Märkte / Anleihen

Zinswende in der Schweiz wird erneut verschoben

In der Schweiz wird es frühestens im zweiten Halbjahr 2017 zu einer Anhebung der Leitzinsen kommen. Das geht aus der jüngsten Umfrage der FuW hervor.

Die Befragten von Bank Julius Bär (BAER 47.91 -0.93%) und Raiffeisen Schweiz haben ihre monatlichen Zinsprognosen am langen Ende nochmals nach unten korrigiert. Die anderen, jene von UBS (UBSG 12.685 -2.61%), Credit Suisse (CSGN 13.39 -1.29%) (CS), Zürcher Kantonalbank (ZKB) und St. Galler Kantonalbank (SGKN 484 0.21%) (SGKB) liessen die Erwartungen unverändert.

Für den UBS-Ökonomen Dominik Studer hängt die Politik der Schweizerischen Nationalbank (SNB (SNBN 5700 -1.72%)) vor allem von der Europäischen Zentralbank (EZB) ab. Erst nachdem das Anleihenkaufprogramm in der Eurozone beendet worden ist, dürfte es für die SNB Raum geben, die Negativzins-Massnahme zu lockern. In den nächsten zwölf Monaten werde sie ihren Leitzins von –0,75% jedoch beibehalten.

Da die Negativzinsen bereits in aktueller Höhe unerwünschte Nebenwirkungen auf das Schweizer Finanz- und Vorsorgesystem haben, erwartet Studer einen ersten Zinsschritt von –0,75% auf –0,5% im zweiten Halbjahr 2017. Mittelfristig dürfte das lange Ende der Schweizer Zinsen den US-Sätzen folgen.

Risk on – trotz allem

Für David Marmet, Leiter Volkswirtschaft der ZKB, operieren die Finanzmärkte weiter im «Risk-on-Modus» – trotz Brexit, Terroranschlägen in Frankreich und Deutschland sowie des gescheiterten Putschversuchs in der Türkei. Den Zentralbanken gelinge es nämlich immer wieder, mit «dezidierten Statements die Finanzmärkte zu beruhigen».

Allerdings trübten sich in Grossbritannien derzeit die Stimmungsindikatoren ein, schränkt Marmet ein, die negativen Daten zur Realwirtschaft würden später folgen. «Die Bank von England wird aktiv bleiben – und das Pfund wird schwächer werden», sagt Marmet voraus. Die europäische Konjunktur habe durch das Brexit-Votum einen weiteren Dämpfer erhalten. Der ZKB-Ökonom rechnet für das zweite Halbjahr mit einer Wachstumsabschwächung. Dies spreche nicht für steigende Kapitalmarktzinsen, «auch nicht in der Schweiz».

Normalisierung «sehr langsam»

Für Susan Joho, Ökonomin bei Bank Julius Bär, hat sich am kurzen Ende nichts geändert. Sie erwartet, dass die SNB ihre momentane Politik mit dem Leitzins auf –0,75% beibehalten wird. Um den Franken in der Nähe zu 1.10 Fr./€ zu halten, seien «immer noch beträchtliche Deviseninterventionen notwendig». Diese waren jedoch in den vergangenen Monaten nie hoch genug, um eine weitere Lockerung der Geldpolitik zu provozieren, argumentiert Joho.

Eine Verschärfung der Situation sei nicht zu erwarten. Am langen Ende wurde bei Bank Bär die Prognose auf Sicht von zwölf Monaten «deutlich nach unten korrigiert». Diese Anpassung habe seit einiger Zeit im Raum gestanden, sagt Joho. Man sei schon länger nur von einer sehr langsamen Normalisierung der Zinsen in den USA ausgegangen.

Diese Annahme sei nach den jüngsten weltweiten Zinssenkungen der Bank of England (BoE), der Reserve Bank of Australia und weiteren kleineren Zentralbanken und aufgrund gestiegener Deflationsrisiken nochmals bestätigt worden. Eine Erholung am langen Ende werde mehr Zeit brauchen.

Bleibt das Fed 2016 untätig?

Roland Kläger, Leiter Finanzmarktanalyse & Strategie bei Raiffeisen Schweiz, sieht «an den Aktienmärkten den Brexit-Effekt vorerst verdaut, nicht zuletzt, weil weitere Massnahmen der Notenbanken erwartet wurden». Und diese hätten geliefert, zumindest in Grossbritannien und Japan, auch wenn sich die Limiten der ultraexpansiven Geldpolitik immer deutlicher zeigten.

Mit anhaltenden Notenbankmassnahmen bleibe die Zinskurve vorerst auf tiefem Niveau verankert. Der beruhigende Effekt tiefer Zinsen auf die Finanzmärkte dürfte überdies die US-Notenbank (Fed) daran hindern, den Zinserhöhungszyklus in diesem Jahr fortzusetzen, gibt sich Kläger pessimistisch.

Nach Ansicht von SGKB-Strategieanalyst Patrick Häfeli wird die SNB ihre Geldpolitik weiterhin extrem expansiv halten und sich dabei an der EZB orientieren. Der Euro-Franken-Wechselkurs werde dabei ein wichtiger Gradmesser, sozusagen die «Fieberkurve» für künftige geldpolitische Entscheide in der Schweiz bleiben.

«Frühestens Mitte 2018»

Da sich dieser Wechselkurs auch dank der Interventionen der SNB stabil zeige und von der EZB nicht mit weiteren Zinssenkungen zu rechnen sei, erwartet Häfeli auch in der Schweiz keine geldpolitischen Reaktionen. Die Zinssenkung der BoE werde bei der EZB keine Leitzinsänderung bewirken, weil erstere ja vor allem auf die wirtschaftliche Lage in Grossbritannien reagiert habe.

Eine erste Leitzinserhöhung der SNB stehe «frühestens Mitte 2018» an. Die Konjunktur- und Inflationsaussichten in der Schweiz sprächen zwar für steigende Zinsen, «aber nur leicht». Auch die nächste US-Leitzinsanhebung – Häfeli rechnet im Gegensatz zu Kläger damit noch in diesem Jahr – werde für leichten Aufwärtsdruck sorgen.