Zum Thema: Biotech-Titel fordern Nerven

Sechs Biotech-Unternehmen im Überblick

Die Biotechgesellschaften stehen an unterschiedlichen Punkten in ihrer Unternehmensentwicklung. Am weitesten ist Basilea. Wie es mit Addex weitergeht, ist unklar.

Am weitesten

Basilea (BSLN 31.00 -0.16%) setzt historisch bedingt auf Antibiotika. Die in Basel ansässige Biotech-Gesellschaft entstand 2000 aus einem Spin-off der Roche-Antibiotikasparte. Mit Ceftobiprol zur Behandlung von schweren im Spital erworbenen Lungenentzündungen verfügt das Unternehmen bereits über ein zugelassenes Medikament. Es wurde vor rund einem Jahr in der EU bewilligt. Die Markteinführung in verschiedenen europäischen Ländern steht kurz vor dem Abschluss.

In den USA dagegen wurde ein Zulassungsgesuch für Ceftobiprol vorerst zurückgewiesen. Weitere für die Bewilligung relevante klinische Tests sind nötig. Die will Basilea jedoch nicht ohne Partner durchführen. Zum Glück verfügt sie über einen weiteren Hoffnungsträger. Das gemeinsam mit dem japanischen Partner Astellas entwickelte Antibiotikum Isavuconazol zur Behandlung von schweren Schimmelpilzinfektionen liegt ebenfalls bereits auf dem Tisch der EU-Gesundheitsbehörde. Basilea und Astellas teilen sich die Verkaufsrechte. Während die Schweizer den EU-Markt abdecken wollen, sind die Japaner an der Vermarktung des Medikaments in den USA interessiert.

Basilea verfügt über zwei weitere Wirkstoffkandidaten. Die klinischen Tests befinden sich aber erst in einer frühen Phase. Am weitesten ist die Gesellschaft bei BAL101553, einem potenziellen Medikament gegen Brustkrebs. Analysten rechnen bei Basilea mit dem Überschreiten der Gewinnschwelle ab 2016.

Risikofaktor: Mittel

Überflieger

Investoren in Santhera (SANN 1.29 +1.57%) wissen, was es heisst, kurz vor dem Totalverlust zu stehen. Ende 2013 musste die Gesellschaft mit Sitz in Liestal noch jeden Franken umdrehen. Mit zulassungsrelevanten klinischen Daten, die darauf hinweisen, dass Santheras Medikament Raxone gegen Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) wie auch gegen Lebersche hereditäre Optikusatrophie (LHON) hilft, hat sich das Blatt nun aber gewendet. Die Aktien des Unternehmens sind seit Mitte Mai eine Erfolgsgeschichte. Sie haben sich inzwischen mehr als verdreifacht.

DMD wie auch LHON sind seltene Krankheiten. Für beide gibt es bisher keine breit anwendbare Behandlungsmöglichkeit. Das könnte sich mit Raxone ändern. Für LHON wurde in der EU bereits ein Zulassungsgesuch eingereicht. Mit dem Entscheid wird für das erste Halbjahr 2015 gerechnet. Für DMD ist ein entsprechender Antrag in Vorbereitung. Auch in den USA soll das Medikament den Behörden möglichst bald zur Zulassung unterbreitet werden.

Santhera entwickelt keine eigenen Wirkstoffe. Sie kauft von Pharmaunternehmen entworfene, aber nicht gebrauchte Präparate günstig ein und sucht für sie Anwendungsmöglichkeiten. Raxone wurde ursprünglich von Takeda aus Japan entwickelt. Laut ValuationLAB – die Research-Boutique erstellt Analysen im Auftrag des besprochenen Unternehmens – wird die Gewinnschwelle 2015 erreicht.

Risikofaktor: Mittel

Wunschpartner

Evolva (EVE 0.0950 +0.00%) aus Reinach (Basel-Landschaft) wird zwar als Biotech-Unternehmen bezeichnet, ist aber nicht an der Entwicklung von pharmazeutischen Wirkstoffen interessiert. Vielmehr sollen mit Hefebakterien Nahrungsmittelzusatzstoffe künstlich hergestellt werden. Mit Vanille und Resveratrol, das die Gesundheit verbessern soll, hat die Gesellschaft seit neustem zwei Produkte auf dem Markt. Weitere sollen folgen.

Grosse Hoffnungen liegen auf dem Süssstoff Stevia. Analysten messen ihm das höchste Marktpotenzial der Produkte innerhalb der Pipeline bei. Er ist kalorienfrei und somit gut für Diätgetränke einsetzbar. Deshalb unterstützt der Rohstofflieferant von Coca-Cola (KO 65.96 +0.37%) und Pepsi, Cargill aus den USA, das Projekt. Evolva und Cargill entwickeln den bis anhin aus Stevia-Blättern gewonnenen Süssstoff gemeinsam. Der Extrakt aus den Blättern schmeckt im Abgang etwas bitter. Evolvas Stevia soll nicht nur ohne bitteren Geschmack daherkommen, sondern gleichzeitig auch billiger in der Herstellung sein.

Nicht nur Cargill ist an Evolva interessiert. Auch IFF aus den USA dürfen die Schweizer zu ihren Partnern zählen. Mit BASF (BAS 49.30 -0.17%) aus Deutschland, Ajinomoto aus Japan sowie mit L’Oréal und Roquette aus Frankreich arbeitet Evolva ebenfalls zusammen. Gelingt der Durchbruch bei Stevia, könnte die Gewinnschwelle 2017 erreicht werden. Anleger haben bei Evolva den Vorteil, dass weniger unbekannte Faktoren bestehen als bei Arzneimittelherstellern. Das Umfeld ist weniger stark reguliert.

Risikofaktor: Mittel

Auf der Zielgeraden

Bei neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson ist der medizinische Bedarf besonders hoch. Die Entwicklung entsprechender Medikamente gestaltet sich angesichts der komplexen Leiden allerdings schwierig. Dennoch hat sich die an der Schweizer Börse SIX kotierte Newron (NWRN 1.35 -2.17%) Pharmaceuticals an die Erforschung entsprechender Wirkstoffe gemacht.

Mit dem in der Entwicklung am weitesten fortgeschrittenen Arzneimittel Safinamide setzt die italienische Gesellschaft auf Parkinson. Sie hat bei dem Medikament jedoch erst Ende Juli einen Rückschlag erlitten. Nicht nur Basilea leidet unter strengen Vorgaben der US-Gesundheitsbehörde FDA. Auch bei Newron hat die FDA einen Zulassungsantrag zurückgewiesen. Das Gesuch weise formelle Fehler auf, begründete sie. Newron will den Antrag schnellstmöglich wieder einreichen.

Weiter ist die Gesellschaft in der EU. Dort rechnet sie mit einem Zulassungsentscheid noch vor Ende Jahr. Safinamide soll als Begleitung zu bisherigen Standardtherapien (Dopaminagonisten und Levodopa) eingesetzt werden. Klinisch relevante Studien haben gezeigt, dass die Lebensqualität von Parkinson-Patienten mit dem Wirkstoff  deutlich verbessert werden kann. Hinzu kommt, dass dank Safinamide der Wirkstoff Levodopa, der mit zahlreichen Nebeneffekten verbunden ist, reduziert werden kann. Hält die EU-Gesundheitsbehörde Safinamide für verschreibungstauglich und schwenkt auch die FDA ein, könnte die Gewinnschwelle 2016 erreicht werden.

Risikofaktor: Mittel

Neuling

Die Titel von Molecular Partners (MOLN 6.41 -7.10%) stehen kurz vor der Börseneinführung. Wie aus dem Markt zu hören ist, will die Gesellschaft demnächst die Preisspanne bekanntgeben. Sie beabsichtigt, für umgerechnet rund 125 Mio. Fr. Aktien auszugeben. Sie will sich damit die nötigen Mittel für die Weiterentwicklung ihrer Wirkstoffe sichern.

Das Unternehmen aus Schlieren konzentriert sich auf Designed Ankyrin Repeat Proteins (DARPins), eine neue Klasse von proteinbasierten Medikamenten, die einst zur Behandlung von Patienten mit schweren oder lebensbedrohlichen Krankheiten genutzt werden könnten. Die Moleküle besitzen ähnliche Eigenschaften wie Antikörper, könnten aber wirksamer und günstiger herzustellen sein. Auch können daran, ähnlich wie bei Antibody-Drug-Konjugaten, möglicherweise Toxine gebunden werden. Grosse Pharmakonzerne wie Roche aus der Schweiz sowie Allergan und Janssen Pharmaceuticals aus den USA zeigen sich an der Technologie interessiert und sind eine Partnerschaft mit Molecular Partners eingegangen.

Am weitesten ist die Gesellschaft bei Abicipar, einem potenziellen Medikament zur Behandlung der feuchten Form der altersbedingten Makuladegeneration und zur Behandlung des diabetischen Makulaödems. Das Präparat wird zusammen mit Allergan entwickelt. Läuft alles rund, werden zulassungsrelevante klinische Tests (Phase III) im zweiten Quartal 2015 initiiert. Bis das Unternehmen Gewinn macht, dürften aber noch einige Jahre vergehen. Gerade Studien der Phase III sind zeitintensiv. Schätzungen, wann es gelingt, schwarze Zahlen zu schreiben, sind aus heutiger Sicht schwierig.

Risikofaktor: Hoch

In der Defensive

Wie es mit Addex (ADXN 0.7000 +0.00%) weitergeht, ist unklar. Die Gesellschaft aus Genf scheiterte Anfang 2014 bei der Entwicklung ihres Hoffnungsträgers ADX71149 gegen Depressionen. Der Wirkstoff zeigte in einer klinischen Studie der Phase II nicht die gewünschte Wirkung. Die Kostenbasis von Addex musste daraufhin stark reduziert werden. Dank den Massnahmen werden die liquiden Mittel nun gemäss unternehmenseigenen Aussagen sicher bis Ende 2015 reichen.

Bis anhin wurde der Fokus wie bei Newron auf die Entwicklung von Medikamenten gegen neurodegenerative Krankheiten gelegt. Derzeit werden aber das Portfolio und die Strategie überprüft. Potenzial könnte ein Präparat gegen Parkinson haben. Es hat bei Patienten erste positive therapeutische Effekte gezeigt.

Im Labor hat Addex zudem Anzeichen gefunden, dass ein Wirkstoff zur Entwöhnung von Rauchern die somatischen Erscheinungen des Entzugs mildert und teilweise die in diesem Zusammenhang gesteigerte Schmerzempfindlichkeit herabsetzt. Bei beiden Medikamenten ist es allerdings noch ein weiter Weg bis zur Marktreife. Teure klinische Studien stünden bevor. Will das Unternehmen weitere Projekte vorantreiben, braucht es zusätzliche finanzielle Mittel. Findet sich kein Partner, der Addex finanziell unterstützt, muss sie versuchen, über den Kapitalmarkt zu finanziellen Mitteln zu gelangen. Ob sie jemals Gewinn schreibt, ist fraglich.

Risikofaktor: Hoch

Leser-Kommentare

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.
Gerard Julmy 07.10.2014 - 13:54

Basilea: Für ISAVUCONAZOLE wurde durch Astellas auch der Zulassungsantrag gestellt bei der FDA. Bei EMA und FDA wurden die Zulassungsanträge angenommen. Bei eventueller Zulassung von ISAVUCONAZOLE in den USA stehen für Basilea noch ca. 370 Mio Meilensteine offen. Dies wurde in Eurem Beitrag nicht erwähnt.