Märkte / Anleihen 10:20 - 18.04.2017

Schweizer Gläubiger Argentiniens gehen leer aus

Argentiniens erfolgreiche Rückkehr an den Frankenmarkt hat einen schalen Beigeschmack. Schweizer und deutsche Privatanleger gucken bei der Bedienung alter Schulden in die Röhre.
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Anleihe
Fremdmittelaufnahme am Kapitalmarkt . Anleihen können fix oder variabel verzinst werden. Die als Wertpapier ausgestalteten und somit handelbaren Bruchteile einer Anleihe werden Obligationen oder Bonds genannt.
Bond
Englische Bezeichnung sowohl für eine Anleihe wie auch für ihre handelbaren Bruchteile, also die Obligationen .
Börse
Regelmässig stattfindender, nach feststehenden Usanzen organisierter Markt. Je nach den gehandelten Gütern spricht man z. B. von Wertpapier-, Effekten-, Devisen-, Warenbörsen oder Börsen für derivative Instrumente (Terminbörsen ).
Finanzanlagen
In dieser Position werden Wertpapierbestände bilanziert, die weder mit der Absicht des Handels noch mit der Absicht der dauernden Anlage gehalten werden. Die Anlagen werden nach dem Niederstwertprinzip bewertet. Eigene Aktien, die nicht dem Handel dienen, sind in den Finanzanlagen bilanziert.
Kapitalschnitt
Herabsetzung des Aktienkapitals , verbunden mit einer anschliessenden Kapitalerhöhung durch die Ausgabe neuer Aktien . Führt zu einer Stärkung der Kapitalbasis eines vorübergehend in Schwierigkeiten geratenen Unternehmens.
Kurs
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Laufzeit
1. Lebensdauer eines Derivats oder einer Obligation . 2. Frist im Optionsgeschäft, während deren eine amerikanische Option ausgeübt werden kann.
Nominalwert
1. Der auf Obligationen angegebene Forderungsbetrag. Der Kurswert ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage, weshalb der Marktwert auf (pari ), über oder unter dem Nominalwert liegen kann. 2. Betrag des Basiswerts, auf den sich ein Futures definitionsgemäss bezieht. Ausstehende Nominalbeträge liefern wichtige Informationen über die Struktur des Derivatmarktes. Der Kapitaleinsatz für den Futures ist bedeutend geringer, als er für den Kauf des Basiswerts wäre (Hebelwirkung ). 3. Nennwert .
Obligation
Als Wertpapier ausgestalteter und somit handelbarer Bruchteil (Stückelung ) einer Anleihe .
SIX
1995 aus dem Zusammenschluss der Börsen Genf, Basel und Zürich entstandener Schweizer Markt. Seit August 1996 werden sämtliche Wertpapiere elektronisch gehandelt. Das System zeichnet sich aus durch eine Vollintegration der Börsenprozesse, vom Börsenauftrag bis zur Abwicklung . Anfang 2008 Fusion mit SIS und Telekurs zur SIX Group .
Staatsanleihe
Anleihe , die von einem Staat zur Deckung seines Finanzierungsbedarfs im In- oder Ausland emittiert wird. Die Renditen der Staatsanleihen dienen als Benchmark für andere Emittenten desselben Staates. Die Schweiz begibt im Unterschied zu anderen Ländern keine Anleihen der Eidgenossenschaft im Ausland.
Zahlungsausfall
Liegt vor, wenn ein Schuldner Zinszahlungen und Tilgung nicht fristgerecht und vollständig leistet. Gemäss der Praxis der Ratingagenturen gilt eine Zahlungsverzögerung von mehr als dreissig Tagen als Default. Der Default bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass der Gläubiger das ganze Kapital verliert, weil im Zuge des Konkursverfahrens meist eine Konkursdividende ausgeschüttet wird. Bei Kreditderivaten gilt der Default als Kreditereignis . Anleihenumstrukturierungen (Exchangeables) gelten gemäss Ratingagenturen ebenfalls als Zahlungsausfall.

Arthur Müller ist von Argentiniens neuer Regierung enttäuscht. Der 64-jährige Automatikmonteur kümmert sich um die Finanzanlagen seiner betagten Mutter. Sie hat Ende der Neunzigerjahre wie 50’000 andere Schweizer vermeintlich sichere argentinische Staatsanleihen gekauft. Nach dem Zahlungsausfall 2001 diente sie bei der Umschuldung einen Teil der seit 2003 fälligen Anleihen an. Den anderen Teil behielt sie in der Hoffnung, etwas weniger zu verlieren. Doch jetzt droht sich das Geld ganz in Luft aufzulösen – obwohl die neue Regierung vor einem Jahr die Rückzahlung aller Schulden versprochen hat.

Anfang 2005 unterbreitete Argentinien den ausländischen Gläubigern ein erstes Angebot, die nicht mehr bedienten alten Anleihen in neue mit längerer Laufzeit und niedrigeren Coupons umzutauschen. Der Kapitalschnitt betrug dabei je nach Berechnung zwischen 60 und 70%. Die neuen Anleihen gab es in Dollar, Euro und Yen, nicht aber in Franken. «Attraktiv war das Angebot nicht, deshalb riet ich meiner Mutter, einen Teil zu behalten und auf bessere Zeiten zu hoffen», sagt Müller.

Eine lange Geschichte von Krisen und Hoffnungzoom

Neue Hoffnung unter Macri

Als dann Ende 2015 Mauricio Macri die Präsidentschaftswahlen gewann und das Ende des Schuldenstreits versprach, schien sich das Ausharren gelohnt zu haben. Im Februar vor einem Jahr einigte Argentinien sich mit den von der Vorgängerregierung als «Geier» bezeichneten US-Hedge-Funds auf eine Zahlung von 4,64 Mrd. $.

Auch eine Gruppe italienischer Hold-outs wurde bedient. Die Regierung wolle alle Gläubiger gleich behandeln und die Anleihen zu 150% zurückzahlen. Die Argentinienanleihe 97/03 von Familie Müller war ebenfalls im Rückzahlungsangebot enthalten. An der Börse SIX, wo die Anleihe immer noch im dekotierten Bereich gehandelt wird, war sie auf einmal wieder gefragt. Der Kurs erholte sich auf 120%. Die Anleger konnten sich auf der Website des Finanzministeriums für das Rückkaufprogramm einschreiben.

Doch schon bald folgte der nächste Dämpfer: «Die Ansprüche seien verjährt, war die Antwort», berichtet ein anderer Anleger, der nicht namentlich genannt werden will. Nur wer vor der Verjährung ein Gerichtsverfahren dagegen eingeleitet habe, könne die Anleihen anrechnen lassen, heisst es in einem Schreiben. Auch in Deutschland sind zahlreiche Gläubiger vom negativen Entscheid betroffen.

Seit das mit der Verjährung bekannt ist, ist der Kurs der Frankenanleihen auf 11% eingebrochen. Ganz gestorben ist die Hoffnung auf einen späteren Deal also nicht. Im Umlauf sind noch Anleihen mit einem Nominalwert von 15 Mio. Fr.

Abschreiben und vergessen

Müller aber glaubt nicht an ein Wunder, zu oft wurde er von Argentinien enttäuscht. Er selbst besitzt noch Anleihen der Provinz Buenos Aires, die umgeschuldet wurden. Die neue Obligation läuft nächste Woche aus. Doch nach den Erfahrungen seiner Mutter wird er erst aufatmen können, wenn das Geld auf dem Konto liegt. Wenn er sieht, wie sich Anleger um die neue Anleihe mit knapp 3% Rendite reissen, schüttelt er nur den Kopf. Wie kann es sein, dass die einen Gläubiger sitzen gelassen werden, während dasselbe Land über dieselben Banken neue Bonds platzieren kann?

Nach Ostern trifft sich Bundespräsidentin Doris Leuthard in Argentinien mit Präsident Macri und mehreren Ministern. Ziel des Besuchs ist es, den «traditionsreichen und dynamischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Argentinien neue Impulse zu geben». Frustrierte Anleger wie Arthur Müller werden kein Thema sein. «Allfällige Verjährungsfristen von nicht bedienten Privatgläubigern sind nicht traktandiert», teilt die verantwortliche Medienstelle mit.

Kaum Alternativen zu ArgentinienMit einer Rendite von 2,7% ist die neue Argentinienanleihe die Ausnahme am Frankenmarkt. Kredit- und Zinsänderungsrisiken werden kaum mehr entschädigt. Lesen Sie hier mehr.

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