteil der Personen einer bestimmten Altersgruppe an, die in Arbeit stehen. Der Vorteil einer Beschäftigtenquote liegt darin, dass sie auch die Möglichkeit erfasst, dass Stellensuchende aufgrund fehlender Stellenangebote die Arbeitssuche aufgeben beziehungsweise sich aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen und so die Erwerbslosenlosenstatistik entlasten. Sie misst also, wie weit es einem nationalen Arbeitsmarkt gelingt, Personen im Erwerbsalter in Lohn und Brot zu bringen.

Das Weglassen der unter 25-Jährigen erklärt sich dabei aus dem Tatbestand, dass das Vorhandensein eines Lehrberufswesens die Beschäftigtenquote künstlich erhöht, da Teilnehmer an einer Berufslehre als beschäftigt gelten, wohingegen Gleichaltrige in einer schulischen Ausbildung als nicht erwerbsaktiv zählen. Der Ausschluss der über 54-Jährigen dient hingegen dazu, dem verzerrenden Effekt international unterschiedlicher gesetzlicher Rentenalter aus dem Weg zu gehen.

Vergleicht man nun die Beschäftigtenquoten der 25- bis 54-Jährigen der 36 OECD-Länder, ist festzustellen, dass im Mittel der statistisch voll abgedeckten Jahre 2005 bis 2018 die nationalen Beschäftigtenquoten zwischen 86,7% in Israel und 57,2% in der Türkei streuen. Die Schweiz liegt mit einem Wert von 85,9% auf dem zweiten Platz, gefolgt mit kurzem Abstand von Norwegen und Schweden.

Dagegen befinden sich Polen und Ungarn unter «ferner liefen» auf den Plätzen 26 und 27 mit einer Quote von 77,3 respektive 76,8%. Demnach liegen die tiefen Erwerbslosenquoten dieser Länder darin begründet, dass fast ein Viertel der 25- bis 54-Jährigen von einer Erwerbsbeteiligung absieht. Und Deutschland, das gemäss der Erwerbslosenquote die Schweiz neulich überholt hat, steht mit 82,1% auf Rang elf und liegt trotz seines derzeit erlebten Beschäftigungswunders immer noch hinter der Schweiz.

Vor diesem Hintergrund ist nicht die gegenwärtige Stärke des Schweizer Arbeitsmarktes in Frage zu stellen, sondern vielmehr die Aussagekraft der Schweizer Erwerbslosenstatistik.