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Sind Zentralbanken schuld an wachsender Ungleichheit?

Die Ansicht, die Zinspolitik könne und solle die Hauptmassnahme für eine Einkommensgleichheit sein, ist naiv. Ein Kommentar von Kenneth Rogoff.

Kenneth Rogoff
«Die Anpassung der Zinsen ist für die konventionelle Geldpolitik ein viel zu plumpes Mittel, um in der Linderung der Ungleichheit eine führende Rolle zu spielen.»

Achtet man darauf, wie oft in Reden von Zentralbankern heutzutage Phrasen wie «faires Wachstum» oder «der Verteilungsfussabdruck der Geldpolitik» vorkommen, wird klar, dass die Geldpolitiker wegen der zunehmenden Ungleichheit immer mehr unter Druck geraten. Aber ist die Geldpolitik für dieses Problem verantwortlich, und ist sie wirklich das richtige Mittel zur Umverteilung von Einkommen?

In jüngster Zeit wurde die Politik der Zentralbanken in einem steten Strom von Kommentaren zum Haupttreiber der Ungleichheit erklärt. Die Logik dahinter ist, dass die Preise von Aktien, Häusern, Kunst, Jachten und so gut wie allem anderen durch die extrem niedrigen Zinsen angeblich gnadenlos in die Höhe getrieben wurden. Davon würden die Wohlhabenden und besonders die Ultrareichen überproportional profitieren.

Auf den ersten Blick scheint dieses Argument überzeugend zu sein, doch einer genaueren Untersuchung hält es nicht stand.

Risiko einer Rezession

Im vergangenen Jahrzehnt war die Inflation in den Industrieländern extrem niedrig (obwohl sie in den USA im Juni auf 5,4% gestiegen ist). Wenn niedrige Zinsen vor allem der Geldpolitik geschuldet sind, wird die Inflation irgendwann steigen. Aber heute gibt es weitere wichtige Faktoren, die die Zinsen nach unten drücken, darunter eine alternde Bevölkerung, ein geringes Produktivitätswachstum, eine steigende Ungleichheit und die schleichende Angst, dass wir in einem Zeitalter mit immer mehr Krisen leben. Namentlich letzterer Faktor begünstigt «sichere Häfen», wo das Geld selbst in einer globalen Rezession noch erhalten bleibt.

Natürlich könnte das Fed (oder jede andere Zentralbank) spontan damit beginnen, die Zinsen zu erhöhen. Dies würde «helfen», die Wohlstandsungleichheit zu beheben, indem es Chaos auf den Aktienmärkten auslöste. Würde das Fed dies tun, gäbe es allerdings mit ziemlicher Sicherheit eine enorme Rezession, die unter Geringverdienern für Arbeitslosigkeit sorgen würde; die Mittelklasse wiederum könnte dabei zusehen, wie der Wert ihrer Häuser und Pensionen zusammenbricht.

Darüber hinaus macht die globale Dominanz des Dollars die Schwellen- und Entwicklungsländer sehr verletzlich für steigende Dollarzinsen – vor allem während einer andauernden Covid-Pandemie. Würde so ein Land nach dem anderen an den Rand des Bankrotts gedrängt, verlöre zwar das oberste Einkommensprozent in den Industrieländern Geld, doch die Hunderte Millionen Menschen in armen und einkommensschwachen Ländern würden noch viel stärker leiden.

Für eine digitale Zentralbankwährung

Viele Progressive in den reichen Ländern, so scheint es, haben wenig Zeit, sich über die 66% der Weltbevölkerung Gedanken zu machen, die ausserhalb der Industrieländer und Chinas leben. Tatsächlich richtet sich dieselbe Kritik auch an die aufkeimende akademische Literatur über Geldpolitik und Ungleichheit. Vieles davon beruht auf amerikanischen Daten und verschwendet keinen Gedanken an Menschen ausserhalb der USA.

Sicherlich ist es hilfreich zu verstehen, unter welchen Voraussetzungen und Umständen die Geldpolitik die Verteilung von Wohlstand und Einkommen beeinflussen könnte. Im Zuge fortschreitender künstlicher Intelligenz und einer immer ausgeklügelteren Geldpolitik ist es möglich, dass die Ökonomen für die geldpolitischen Stabilisierungsmöglichkeiten eine bessere Messgrösse finden als die Beschäftigung. Dies wäre eine gute Sache.

Sicherlich haben die Zentralbanken aufgrund ihrer regulatorischen Rolle bereits heute die Möglichkeit, in Randbereichen zur Linderung der Ungleichheit beizutragen. In vielen Ländern, so etwa in Japan, sind die Banken in erster Linie dazu verpflichtet, den meisten Geringverdienern sehr günstige oder kostenlose Girokonti zur Verfügung zu stellen. Seltsamerweise ist dies in den USA nicht der Fall, obwohl dieses Problem elegant dadurch gelöst werden könnte, dass das Fed eine digitale Zentralbankwährung einführt.

Besser auf Haushaltspolitik setzen

Aber die Anpassung der Zinsen ist für die konventionelle Geldpolitik ein viel zu plumpes Mittel, um in der Linderung der Ungleichheit eine führende Rolle zu spielen. Haushaltspolitische Massnahmen – wie Steuern, Subventionen und gezielte Staatsausgaben – sind viel effektiver und robuster.

Eine mögliche Lösung des Problems der Wohlstandsungleichheit, die bemerkenswerterweise von den Ökonomen Emmanuel Saez und Gabriel Zucman von der Universität Berkeley empfohlen wird, ist eine Vermögenssteuer. Obwohl dies keinesfalls eine verrückte Idee ist, ist es schwer, eine solche Steuer fair zu gestalten, und in den Industriestaaten wurden damit nicht unbedingt gute Erfahrungen gemacht. Wahrscheinlich gibt es einfachere Ansätze, etwa die Reform der Erbschaftssteuer oder die Erhöhung der Kapitalertragssteuer, die zum gleichen Ergebnis führen könnten.

Eine weitere Idee wäre es, auf ein System progressiver Konsumsteuern umzusteigen – eine intelligentere Version der Mehrwert- oder Umsatzsteuer, die auf die Reichen abzielt, wenn sie ihr Geld ausgeben wollen. Durch eine Kohlenstoffsteuer könnten enorme Einkünfte erwirtschaftet werden, die an gering oder mässig verdienende Haushalte umverteilt werden können.

Die Mehrheit nicht ignorieren

Man könnte argumentieren, dass aufgrund politischer Lähmung keiner dieser Umverteilungsvorschläge schnell genug umgesetzt wird und dass die Zentralbanken in der Linderung der Ungleichheit in die Lücke springen müssen. Mit dieser Sichtweise übersieht man aber, dass die Zentralbanken, obwohl sie über einen gewissen Grad operativer Unabhängigkeit verfügen, nicht die Macht haben, den Gesetzgebern ihre haushaltspolitischen Entscheidungen abzunehmen.

Während in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Ländern die extreme Armut zurückgegangen ist, wurde die Ungleichheit zur wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderung. Aber die Ansicht, die Zinspolitik einer Zentralbank könne und solle die Hauptmassnahme für eine grössere Einkommensgleichheit sein, ist unabhängig davon, wie oft sie geäussert wird, verblüffend naiv. Besonders durch Regulierungsmassnahmen können Zentralbanken sicherlich mehr gegen das Problem der Ungleichheit tun, aber nicht alles. In dieser wichtigen Debatte sollten wir bitte nicht die anderen zwei Drittel der Menschheit ignorieren.

Copyright: Project Syndicate.