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Meinungen

Sinn oder Unsinn des Stillstands

Der Bundesrat muss sein Vorgehen besser erklären. Ein Kommentar von Reiner Eichenberger und David Stadelmann.

Reiner Eichenberger und David Stadelmann
«Die Regierung setzt nicht mehr auf eine Verzögerungsstrategie. Reiner Eichenberger»

Der Bundesrat will vorsichtig und stufenweise aus dem Lockdown aussteigen. Was auf den ersten Blick eher mutlos und widersprüchlich wirkt, ist in Wahrheit ein Hammer. Man muss nur zwischen den Zeilen lesen.

Die Regierung setzt nicht mehr auf eine Verzögerungsstrategie. Vielmehr will sie die Infektionszahlen so stark zurück­drängen, dass jede einzelne Ansteckung zurückverfolgt werden kann, um das Virus zu isolieren. Die Grenze dafür liege bei höchstens hundert Neuinfektionen pro Tag. Da wunderten sich viele Experten, die der Bundesrat offensichtlich nicht ­gefragt hat. Bisher gingen sie davon aus, dass es praktisch so oder so eine Durchseuchung der Bevölkerung von 60 bis 70% braucht, bis die Infektionswelle abebbt, weil das Virus mit steigender Durch­seuchung auf immer weniger noch Ansteckbare trifft. Vorher würden bei nachlassenden Anstrengungen immer weitere Infektionswellen drohen.

Tracing wenig wirksam

Auf den ersten Blick liegt deshalb die Interpretation nahe, der Bund habe einen totalen Strategiewechsel vollzogen, ohne ihn explizit zu kommunizieren: weg von einer Verzögerungsstrategie hin zu einer Unterdrückungsstrategie (für das Virus). Doch das stimmt nicht. Der Bundesrat handelt hoch konsistent. Sein Ziel ist so wie bisher, die Reproduktionsrate des ­Virus unter 1 zu senken, sprich: dass ein Infizierter weniger als einen weiteren Menschen ansteckt. Dadurch würde das Virus voll kontrolliert und würde sich nicht mehr exponentiell ausbreiten.

Doch leider ist diese Strategie mit ihrer eigenen Zukunft und Vergangenheit inkonsistent, wenn auch erst auf den zweiten Blick. Um die Reproduktionsrate un­ter 1 zu drücken, will der Bundesrat die Ansteckungswege nachverfolgen. Solches Tracing hat aber nur dann Sinn, wenn man die tatsächlichen Ansteckungszahlen kennt. Bei der Präsentation seiner Strategie gab es rund 27 000 statistisch erfasste Fälle. Dazu sagte der Bundesrat, dass trotz der Dunkelziffer erst wenige Personen das Virus schon hatten; möglicherweise seien es gar unter 10% der Bevölkerung.

Wie bitte? 10% implizierten bei rund 27 000 statistisch erfassten Fällen eine Dunkelziffer von etwa Faktor 30. Wie soll da ein sinnvolles Tracing möglich sein? Viele Experten gehen von einer derzeitigen Durchseuchung von noch unter 5% der Bevölkerung aus, was einer Dunkel­ziffer von einem Faktor von 5 bis 15 entspräche. Aber selbst dann dürfte Tracing wenig wirksam sein, da viele Fälle asymptomatisch verlaufen und so Ansteckungsketten über mehrere Personen unbeobachtet ablaufen könnten.

Wie aber kann der Bundesrat auf seinen Weg vertrauen, wenn er so auf Sand gebaut erscheint?  Wie kann er glauben, hundert Fälle erreichen zu können und trotz wirkungslosem Tracing bei rund hundert Fällen zu bleiben?

Die Antwort ist folgende: Unter dem Sand liegt ein Betonfundament. Eine ­Reproduktionsrate von unter 1 und so konstante oder sinkende Fallzahlen zu ­erreichen und zu halten, ist keine Hexerei. Hauptsache, die Menschen in der Schweiz waschen sich die Hände und halten angemessen physisch Distanz, sollten sich also z. B. bei der Begrüssung nicht küssen. Oder ein wenig anders gesagt: Das Grounding der Wirtschaft war nicht nötig.

Gegen unsere Perspektive gibt es zwei Einwände. Der Bundesrat sieht ja wenigstens bis weit in den Juni harte Massnahmen vor, die es angeblich braucht, um das Virus zu besiegen. Doch das überzeugt nicht: Würden Händewaschen und angemessene Distanz nicht reichen, müsste man ab Juni mit einer schweren zweiten Infektionswelle rechnen. Der Bundesrat tut das nicht. Vielmehr betont er, dass er ein «Stop and Go», also Öffnen und wieder Schliessen, unbedingt vermeiden will. ­Offensichtlich vertraut er also auf Händewaschen und angemessene Distanz.

Es fehlt einiges

Natürlich kann es sein, dass sich der ­Bundesrat nun missverstanden fühlt. Dafür entschuldigen wir uns. Wir bitten ihn aber inständig, so schnell wie möglich und erst recht in der nächsten Krise besser zu kommunizieren: Wenn er seine Strategien auch schriftlich, explizit und nachvollziehbar erklären würde, gäbe es ­weniger Missverständnisse.

Zudem wäre dann sicher auch manchen Bundesmitarbeitern aufgefallen, dass wichtige Aspekte im Strategiepapier fehlen, so zum Beispiel Massnahmen zum wirkungsvollen Schutz der Risikogruppen und Massnahmen zur Verbes­serung der bisher völlig unzulänglichen statistischen Aufarbeitung und Auswertung der Daten. Insbesondere fehlen aber Massnahmen zum Einsatz, zur Suche und zur Zertifizierung einer entscheidenden Ressource im Kampf gegen Corona, der von der Krankheit Genesenen und damit gegen Wiederansteckung für eine gewisse Zeit weitgehend Immunen.

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