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Negativzinsen treffen die ganze Volkswirtschaft

Die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) sieht Risiken für die Schweiz, wenn langfristig keine Abkehr vom Negativzinsumfeld gelingt.

Negativzinsen belasten die Wettbewerbsfähigkeit der Banken, schmälern ihre Rentabilität und gefährden langfristig die gesamte Schweizer Volkswirtschaft. Zu diesem Schluss kommt die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg), wie sie an ihrer Jahresmedienkonferenz in Zürich mitgeteilt hat.

Herbert J. Scheidt, Verbandspräsident, ist der Ansicht, dass zehn Jahre nach der globalen Finanzkrise eine Normalisierung des Zinsniveaus in weite Ferne gerückt sei. «Die Summe aller Negativzinsen, die die Geschäftsbanken der SNB (SNBN 5760 -1.71%) entrichten, beläuft sich auf 2 Mrd. Fr.», sagt Scheidt. Dies sei nicht nur eine Einbusse an Rentabilität, sondern zugleich ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mitstreitern aus dem Ausland. US-Banken profitieren im laufenden Jahr von einem risikofreien Zinsertrag von rund 30 Mrd. $. Und Institute der Eurozone erhalten unter gewissen Umständen sogar Geld von der EZB, statt Zinsen zu bezahlen.

Gefahr für die Systemstabilität

Die Negativzinsen können auch die Stabilität des gesamten Finanzplatzes gefährden. Aufgrund des Zinsumfelds fliehen private und institutionelle Investoren in risikoreichere Anlagen. Dadurch gleichen sich die Geschäftsmodelle der Banken an, was zu einer verminderten Diversität der Institute führt.

Auch besteht die Gefahr, dass Kreditnehmer und Sparer in den unregulierten Bereich abwandern und ein Schattenbankensystem kreieren. Es ist etwa denkbar, dass neue digitale Anbieter, z. B. grosse Technologieunternehmen wie Google (GOOGL 1234.63 0.39%), Facebook (FB 186.8868 -1.6%) oder Apple (AAPL 218.77 0.48%), mit eigenen Finanzprodukten die Stabilität gefährden könnten. Mit Zahlungssystemen sind sie bereits aktiv.

Gefahr für die Altersvorsorge

Die SBVg ist sich dieser Gefahren bewusst und hat sich zum Ziel gesetzt, nicht nur den Finanzplatz zu stärken, sondern die gesamte Volkswirtschaft. Die Themen der Vereinigung sollen breiter gefasst werden und nicht nur direkt die Banken betreffen.

Mit Blick auf die Negativzinsen kommt so die Altersvorsorge ins Spiel, die früher oder später jede Bürgerin und jeden Bürger tangiert. Bereits heute sind alle drei Säulen des Vorsorgesystems von den Negativzinsen betroffen. Und auch das zusätzliche private Ansparen von Geldern ist – zumindest auf einem klassischen Sparkonto – nicht attraktiv.

Sollte zudem die SNB nächste Woche ihren Leitzins senken, dann könnte es bald Realität sein, dass auch Kleinsparer den Banken einen Minuszins entrichten müssen. Ob die Banken so weit gehen und bei Kleinsparern negative Zinsen einfordern, ist allerdings die Entscheidung jeder einzelnen Bank. «Es ist nicht Aufgabe der SBVg, den einzelnen Instituten ihre Geschäftspolitik vorzuschreiben», sagt Jörg Gasser, CEO der SBVg. Es sei jedoch offensichtlich, dass eine weitere Zinssenkung die Probleme in der Altersvorsorge verschärfen würde.

Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit

«Die Negativzinsen unterbinden ebenfalls den strukturellen Wandel in einer Volkswirtschaft», sagt Scheidt. So bleiben in der Schweiz zinsinduzierte Wachstumsimpulse aus. Statt in Konkurs zu gehen, werden unrentable Unternehmen wie Zombies künstlich am Leben gehalten.

Die SBVg stellt sich daher die Frage, wann der Schaden so gross sei, dass bei den Negativzinsen Gegensteuer gegeben werden müsse. Einen Rat an die SNB, ob und wie an der Zinsschraube zu drehen sei, mag sie jedoch nicht geben.

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