Meinungen English Version English Version »

Schweizer Schulsystem ist wegweisend

Um wachsender Einkommensungleichheit entgegenzuwirken, muss für mehr Chancengleichheit gesorgt werden, etwa gemäss dem Schweizer Bildungsmodell. Ein Kommentar von Fabrizio Zilibotti.

Fabrizio Zilibotti
«In Ländern mit einem starken Berufsschulwesen ist die Jugendarbeitslosigkeit niedriger.»

Letzte Woche habe ich die Matur-Abschlussfeier meiner Tochter an der Kantonsschule Hohe Promenade besucht. Eine unterhaltsame, fröhliche Veranstaltung, der Abschluss der Gymnasiumzeit für 92 aufgeweckte junge Menschen.

Sie hat mich inspiriert, diese Spalten zu nutzen, um über meinen Eindruck vom schweizerischen Bildungswesen zu berichten, als jemand, der in vier Ländern – Grossbritannien, Spanien, Italien und Schweden – gelebt hat und entsprechend mit unterschiedlichen Bildungssystemen vertraut ist.

Im Jahr 2006 folgten meine Frau und ich dem Ruf an die Universität Zürich und zogen in die Schweiz. Unsere Tochter war damals sieben Jahre alt. Sie war in Stockholm zur Welt gekommen und mit Schwedisch als Hauptsprache aufgewachsen.

Zu Hause wurde Englisch, Italienisch und Spanisch geredet, aber Deutsch konnte keiner von uns. Wir machten uns Sorgen, wie sie damit zurechtkommen würde, sich in ein neues Land, ein neues Schulsystem zu integrieren. Unter Expats werden darüber regelrechte Schauergeschichten herumgereicht.

Neuankömmlinge sind davon oft so eingeschüchtert, dass sie zu kurzsichtigen Lösungen Zuflucht nehmen. So bietet zum Beispiel die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Uni Zürich für die Familien ausländischer Professoren attraktive Arrangements mit Privatschulen an, was die Volksschule komplett aussen vor lässt.

Zum Glück war kein solches Programm in Kraft, als wir ankamen. Mein Rat, sich nicht auf solche nur vermeintlich hilfreichen Angebote einzulassen, stösst oft auf taube Ohren. Denn was in der Schweiz selbstverständlich erscheint, ist für Menschen aus angelsächsischen Ländern schlicht unvorstellbar: dass eine öffentliche Schule (viel) besser sein kann als eine private Einrichtung. So wird viel Geld ausgegeben für etwas, was Integration erst recht verhindert.

Bei uns lief es anders. Unsere Tochter kam zuerst einmal in eine Integrationsgruppe mit anderen fremdsprachigen Kindern. Im üblichen Narrativ wohlhabender Expats ein Graus: ihre Kinder, dem verderblichen Einfluss gefährlicher Schulkameraden ausgeliefert.

In der Welt von heute leben Kinder aus wohlhabenden Familien sozial abgeschottet und kommen mit der Vielfalt sozialer Schichten kaum je in Berührung. Der Entwicklung unserer Tochter hat die Integrationsgruppe aber nicht etwa geschadet, im Gegenteil: Es war eine sehr positive Erfahrung.

Der Austausch mit Kindern mit unterschiedlichsten Hintergründen unter der Leitung verantwortungsvoller und engagierter Lehrpersonen war sehr wohltuend und angenehm. Sie lernte schnell Deutsch und trat dann, reibungslos, in eine reguläre Primarschulklasse über.

Andere Länder, Italien zum Beispiel, lehnen solche Integrationsgruppen ab; sie seien diskriminierend. Oder aber, und das ist wahrscheinlicher, die Political Correctness wird als Vorwand genutzt, um Geld zu sparen. So bleibt für die fremdsprachigen Kinder die frustrierende Erfahrung, in einem Regelunterricht zu sitzen, von dem sie kein Wort verstehen.

Berufsschulen fördern

In ihrer Primarschule, der Huttenschule, war unsere Tochter sehr gut aufgehoben. Die Lehrer taten alles, um die Wissbegierde der Kinder zu fördern. In der sechsten Klasse dann die grosse Herausforderung: die Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium.

Im Narrativ der Expats gilt dies als das schonungsloseste und erschreckendste Erlebnis, die man sich nur denken kann. Dieses Narrativ umfasst mehrere Elemente. Zum einen heisst es, ausländische Kinder hätten ohnehin keine Chance, die Prüfung zu schaffen.

Nun, in der Schulklasse meiner Tochter hatte über die Hälfte der erfolgreichen Prüflinge einen ausländischen Hintergrund. Zweitens wird der Eindruck erweckt, das Scheitern an der Gymi-Aufnahmeprüfung versperre ein für alle Mal jegliche Chance auf höhere Bildung.

Dem ist in der Schweiz nicht so. Einer meiner Doktoranden hatte zuerst die Sekundarschule absolviert; auch er kam an die Universität, bloss eben später. Er war einer der Besten seines Studiengangs und ist mittlerweile Professor für Wirtschaftswissenschaften in den USA.

Der Architekt, der unser Haus umgebaut hat, hat seine Ausbildung an einer Fachhochschule absolviert. Heute ist er ein äusserst erfolgreicher Fachmann. Zahlreiche Führungsleute in der Schweizer Wirtschaft haben ihre gesamte schulische Laufbahn in Berufs- und Gewerbeschulen absolviert. Sie verfolgen sehr erfolgreiche Karrieren.

Der internationale Vergleich belegt zudem, dass in Ländern mit einem starken Berufsschulwesen die Jugendarbeitslosigkeit niedriger ist. Ein solches System eröffnet auch weniger leistungsstarken Schülern Chancen. In einem wenig flexiblen allgemeinbildenden Schulsystem hingegen bleiben sie zurück und fallen durch das Raster.

Umstritten ist der Zeitpunkt der Aufnahmeprüfung – die Kinder seien viel zu jung, wenden Kritiker ein. Linke Kreise monieren, für den Erfolg bei der Gymiprüfung sei massgeblich der sozioökonomische familiäre Hintergrund entscheidend: Kinder aus wohlhabenden und gebildeten Familien haben viel grössere Erfolgschancen. Das trifft zu.

Nobelpreisträger James Heckman hatte einst geschrieben, das grösste Marktversagen in Wirtschaftssystemen sei der Markt für Eltern. Ein internationaler Vergleich zeigt allerdings, dass selbst in Ländern mit völlig anders geartetem Bildungssystem schulischer Erfolg hochgradig mit dem familiären Umfeld korreliert.

Und doch gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen einem prüfungsbasierten System und solchen, in denen die Diskriminierung direkt von ökonomischen Faktoren herrührt.

Die entscheidende Frage in Grossbritannien und den USA ist, wo die Familie wohnt – wohlhabende Gegenden verfügen über bessere öffentliche Schulen – und ob sie sich die Gebühren für eine private Schule leisten kann. Diese Schulen sind das Eintrittstor zu den besten Universitäten.

In einem testbasierten System wie dem schweizerischen braucht ein fleissiges, begabtes Kind aus bescheidenen Verhältnissen bloss die Aufnahmeprüfung zu bestehen – die besten Schulen, wie Hohe Promenade, sind kostenlos.

Ich bin allerdings durchaus der Meinung, dass die staatlichen  Primarschulen mehr tun sollten, um Kinder bei der Vorbereitung auf die Gymiprüfung zu unterstützen. Teure private Vorbereitungskurse schiessen wie Pilze aus dem Boden.

Sie erweisen sich oft als zielführend, sodass für Kinder aus weniger begüterten Verhältnissen tatsächlich ein Nachteil resultiert.

Wohlhabende im Vorteil

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums argumentieren einige meiner Akademiker-Kollegen nachdrücklich, der Staat habe kein Recht, Kindern gegen den Willen ihrer Eltern den Zugang zu den besten Bildungschancen zu verwehren.

In ihren Veröffentlichungen treten viele von ihnen als glühende Verfechter von Wettbewerb und Leistungsprinzip auf. Geht es dann aber um die eigenen Kinder, klingt es plötzlich ganz anders.

Und selbst im Schweizer System haben wohlhabende Familien einen gewissen Vorteil: Fällt das Kind durch die Aufnahmeprüfung, haben sie immer noch die Möglichkeit, es an einer privaten Schule einzuschreiben.

Eine Option nur für diejenigen, die sich das leisten können – und zudem keine besonders gute. Von Erfolgsgeschichten hört man hier nur selten.

Oft stellen sich dann an der Universität wieder Schwierigkeiten ein, und so manches Kind wohlhabender Eltern endet im Ausland, an einer privaten Schule von zweifelhaftem Ruf. Vielleicht wäre eine erfolgreiche Berufsausbildung die bessere Lösung gewesen.

Als unsere Tochter am Gymnasium war, habe ich ihren Lehrplan mit dem der Kinder von Freunden im Ausland – Spanien, Italien, Norwegen, Deutschland, USA, auch an teuren Privatschulen – verglichen.

Absolut wie auch relativ zu den anderen betrachtet ist die Bildung, die sie erhalten hat, erstklassig. In Ländern wie Grossbritannien oder den USA wäre ihr Marktpreis enorm.

Meine Frau und ich ziehen nun an die Universität Yale weiter. Unsere Tochter, mittlerweile Schweizer Staatsbürgerin, kann mit ihrer Matura von der Hohen Promenade das Physikstudium an der ETH Zürich aufnehmen, einer der renommiertesten Einrichtungen weltweit.

Es wird rege debattiert über die Ursachen und die Auswirkungen der wachsenden Einkommensungleichheit. Manche Ökonomen sprechen sich für eine progressivere Besteuerung und mehr Umverteilung aus.

Wir wissen, wie schwierig oder gar kontraproduktiv dies in der Praxis sein kann (man denke nur an die gescheiterte Reform der Regierung Hollande). Ich bin der festen Überzeugung, dass es zielführender ist, für mehr Chancengleichheit zu sorgen.

Ein starkes Bildungssystem mit öffentlichen Schulen, das sowohl Talent und als auch Bedürfnissen Rechnung trägt, ermöglicht hier grosse Schritte nach vorne. Das perfekte Schulsystem gibt es nirgendwo. Das Schweizer Modell, das gute Schulen und vielfältige Chancen vereinigt, ist aber zweifellos ein gutes.