Meinungen English Version English Version »

Sind die guten Zeiten vorbei?

Um robusteres Wachstum anzuregen, sollten Regierungen sicherstellen, dass der Privatsektor Anreize für Innovation, Unternehmertum und Investitionen in Sach- und Humankapital hat. Ein Kommentar von Michael J. Boskin.

Michael J. Boskin
«Man sollte die Bürokratie beschränken, Defizite und Schulden eindämmen, der Kapitalbildung förderliche Steuergesetze einführen.»

In den 25 Jahren vor der grossen Rezession von 2008 und 2009 erlebten die Vereinigten Staaten zwei kurze, milde Rezessionen und zwei lang anhaltende Phasen starker wirtschaftlicher Expansion. Auf globaler Ebene stiegen die Einkommen kräftig, die Inflation liess nach, und die Aktienmärkte boomten. Überdies brachte die Erholung nach dem letzten grossen Abschwung in den frühen Achtzigerjahren eine 25 Jahre dauernde Phase beispiellos starker und stabiler makroökonomischer Entwicklung mit sich. Diesmal allerdings gestaltet sich die Rückkehr zu Wachstum viel schwieriger.

Die Erholung Amerikas nach der grossen Rezession verlief uneinheitlich, wobei das Wachstum wiederholt Fahrt aufnahm, um sich dann wieder abzuschwächen. Tatsächlich wiesen die Vereinigten Staaten innerhalb eines Jahrzehnts keine drei aufeinanderfolgenden Quartale mit einer Wachstumsrate von 3% auf. Obwohl der niedrige Ölpreis den Verbrauchern zugutekommt, wird dieser Vorteil durch geringere Energieinvestitionen teilweise aufgehoben, und die Auswirkungen des stärkeren Dollars werden noch umfangreicher ausfallen.

Doch die USA stehen mit dieser Entwicklung nicht allein da. Obwohl die meisten europäischen Volkswirtschaften, unterstützt durch niedrigere Ölpreise und Währungsabwertung, mittlerweile wieder wachsen, bleibt ihr Expansionstempo anämisch. In ähnlicher Weise gestaltet sich die Erholung Japans trotz starker Anstrengungen der Regierung ebenfalls fragil. Selbst die grossen Schwellenökonomien, die in den kommenden Jahren als Wachstumsmotor hätten fungieren sollen, haben zu kämpfen: In China und Indien verlangsamt sich die Wirtschaft, während Brasilien und Russland eine Kontraktion aufweisen.

Technologie sorgt für Wachstum

Hält ein Boom oder ein Abschwung derart lange an, beginnt sich der Eindruck zu verfestigen, die Entwicklung werde sich ewig fortsetzen. Sechs Jahre nach der Krise fragen nun einige prominente Ökonomen, ob unzureichende Investitionen und/oder schwindende Gewinne aus technologischen Innovationen die Weltwirtschaft in eine «neue Normalität» geringeren Wachstums und – wenn überhaupt – langsamerer Zuwachsraten bei den Lebensstandards drängen. Manche Ökonomen bezeichnen diese Entwicklung als «säkulare Stagnation» – eine vornehme Umschreibung dafür, dass die guten Zeiten ein für allemal vorbei sind. Haben sie recht?

Das Gesamtwachstum kommt in etwa der Summe aus der Zunahme der Arbeitszeit (einer Steigerung der Anzahl an Arbeitskräften oder der von ihnen geleisteten Arbeitsstunden) und der Produktivität (Produktion pro Arbeitsstunde) gleich. Verbesserte sich die Produktivität in einem Jahr um einen Prozentpunkt, würde sich der Lebensstandard über die nachfolgende Generation um ein Drittel erhöhen. Im Lauf der Zeit hätte eine Produktivitätssteigerung von lediglich einem Bruchteil eines Prozentpunkts immense Auswirkungen.

Produktivität kann durch Kapitalinvestitionen, technologische Innovation sowie Verbesserungen der Kenntnisse und der Qualifikationen von Arbeitskräften gesteigert werden, obwohl sich die Ökonomen uneinig sind, welcher dieser Faktoren die stärkste Wirkung aufweist. Gemäss meinen gemeinsam mit Larry Lau erhobenen Forschungsdaten spielte Technologie zur Steigerung der Produktivität in den G-7-Ökonomien seit dem Zweiten Weltkrieg die grösste Rolle.

Pessimisten kontra Optimisten

Angesichts dieser Datenlage veranlasste Amerikas sinkendes Produktivitätswachstum – das seit 2010 im Schnitt jährlich nur 0,7% betrug – manche Beobachter zu der Feststellung, der Abschwung sei auf unzureichende technologische Fortschritte zurückzuführen. Diese Pessimisten, wie etwa der Ökonom Robert Gordon, behaupten, dass neue Innovationen die Produktivität wohl nicht so grundlegend steigern werden, wie dies im Falle der Elektrizität, der Automobile und der Computer im letzten Jahrhundert der Fall war.

Optimisten entgegnen, dass Smartphones, Big Data und die erwarteten Fortschritte in der Nanotechnologie, der Robotertechnik und in den Biowissenschaften Vorboten einer neuen Ära technologiegetriebener Produktivitätsverbesserungen darstellen. Es sei vielleicht unmöglich, die nächste «Killer-Applikation» vorherzusagen, so ihre Argumentation, doch sie werde bestimmt entwickelt werden.

Beide Seiten berufen sich dabei auf das nach dem Mitbegründer von Intel, Gordon Moore, benannte Moore’sche Gesetz, das besagt, dass die Dichte der Transistoren auf einem Chip alle achtzehn Monate verdoppelt werden könne. Die Pessimisten behaupten, dass dies zunehmend schwierig und kostspielig werde, während die Optimisten meinen, dass dieses Gesetz seine Gültigkeit behält, da diese Chips in die dritte Dimension vordringen werden.

BIP erfasst nicht alles

Offensichtlich kann der Verlauf des technischen Fortschritts schwer vorhergesagt werden. Tatsächlich ist der vorrangige kommerzielle Wert einer neuen Technologie oft nicht einmal dem Erfinder selbst immer klar. Als Guglielmo Marconi vor über einem Jahrhundert die erste kabellose Funkübertragung über den Atlantik gelang, stand er im Bereich der Punkt-zu-Punkt-Kommunikation im Wettbewerb mit dem Telegraphen. Zu keinem Zeitpunkt schwebte ihm so etwas wie das Massenmedium Rundfunk vor. Thomas Edison konzipierte den Phonographen als Hilfsmittel für Blinde – und reichte eine Klage ein, um zu verhindern, dass man das Gerät zum Abspielen von Musik verwendete.

Erschwerend kommt hinzu, dass die nächste Welle produktivitätssteigernder technologischer Entwicklungen wahrscheinlich in Sektoren wie dem Gesundheitswesen eintreten wird, wo ihre wirtschaftlichen Auswirkungen schwer zu messen sind. Ökonomen glauben, dass viele Verbesserungen im Bereich der Qualität der Gesundheitsversorgung – wie etwa wirksamere Behandlungen des grauen Stars oder von Herzkrankheiten – im realen BIP nicht genau abgebildet und fälschlicherweise als Preissteigerungen ausgewiesen werden. Bessere Masszahlen zur Erfassung dieser Veränderungen sind von entscheidender Bedeutung für die präzise Beurteilung des wirtschaftlichen Fortschritts.

Freilich birgt das technologiegetriebene Wachstum einige Risiken. Obwohl sich alte Ängste, wonach Automation und künstliche Intelligenz weit verbreitete strukturelle Arbeitslosigkeit verursachen würden, nicht bewahrheiteten, übten Technologie und Globalisierung bei allen ausser den höchstqualifizierten Arbeitskräften in den Industrieländern sehr wohl einen Abwärtsdruck auf die Löhne aus. Der Anteil des Kapitals am Nationaleinkommen hat sich erhöht, während der Anteil der Arbeit sank. Doch die Umsetzung von Strategien zur Beschränkung potenziell produktivitätssteigernder Technologien wäre ein gravierender Fehler.

Reformen, auch hier

Um ein robusteres Wachstum und die damit verbundene Verbesserung des Lebensstandards anzuregen, sollten die Regierungen sicherstellen, dass man im Privatsektor über ausreichend Anreize für Innovation, Unternehmertum und Investitionen in Sach- und Humankapital verfügt. So könnte man beispielsweise die Bürokratie beschränken, Defizite und Schulden eindämmen, der Kapitalbildung förderliche Steuergesetze einführen, Bildungssysteme reformieren und in Forschung und Entwicklung investieren.

Angesichts der demografischen Zwänge in fast allen grossen Ökonomien – auch in China – sollte natürlich niemand die Rückkehr der Boomjahre aus der Zeit vor der Krise erwarten. Doch die erwähnten Anreize bieten die besten Chancen, die Entwicklung produktivitätssteigernder Technologien fortzusetzen. Dies gilt für Start-ups ebenso wie für Forschungsabteilungen etablierter Unternehmen in Branchen von Technologie über Energie bis zum Gesundheitswesen.

Copyright: Project Syndicate.