Zum Thema: Was zu viel Ruhe an den Märkten bedeutet

Seismograf Volatilität

Die Volatilität an den Finanzmärkten ist derzeit enorm tief. Die FuW erklärt, wie man sich für diesen Fall absichern kann, wie sie sich zusammensetzt und was sie misst.

Peter Rohner, Elisabeth Tester und Tommaso Manzin

Wie absichern?

Die Aktienindizes brechen Rekorde, die Bewertungen sind strapaziert, die Anleger sind extrem optimistisch, und die Volatilität ist auf Rekordtief. Das ist eine explosive Mischung, findet Joachim Klement von Wellershoff & Partners (vgl. Haupttext). Er empfiehlt deshalb, Aktien zu verkaufen oder mit Put-Optionen abzusichern. Eine Put-Option gibt dem Inhaber das Recht, den Basiswert (zum Beispiel eine Aktie oder einen Index) zu einem festgelegten Zeitpunkt zu einem festgelegten Preis (Strike oder Ausübungspreis) zu verkaufen. Fällt der Kurs des Basiswerts, steigt der Wert der Option. Put-Optionen wirken wie eine Versicherung gegen fallende Kurse. Die Prämien sind derzeit besonders günstig, was in der niedrigen impliziten Volatilität zum Ausdruck kommt.

Auch Privatanleger können Optionen an der Terminbörse handeln, zum Beispiel an der Eurex. Viele Depotbanken setzen die Gebühren für den Handel mit Eurex-Optionen aber bewusst hoch an, da sie die Kunden nicht zum Spekulieren verlocken wollen. Beim Online-Broker Swissquote (SQN 111.80 +0.81%) zum Beispiel aber können Eurex-Optionen bereits ab 1.50 Fr. pro Kontrakt gehandelt werden. Jedoch müssen Kunden einen Wissenstest bestehen, bevor sie aktiv werden, denn Derivate können hochriskant sein. Wer zum Beispiel eine Call-Option verkauft, trägt theoretisch ein unbeschränktes Verlustrisiko.

Eine Alternative zu Eurex-Optionen sind Optionsscheine (Warrants), die nicht von den Börsen selbst emittiert werden. Auch kotierte Fonds, die von fallenden Indizes profitieren, wie ein Short Dax oder ein Short SMI (SMI 11'166.32 +0.39%) ETF, können zum Absichern verwendet werden. Sie sind derzeit aber nicht günstiger zu kaufen als sonst.

Was ist Volatilität?

Volatilität (von lat. volatilis: fliegend, flüchtig) ist ein viel benutzter Begriff. Man spricht von volatilen Börsen und Renditen, aber auch Gefühle, Meinungen und das Wetter können volatil sein. Gemeint ist damit etwas vage eine Schwankungsbreite von hoch zu tief, von links nach rechts, von schön zu regnerisch. Präzisere Aussagekraft erhält die Schwankungsbreite in Verbindung mit einem Mittelwert. Im statistischen Sinn ist Volatilität eine Masszahl, die hilft, die Eigenschaften einer beobachteten Datenmenge zu beschreiben. In  Wirtschaftswissenschaft und Finanzmathematik zeigt sie die Verteilung um ihren Mittelwert. Die Begriffe Volatilität und Standardabweichung werden dabei synonym verwendet.

Als Beispiel nehmen wir die jährlichen Renditen von sechs Anlagen in Prozent: 3, 2, 5, 5, 6, 3%. Ihr arithmetisches Mittel M ist ihre Summe geteilt durch sechs: M = 24%/6 = 4%. Um die Standardabweichung S, also die Volatilität der Renditen zu berechnen, werden die einzelnen Abweichungen zum Mittelwert quadriert, zusammengezählt und wiederum durch die Anzahl Beobachtungen geteilt.

Letzteres geschieht, da nicht die Summe der Abweichungen interessiert, sondern wie viel die einzelne Beobachtung durchschnittlich vom Mittelwert abweicht. Ohne Quadrierung wäre die Volatilität als Mass für die Schwankung unbrauchbar: Positive und negative Abweichungen würden sich in der Summe aufheben – das arithmetische Mittel ist ja gerade der «Wert der Mitte», bei dem es gleich viel Abweichung nach oben und unten gibt. Die Schwankungsbreite wäre trotz der beobachteten Schwankungen Null.

Die Summe der quadrierten Abweichungen beträgt: (3% – 4%)2 +(2% – 4%)2 + (5% – 4%)2 + (5% – 4%)2 + (6% – 4%)2 + (3% – 4%)2 = 12 (%)2 . Geteilt durch die Anzahl Beobachtungen ergibt das: 12 (%)2/6 = 2 (%)2. Dieser Wert stellt noch nicht die Standardabweichung dar, sondern die sogenannte Varianz V. Um die Standardabweichung zu erhalten, muss die Quadrierung aufgehoben und die Wurzel der Varianz gezogen werden – mit Prozenten im Quadrat können wir nicht viel anfangen. Also (ALSN 163.60 +0.62%): S = √V = √2(%)2 = 1.4142 %.

Die Renditen unserer Anlagen betragen also im Durchschnitt 4% und weisen eine Standardabweichung (Volatilität) von 1.4142% auf. Was bedeutet das nun? Die Masszahl Standardabweichung impliziert, dass sich die Beobachtungswerte – also die Renditen der Anlagen – mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit in einer definierten Bandbreite befinden. Eine Standardabweichung umfasst dabei rund 68% der Werte (zwei Standardabweichungen enthalten 95%). 68% sämtlicher Beobachtungen liegen also innerhalb der Bandbreite von plus/minus einer Standardabweichung um den Mittelwert. Angewendet auf unser Renditebeispiel: 68% der Renditen unserer Anlagen befinden sich zwischen 2.5857% (4% – 1.4142%) und 5.4142% (4% + 1.4142%).

Um die Renditen eines Portfolios zu schätzen, ist diese Aussage sehr hilfreich – auch wenn sie vor Extremereignissen nicht schützt. Denn alle beschreibenden statistischen Masszahlen basieren auf vergangenen Werten. Die Zukunft können sie nicht voraussagen. Sicher ist aber: Je höher die Standardabweichung bzw. Volatilität der Renditen einer Anlage, desto höher ist deren Risiko, vom erwarteten bzw. bisher realisierten Mittelwert abzuweichen. Die Volatilität gilt daher als Risikomass einer Anlage.

Seismografen

Die historische Volatilität misst die Schwankungsbreite (vgl. Text oben) von Finanzmarktdaten um ihren Mittelwert, wie sie sich in der Vergangenheit manifestiert haben. Die implizite Volatilität dagegen ist Ausdruck der Erwartung künftiger Schwankungsbreiten.

Diese Erwartungen zeigen sich etwa in den Optionspreisen, weshalb die implizite Volatilität daraus abgeleitet werden kann. Sie ist nämlich einer der Faktoren, die den Preis einer Option bestimmen. Eine hohe Volatilität ist das Gegenstück zu einem hohen Preis – und umgekehrt. Das erklärt sich so: Im Fall einer Put-Option ist das Recht, den Basiswert zu einem bestimmten Preis zu verkaufen, umso wertvoller, je mehr der Marktpreis schwankt – d.  h. auch je höher das Risiko einer Korrektur ist. Bei einer Call-Option bedeutet eine hohe Volatilität, dass der Marktpreis des Basiswerts innerhalb der Restlaufzeit – also bis zum Verfall der Option – eher über dem Ausübungspreis (Strike) zu liegen kommt. Das erhöht den Wert des Calls, zu einem vorbestimmten Ausübungspreis zu kaufen.

Die gegenwärtige Markterwartung künftiger Schwankungen an den Börsen wird etwa von Volatilitätsindizes abgelesen.  Der bekannteste ­Volatilitätsindex ist der Vix Index. Er misst die erwartete Schwan­kungsbreite des S&P 500 auf Sicht von einem Monat. Basis für die Berechnung des Vix sind die Erwartungen am Terminmarkt, die sich in den Preisen von Call- und Put-Optionen niederschlagen. Entsprechend misst der VDax die implizite Volatilität auf den Deutschen Aktienindex, der VStoxx jene auf den Euro Stoxx 50 (SX5E 3'757.22 +0.85%) und der VSMI die erwartete Schwankungsbreite des SMI.