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Schweizer Finanzplatz steht vor Verkaufswelle

Die Pipeline für Fusionen und Übernahmen im Bankensektor ist voll. Wer nicht frisst, droht gefressen zu werden.

Die Konsolidierung im Finanzsektor nimmt Fahrt auf. Nachdem es in den vergangenen Jahren rund um Bankfusionen und -übernahmen ruhiger geworden ist, stellen Unternehmensberater wieder eine Zunahme der Aktivitäten fest. «Unsere Pipeline ist sehr gut gefüllt», sagt Jean-François Lagassé, Leiter des Finanzdienstleistungs- und Bankensektors von Deloitte. «Zehn bis fünfzehn Fusionen und Übernahmen, in die Schweizer Banken involviert sind, sind bei uns in Abwicklung. Das ist mehr, als wir in jüngeren Jahren gesehen haben.» Es geht um internationale Einheiten grosser Banken, die abgestossen werden, um Fusionen Schweizer Geldhäuser, um den Verkauf von Banken an Konkurrenten aus dem Ausland, um Portfolioverkäufe. Deloitte zufolge sind private und kotierte Banken gleichermassen betroffen.

Auch der auf den Privatsektor spezialisierte Berater BDO sieht im M&A-Markt eine hohe Nachfrage nach Finanzdienstleistern. «Die Konsolidierung scheint sich wieder zu beschleunigen», sagt Edgar Wohlhauser, Leiter Financial Services. ­Tatsächlich waren die Volumen zuletzt rückläufig. Unter dem Druck der tiefen Margen hat sich die Zahl der Privatbanken in der Schweiz über die vergangenen Jahre hinweg aber kontinuierlich verringert.

Das jüngste Beispiel ist der Verkauf der Genfer Privatbank Reyl an Intesa Sanpaolo (ISP 1.391 -1.65%). Der italienische Bankriese hat 69% von Reyl übernommen und stärkt damit seine Position in Europa. Intesa will von der Schweiz aus im internationalen Private Banking wachsen. Bereits 2018 schluckten die Italiener die Genfer Banque Morval. Eine weitere Übernahme in der Schweiz ist gut möglich. Denn Grösse gilt im Private Banking immer noch als Schlüssel zum Erfolg. Wachstum ermöglicht Skaleneffekte, die zu höherer Profitabilität führen. Das treibt die Preise von ­attraktiven Übernahmezielen.

Plötzliche Existenzprobleme

Ob die Banken und ihre Assets aber zu höheren Preisen über den Ladentisch gehen, darüber herrscht keine Einigkeit. «Bei ­vielen Transaktionen, an denen wir arbeiten, übertreffen die Preise das Vorkrisenniveau», sagt Lagassé. «Die Bewertungen liegen teils über einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 30 und damit klar über denen, die wir bei kotierten Banken sehen. Kurz: Es besteht ein Verkäufermarkt.» Man stelle eine Tendenz nach oben fest, sagt mit Blick auf die Preise auch Christoph Baertz, Leiter Deals Financial Services von PwC in der Schweiz. Anders sieht das Ray Soudah, Gründer des M&A-Spezialisten Millenium Associates: «Die Preise sind stabil. Dass die Nachfrage hoch ist, heisst nicht viel. Das ist sie immer.» Entscheidend sei, ob es zu Transaktionen komme. «Ich rechne damit, dass die Anzahl Deals am Ende des Tages klein bleibt.»

Allerdings ist auch die Angebotsseite in Bewegung geraten. Während die Krise bei manchen Banken dank eines regen Handels für erfreuliche Zahlen im zweiten und im dritten Quartal sorgt, beschleunigt sie bei anderen den Abwärtstrend. «Seit dem Lockdown ist das eine oder andere Finanzunternehmen in existenzielle Probleme gekommen», sagt Wohlhauser. «Sie müssen sich nun nach Lösungen umsehen – was auch zu Verkäufen führen kann.»

Wer nicht kauft, verkauft

Das Übel: Der positive Effekt der Krise, die vor allem im Frühjahr die Handelsvolumen explodieren liess, ist temporär. Was bleibt, sind die ewigen Problemfelder Margenschwund, Negativzinsen und Digitalisierungsdruck. Einige Institute kämpfen seit Jahren mit einer tiefen Profitabilität. Reicht organisches Wachstum nicht und fehlt das Kapital für Akquisitionen, steht irgendwann der Verkauf zur Diskussion. Lagassé rechnet damit, dass sich die Situation für Unternehmen mit ohnehin tiefer Profitabilität 2021 weiter verschlimmern könnte. Auch andere Experten berichten von einer Vielzahl potenzieller Verkäufer, die irgendwann andienen würden, weil sie selbst nicht kaufen könnten.

Wie schnell sich die gefüllten Pipelines in Schlagzeilen umwandeln, ist schwierig abzuschätzen. Zum einen sorgen die Unsicherheiten rund um die Entwicklung der Covid-19-Pandemie dafür, dass die Pro­gnosefähigkeit der Unternehmen reduziert ist. Das erschwert die Preisfindung. Zum anderen scheint sich wegen Corona der Transaktionsprozess generell verlangsamt zu haben, wie Baertz festgestellt hat: «Ich rechne aber damit, dass wir vor Ende des Jahres noch den einen oder anderen Abschluss sehen werden.»


Oddo BHF übernimmt Westschweizer Privatbank Landolt


(AWP) Die deutsch-französische Oddo BHF Bank übernimmt die Westschweizer Privatbank Landolt & Cie. Die Landolt-Eigner Thierry Lombard und Pierre Landolt würden mit einem Anteil von 4% bedeutende Aktionäre der Gruppe, sagte Oddo-BHF-Chef Philippe Oddo am Dienstagabend im Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten.

Mit der Lausanner Privatbank baue Oddo die Präsenz in der Schweiz kräftig aus. «Wir sind jetzt in der Schweiz genauso stark wie in Deutschland und Frankreich.» Zudem ging Oddo BHF eine strategische Partnerschaft mit der spanischen Grossbank BBVA bei Aktienanalysen und im Wertpapierhandel (Equity Brokerage) auf der iberischen Halbinsel ein, wie die beiden Partner am Mittwoch mitteilten.

Landolt und Oddo BHF hatten bereits im Juli mitgeteilt, dass sie über eine Fusion verhandeln. Allerdings fehle noch die Genehmigung der Aufsichtsbehörden, hiess es damals. Die Landolt & Cie wurde 1780 in Lausanne gegründet und verwaltet heute mit 70 Mitarbeitenden an den Standorten Genf, Lausanne und Zürich Vermögen von mehr als 3 Mrd. Fr.

Oddo BHF ist seit der Übernahme der BHF-BANK im Jahr 2016 in der Schweiz mit Hauptsitz in Zürich vertreten. Die Gruppe beschäftigt laut eigenen Angaben 2’300 Mitarbeiter – davon rund 1’200 in Deutschland und der Schweiz und 1’100 in Frankreich und Tunesien – und verwaltet ein Kundenvermögen von über 100 Mrd. €. 2019 betrugen die Nettoerträge aus dem Bankgeschäft 585 Mio. €.