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Singapur schaut mit Angst und Hoffnung auf Hongkong

Politische Unruhen sind ein neues Element im Wettbewerb der Offshore-Zentren. Doch auch die Bevölkerung in Singapur hat Grund, aufzubegehren.

Nicht nur die Position Londons als ein führendes Finanzzentrum wird dieser Tage in Frage gestellt. Während Grossbritanniens Finanzindustrie durch den Brexit irreparablen Schaden nehmen könnte, verheissen die seit Wochen anhaltenden Proteste in Hongkong nichts Gutes für den Finanzplatz. Die Demonstrationen gegen das geplante Auslieferungsgesetz halten seit Wochen an, eine Einmischung Pekings wird zunehmend wahrscheinlich.

Einer der grossen Nutzniesser der sich verschärfenden Krise könnte Singapur sein. Der Stadtstaat steht mit der chinesischen Sonderverwaltungsregion seit Jahren im harten Wettbewerb um die Stellung als wichtigstes Offshore-Zentrum der Region Asien-Pazifik. Viele ausländische Finanzdienstleister – inklusive der beiden Schweizer Grossbanken – markieren in beiden Städten eine starke Präsenz.

Singapur ist vor allem im Private Banking sehr stark. Doch insgesamt hat bis heute das 7,5 Mio. Einwohner zählende Hongkong die Nase weit vorn. So ist die lokale Börse mit einer Marktkapitalisierung von rund 4 Bio. $ beinahe fünfmal grösser als die von Singapur. Entsprechend unterschiedlich haben sich über die vergangenen Jahre die Kurse der zwei Börsenbetreiber entwickelt.

Hongkong trumpft gegen den 5,6 Mio. Einwohner zählenden Löwenstaat in Investment Banking und Fintech. Das spiegelt sich im Global Financial Centres Index, gemäss dem Hongkong nach New York und London und vor Singapur den dritten Platz einnimmt.

Finanzindustrie plant voraus

Es bleibt offen, ob die Massenproteste in Hongkong bald nachlassen. Gemäss Hong Kong Monetary Authority – der Quasi-Zentralbank Hongkongs – blieben grössere Kapitalabflüsse oder eine Verlegung von Arbeitsplätzen bislang aus. Doch Bankiers und Personalvermittler berichten, dass eine wachsende Zahl von Investoren, Asset-Managern und Kundenberatern Ausweichmöglichkeiten entwickelt, falls sich die Lage in Hongkong verschärft.

Der weit offene Finanzplatz Singapur drängt sich als Alternative auf. Wie in Hongkong ist Englisch eine Amtssprache. Zudem teilen sie mit dem britischen Common Law das Rechtssystem. Vor allem kämpft Singapurs Regierung seit Jahren mit saftigen Anreizen um globale Marktanteile im Asset Management, in der Vermögensverwaltung, dem Investment Banking und jüngst in Fintech.

Schanghai kann allein schon wegen des nur beschränkt konvertierbaren Yuans nicht mithalten, der Finanzplatz Tokio bleibt auch wegen der Sprache auf das Inland orientiert. Doch Singapur hat die Gelegenheit bemerkenswerterweise nicht offensiv ausgenutzt. So ist von einer neuen Kampagne der Investitionsförderung in der Öffentlichkeit nichts zu sehen.

Zurückhaltung in Singapur

Von mit der Sache vertrauten Quellen ist gar zu erfahren, dass Singapurs Notenbank – die Monetary Authority of Singapore – die lokalen Banken DBS und OCBC anhält, nicht zu aktiv um die verunsicherte Hongkonger Klientel zu werben. Die einer strikten Zensur unterliegenden Singapurer Massenmedien berichten zurückhaltend über die Krise in Hongkong.

Der Grund ist nicht nur Rücksichtnahme auf den notleidenden Nachbarn oder diplomatische Zurückhaltung angesichts des mächtigen China. Eine wichtige Rolle spielt, dass die Halbdemokratie Singapur mit ähnlich explosiven Problemen wie Hongkong zu kämpfen hat.

Junge Bürger fordern lauter die politische Öffnung. Und obwohl der Singapurer Sozialstaat besser ausgebaut ist als der Hongkongs, ist in beiden Städten die Kluft zwischen Arm und Reich aufgegangen. In beiden Volkswirtschaften hat mehr Zuwanderung den Konkurrenzkampf auf dem Arbeits- und dem Wohnungsmarkt verschärft und die öffentliche Infrastruktur belastet. Mittlerweile hat Singapur die Einwanderung stark eingeschränkt.

In Hongkong entladen sich die angestauten Probleme in radikaler werdenden Protesten. Das könnte der Finanzindustrie Singapurs helfen – oder ein Menetekel sein, was dem Stadtstaat noch blüht.