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Siemens wird aufgespaltet

Der Industriekonzern will sich von seinem Energiegeschäft trennen und es separat an die Börse bringen.

(Reuters) Siemens (SIE 87.23 1.62%)-CEO Joe Kaeser spaltet den deutschen Industriekonzern auf. Das Geschäft mit der Energiebranche soll abgespalten und im kommenden Jahr eigenständig an der Börse gelistet werden, wie Siemens am Dienstagabend mitteilte. Damit trennt sich der Konzern von rund einem Drittel seines Umsatzes und knapp einem Viertel seiner 380’000 Mitarbeiter zählenden Belegschaft. «Wir zerschlagen nichts, wir sorgen für neue Perspektiven», sagte Kaeser in einer Telefonkonferenz. Er will den Konzern ganz auf Technologie ausrichten: Kerngeschäft seien künftig die Automatisierung von Fabriken (Digital Industries) und die Vernetzung von Gebäuden, Städten und Ländern (Smart Infrastructure). In den beiden Bereichen und in der Verwaltung sollen aber zunächst rund 10’000 Stellen gestrichen werden.

Die Abspaltung der Sparte Gas & Power in eine eigenständige börsennotierte Gesellschaft ist der größte Einschnitt, den der umtriebigeSiemens-Chef vollzieht. Gesamtbetriebsratschefin Birgit Steinborn sprach von einer «Zeitenwende», Kaeser sagte: «Das ist ein großer Schritt, aber wir sind überzeugt, dass wir ihn jetzt gehen müssen.» Auch die Beteiligung von 59% an der spanischen Windkraft-Tochter Siemens Gamesa soll an die ausgegliederte Firma abgegeben werden, die damit auf 27 Mrd. € Umsatz und 88’000 Mitarbeiter kommt. Nach dem Abbau von 6000 Stellen im schrumpfenden Geschäft mit Gas- und Dampfturbinen für konventionelle Kraftwerke steht erst einmal ein weiterer Stellenabbau an. Je ein Drittel des Umsatzes entfallen bisher auf die konventionelle Stromerzeugung und auf erneuerbare Energien, ein Fünftel auf Hochspannungsnetze.

Angst vor dem Verhungern

Die Arbeitnehmervertreter tragen die Abspaltungspläne mit. «Es entsteht ein Unternehmen, das trotz mancher Unwägbarkeiten insgesamt die besseren Perspektiven für die Beschäftigten bietet», sagte IG-Metall-Hauptkassierer Jürgen Kerner, der auch im Siemens-Aufsichtsrat sitzt. Steinborn sagte, bei Siemens habe der Energie-Bereich keine Zukunft. «Damit würde der Bereich sprichwörtlich verhungern.» Gegen einen Verkauf der Kraftwerks-Sparte an die japanische Mitsubishi Hitachi hatten sich die Gewerkschafter gesperrt.

Die Siemens AG werde an der ausgegliederten, noch namenlosen Gesellschaft – intern unter dem Schlagwort «Siemens Power House» gehandelt – nach dem Gang an die Börse maximal noch 49% halten, sagte Finanzchef Ralf Thomas. Die restlichen Aktien verteilt Siemens an die eigenen Aktionäre. Eine Sperrminorität von mehr als 25% wolle der Konzern aber auf Dauer halten. Nach dem gleichen Muster hatte Siemens auch die Lichttechnik-Tochter Osram (OSR 34.65 -1.28%) an die Börse gebracht, die nun vor einer Übernahme durch Finanzinvestoren steht.

Angesichts ihrer Größe und des großen Streubesitzes könnte die neue Firma ebenfalls in den Leitindex Dax (DAX 11715.37 1.32%) einziehen. Ihren Sitz soll sie in Deutschland haben, das hat die IG Metall dem Unternehmen abgerungen. Bisher lenkt Siemens die Sparte aus dem texanischen Houston, Gamesa sitzt im spanischen Baskenland.

Während sich das Geschäft mit Öl- und Gasförderern gerade wieder erholt, muss sich Siemens im Kraftwerksgeschäft auf die Energiewende einstellen. Siemens Gamesa kämpft mit anhaltendem Preisdruck für Windräder. «Die Eigenständigkeit gibt uns jetzt mehr Freiheit und Flexibilität», sagte die Amerikanerin Lisa Davis, die bisher für Gas & Power zuständig ist. Ob sie den neuen Konzern leiten wird, ist unklar. Ihr Vertrag läuft ein Jahr nach dem Börsengang aus.

Zentrale wird weiter ausgedünnt

«Wir fokussieren Siemens mit der ‘Vision 2020+’ und machen unsere Geschäfte schneller und flexibler», sagte CEO Joe Kaeser. Doch auch die beiden Aushängeschilder, die künftig den Kern von Siemens ausmachen sollen, müssen umgebaut werden. Bis zu 4900 Stellen stehen bei Digital Industries auf der Kippe, 3000 bei Smart Infrastructure. In der zentralen Verwaltung will Kaeser rund 2500 jener 12’500 Stellen abbauen, die im Zuge der jüngsten Umstrukturierung nicht auf die Sparten verteilt worden. Gleichzeitig werde Siemens mehr als 20’000 neue Arbeitsplätze schaffen. Mit dem Abbau will Kaeser 2,2 Mrd. € bis 2023 einsparen, er kostet aber erst einmal eine Milliarde.

Die verbleibenden, softwarelastigen Sparten versprechen weit höhere Renditen als der Bau von Kraftwerken oder Windrädern. 14 bis 18% peilt Kaeser langfristig an, wie er am Dienstag sagte. Zuletzt waren es 10,6%.

Im vergangenen Jahr hatte Kaeser bereits die Medizintechnik-Sparte Healthineers (SHL 36.245 2.53%) an die Börse gebracht und damit 4 Mrd. € eingenommen, obwohl der Konzern weiter 85% der Anteile hält. Die geplante Fusion der Zug-Sparte Mobility mit dem französischen Rivalen Alstom war aber am Widerstand der EU-Wettbewerbshüter gescheitert. Über einen «Plan B» für die Sparte will sich der CEO noch nicht den Kopf zerbrechen: «Wir haben erstklassige Optionen. Wir haben viel Zeit.» Zuletzt hielten sich Spekulationen, Mobility könne auch ohne Alstom an die Börse gehen.

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