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Credit Suisse: «Wir können uns der Realität nicht verschliessen»

Hans-Ulrich Meister, Leiter Wealth Management der Credit Suisse, spricht mit der «Finanz und Wirtschaft» über die Notwendigkeit von Anpassungen.

Die Credit Suisse (CSGN 8.8800 -2.72%) organisiert Teile des Vermögensverwaltungsgeschäfts neu. Der Vorgang hat für weitere Unruhe in der Bank gesorgt. Hans-Ulrich Meister, Co-Leiter der Division Private Banking und Wealth Management, stellt die Massnahme in den Branchenkontext: «Wir dürfen die Augen vor der Realität nicht verschliessen», sagte er im Gespräch mit der FuW. «Risikoaversion der Kunden, Zinsbaisse und geopolitische Spannungen beeinträchtigen die Ertragslage womöglich noch jahrelang. Neue regulatorische Anforderungen verteuern das Geschäft massiv. Entsprechend gilt es, wegbrechende Einkommensströme zu ersetzen und die Kosten zu senken.»

In der neuen Bankenwelt gibt es kein Pardon: «Wir können es uns nicht leisten, einen Markt zu bearbeiten, in dem wir kein Geld verdienen», sagt Meister deutlich. Und er sagt von der Credit Suisse, dass sie die Notwendigkeiten, die sich aus dieser simplen Erkenntnis ergeben, radikal umsetzt.

Schwieriges Europa

Was das konkret heisst, zeigt sich nach und nach. Als neueste Massnahme legt die CS die vor drei Jahren einerseits in Westeuropa sowie andererseits in Osteuropa, Mittelost und Afrika aufgespaltenen Einheiten (genannt Emea) wieder zusammen. Das Hin und Her sei nicht Zeichen eines Fehlers, sondern einer gezielten Entwicklung. «Heute sind wir überall in Europa richtig positioniert», sagt Meister.

Ein Blick in den Geschäftsbericht zeigt: Die Region ist ein Sorgenkind. Die Bank verliert in Westeuropa jedes Quartal 2 bis 3 Mrd. Fr. Vermögen. Dies hauptsächlich, weil Kunden ihre unversteuerten in der Schweiz gelagerten Gelder regularisieren und in diesem Zusammenhang (teilweise) von der CS abziehen.

Die Abflüsse kompensieren

Im Einzelnen ist in der Region in den letzten Jahren sehr viel passiert. 2011 wurde die Einheit Europa organisatorisch zweigeteilt, «weil die Herausforderungen so unterschiedlich waren», erklärt Meister. «In Westeuropa – von Italien über Spanien, Frankreich, Deutschland bis Grossbritannien – waren wir überall im falschen Segment positioniert.»  Das teure Angebot der auf internationale Vermögensverwaltung ausgerichteten CS stimmte für die Kundschaft nicht. «Wir hatten einen zu hohen Anteil an Kleinkunden.» Zudem war das Steuerthema akut. In Osteuropa und Middle East ging es derweil ums Wachstum. «Das waren zwei komplett verschiedene Aufgaben.»

Grosse Teile von Emea sind Wachstumsregionen. Allerdings vermochten die neuen Märkte in Osteuropa, im Nahen Osten und in Afrika die Abflüsse aus den «alten» Märkten nicht zu kompensieren. Gewisse internationale Konkurrenten bringen offenbar in diesen Gegenden mehr Wachstum zustande.

Im zweiten Quartal beispielsweise stand bei Credit Suisse einem Abfluss aus Westeuropa von 2,9 Mrd. Fr. ein Zufluss von lediglich 1,9 Mrd. Fr. aus Emea gegenüber. Insgesamt liegen die Vermögen der gesamten Region bei 233 Mrd. Fr., womit die Bank in den letzten drei Jahren in der Summe nicht zulegen konnte. Für die CS heisst es (wie für andere Banken auch), in Wachstum zu investieren und gleichzeitig die versprochene Kostenreduktion möglichst rasch zu liefern.

Radikale Massnahmen

«Die Restrukturierung und Bereinigung ist in Europa weitgehend abgeschlossen», sagt Meister. In den letzten drei Jahren wurde öfters zum Zweihänder gegriffen. Meister zerschlug Strukturen, die teilweise trotz Verlusten über zwanzig Jahre Bestand hatten. «Wir haben aufgeräumt. Heute sind wir überall in Europa richtig positioniert.»

In Italien wurde innerhalb von drei Jahren die Anzahl Geschäftsstellen von 24 auf sechs reduziert. Kopfschütteln löste mancherorts der Verkauf des Onshore-Geschäfts in Deutschland aus: konsequentes Handeln oder Bankrotterklärung? Eigentlich hätte die CS aufgrund von Kultur, Sprache und Geschäftsvolumen im grössten Markt Kontinentaleuropas erfolgreich sein müssen. Aber sie hatte mit der Vermögensverwaltung in Deutschland nie Geld verdient, und es war an Meister, die Konsequenzen daraus zu ziehen: Das Geschäft wurde verkauft. Die Zielkundschaft werde weiterhin bedient, betont Meister, allerdings ohne das Angebot einer deutschen Buchungsplattform.

In Plattformen investieren

«Jetzt beginnt eine neue Phase», verspricht Meister, «wir vereinfachen die Organisation, um das Wachstum zu beschleunigen.» Nun sei der Zeitpunkt, die beiden europäischen Private-Banking-Geschäftsbereiche wieder zusammenzulegen. «Jetzt sind wir richtig aufgestellt.»

Die Reorganisation führt zu einem weiteren Abgang aus Meisters engerem Führungszirkel. Osteuropa-Chef Alois Bättig verlässt die Bank nach vierzig Jahren. Neuer Chef des Bereichs Europa, Naher Osten und Afrika wird der bisherige Westeuropa-Chef Romeo Lacher. «Wir werden in Wachstum investieren – in Systeme und in Kundenberater – und gleichzeitig Synergien realisieren», verspricht Meister.

Das Kostenziel im Wealth Management sind Einsparung von 950 Mio. Fr. bis 2015. Rund 650 Mio. Fr. wurden zum zweiten Quartal 2014 erreicht. Die Zusammenlegung der europäischen Einheiten wird offensichtlich im Backoffice (Operations, Risk etc.) Doppelspurigkeiten aufzeigen, die abgebaut werden können. Die Wachstumsinitiative umfasst gemäss Meister, dass die beiden Plattformen in London und Luxemburg «markant ausgebaut werden, insbesondere für unsere Ultra-High-Net-Worth-Kunden».