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Sika: «Es liegt an Saint-Gobain, mit uns zu sprechen»

CEO Jan Jenisch sieht im Streit mit Saint-Gobain den Ball beim französischen Konzern liegen. Der habe auf seinen zentralen Vorschlag, das Mörtelgeschäft zu fusionieren, noch nicht reagiert, wie er im Interview mit FuW sagt.

Sika-CEO Jan Jenisch führt im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft» aus, was Investoren von seinem Vorgehen halten und wie Sika (SIKA 127.3 0.08%) und der französische Konzern auf einer vernünftigen Basis zueinander finden könnten. Es liege nun aber an Saint-Gobain, mit ihm über das weitere Vorgehen zu sprechen. Seine eigene Glaubwürdigkeit sieht er trotz Rücktrittsankündigung nicht infrage gestellt.

Herr Jenisch, Sie haben in dieser Woche mit Investoren von Sika gesprochen. Welche Signale haben Sie erhalten?
Die Investoren sind sehr besorgt, wie es mit Sika weitergeht. Sie sind nicht erfreut über die Pläne von Saint-Gobain, mit nur 16% des Kapitals das Unternehmen über eine Stimmenmehrheit und eine Neubesetzung des Verwaltungsrats zu kontrollieren.

Mit Ihrer Ankündigung, zurückzutreten, haben Sie doch wesentlich zum Kursrutsch der Aktien beigetragen. Gab es keine Kritik an Ihrem Vorgehen?
Von den Investoren habe ich dazu keine Kritik gehört. Im Gegenteil. Sie sehen es positiv, dass wir nicht einfach die Interessen der Familienaktionäre und von Saint-Gobain vertreten. Es ist die Pflicht der Konzernleitung, sich eine unabhängige Meinung zu bilden und danach zu handeln. Unsere ehrliche Antwort ist, dass wir das von Saint-Gobain vorgeschlagene Geschäftsmodell unseren Kunden, unserer Belegschaft und unseren Investoren nicht verkaufen können.

Sie haben durch Ihre Rücktrittsankündigung an Glaubwürdigkeit verloren …
Nein, im Gegenteil, ich denke, wir waren noch nie so glaubwürdig, weil wir mit Leidenschaft für das Unternehmen einstehen und das nicht in einer emotionalen Form.

Mehr Diplomatie hätte aber doch helfen können, die Situation weniger eskalieren zu lassen.
Wir haben die Pläne am Samstag vor zwei Wochen unvoreingenommen und ohne Emotionen geprüft und sind dann zum Ergebnis gekommen, dass sie keinen Sinn ergeben und wir sie nicht gutheissen. Die Ablehnung war übrigens im Managementteam noch grösser als bei mir selbst. Meine Kollegen waren an dem betreffenden Wochenende noch mehr schockiert als ich. Saint-Gobain hätte gut daran getan, am folgenden Montag diese Pläne nicht der Öffentlichkeit zu präsentieren, sondern mit uns über Prioritäten und die Vorgehensweise zu sprechen.

Andere Töchter von Saint-Gobain, wie die Schweizer Sanitas Trösch, arbeiten aber doch recht gut unter dem Dach von Saint-Gobain. Warum nicht Sika?
Das ist ja der Punkt. Diese Tochter gehört zu 100% dem Mutterkonzern. Würde Saint-Gobain Sika vollständig übernehmen, könnte man eine vernünftige Lösung erarbeiten, die auch für Sika etwas bringt, nicht nur für Saint-Gobain. Mit einem Kapitalanteil von 16% Integrationsgespräche und Vertragsverhandlungen in über fünfzig Ländern zu führen, ist schon sehr speziell. Ein solches Vorgehen birgt überdies das akute Risiko, dass das Management den Fokus auf unsere Wachstumsstrategie verliert.

Saint-Gobain sieht kein Problem darin, dass Sika und Weber im Wettbewerb miteinander stehen. Das könnte man intern regulieren, heisst es. Wieso sehen Sie das anders?
Soweit ich den Plan verstanden habe, will man auf lokaler Ebene Verträge unter Dritten abschliessen. Sie können sich vorstellen, dass so etwas endlose Gespräche und Verhandlungen mit juristischem Beistand bedeuten würde. Grundsätzlich wäre das möglich, aber unser Wachstumsmodell mit einer jährlichen Expansion von 8% wäre dann nicht durchführbar.

Gibt es keine Synergien, wie von Saint-Gobain errechnet?
Synergien gibt es vielleicht auf der Kostenseite, aber das gilt nur für Unternehmen wie Saint-Gobain, die nicht mehr wachsen, nicht aber für Sika. Für Unternehmen, die stark expandieren, sind solche komplizierten Gespräche und Vertragsstrukturen nichts. Unabhängig davon gilt: Wir können doch nicht im einen Land kooperieren und unser Know-how austauschen und im anderen nicht. Das zeigt die grossen Interessenkonflikte dieses Modells.

Sie schlagen Saint-Gobain vor, deren Tochter Weber, die im Mörtelgeschäft aktiv und damit direkter Konkurrent von Sika ist, zu übernehmen und komplett zu integrieren. Solche grossen Akquisitionen widersprechen doch der bisherigen Strategie von Sika.
Das ist richtig, man muss aber auf neue Situationen reagieren und versuchen, das Beste daraus zu machen.

Weber kommt auf 2,3 Mrd. € Umsatz. Wie gross ist das Mörtelgeschäft von Sika, und welche Margen erzielt es?
Wir publizieren keine Zahlen zu den einzelnen Technologien. Das Mörtelgeschäft ist in mehreren Geschäftsbereichen enthalten. Es wächst ausserordentlich stark. Die Anzahl an Produktionsstätten von Sika und von Weber ist in etwa vergleichbar. Sikas Werke sind aber kleiner, und unsere Produkte sind spezialisierter. Insgesamt liegen unsere Margen deutlich über jenen von Saint-Gobain, und unser Mörtelgeschäft ist innerhalb des Sika-Portfolios überdurchschnittlich profitabel.

Wie würden Sie eine solche Transaktion finanzieren, über eine Kapitalerhöhung?
Wir sind finanziell kerngesund, die Nettoschulden betragen nur 200 Mio. Fr. Uns stehen diverse Finanzierungsmöglichkeiten offen. Aber auch eine Kapitalerhöhung wäre nicht auszuschliessen.

Also (ALSN 115.6 -0.34%) eine Verwässerung für die Aktionäre?
Das kommt auf die Konditionen an. Wir würden auf der Sika-Seite erhebliche Synergien herbeiführen, die dann wieder den Publikumsaktionären zugute kämen. Der Vorteil einer Akquisition von Weber durch Sika wäre eine echte Integration, sodass Synergien im Einkauf und in der Produktion sowie durch ein grösseres Produktangebot für die Kunden gehoben werden könnten.

Wären Sie als CEO bei Saint-Gobain noch willkommen?
Das müssen Sie Saint-Gobain fragen. Wir bleiben uns treu, sind aber immer offen für konstruktive Gespräche. Die Geschäftsleitung ist nicht darauf aus, sich persönliche Vorteile zu verschaffen. Solange ich CEO bin, werde ich mich für eine erfolgreiche Zukunft von Sika einsetzen.

Stehen Sie derzeit in Kontakt mit Saint-Gobain?
Nein.

Warum nicht? Sie können doch jederzeit Chairman und CEO Pierre-André de Chandelar anrufen …
Wie auch schon vor zwei Wochen haben wir jetzt weitere Lösungsvorschläge gemacht. Nun liegt es an Saint-Gobain, diese zu prüfen und darüber zu sprechen.

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