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SIX sieht Potenzial ausserhalb des Kerngeschäfts

Der Präsident der Schweizer Börsenbetreiberin, Thomas Wellauer, sieht grosse Chancen in anderen Geschäftsbereichen.

(AWP) Bei der SIX steht zwar die Börse im Vordergrund, insbesondere auch nachdem vor nicht so langer Zeit die spanische Börse übernommen wurde und jüngst die digitale Börse SDX gestartet ist. Das Management des Infrastrukturdienstleisters legt aber auch grosses Gewicht auf die anderen Geschäftsbereiche.

«Wir haben einerseits das Handelsgeschäft, das Nachhandelsgeschäft und Finanzinformationen — von der Grössenordnung sind die Bereiche in etwa ähnlich», sagte SIX-Verwaltungsratspräsident Thomas Wellauer im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP. Das Banking-Services-Geschäft sei etwas kleiner, weil es rein national ausgerichtet ist.

«Mit dem Portfolio bin ich im Moment zufrieden und würde nichts daran ändern», so Wellauer. Und: «Wir sind gut aufgestellt und wachsen in allen Geschäftsbereichen.»

Ausschau nach Zukäufen

Im Bereich der Finanzdaten («Financial Information») soll das Wachstum auch dank Akquisitionen weitergehen. «In dem Geschäft sind viele Konkurrenten sehr gross und für uns kaum erreichbar», sagte Wellauer weiter. Man wolle aber in den Segmenten zukaufen, in denen die SIX bereits stark ist, oder in Bereichen, die gut dazu passen.

So hat die Sparte etwa in diesem Jahr eine Mehrheitsbeteiligung an Orenda übernommen. Die kanadische Informationsplattform ist auf ESG-Daten spezialisiert. Im Sommer wurde zudem der ETF-Datenanbieter Ultumus akquiriert. Das Unternehmen mit Sitz in London sei der grösste Datenkalkulator für ETFs. «Und wir sind der grösste ETF-Handelsplatz Europas», sagte Wellauer. Die zwei Akquisitionen seien zwar keine grossen gewesen, aber für die SIX strategisch wichtige.

Was ihm beim Unternehmen — sowohl in der Schweiz als auch in Spanien – manchmal noch ein wenig fehlt, ist der «kommerzielle Biss». Ein wenig mehr «kommerzielle Aggressivität» würde nicht schaden. «Da sind wir aber auf gutem Weg, und unser CEO lebt das auch vor.»

Seit 2018 ist Jos Dijsselhof operativer Chef der Gruppe. Unter ihm wurde diese reorganisiert und eine Innovationssparte aufgebaut. Wellauer ist seit März 2020 Präsident der Börsenbetreiberin.

«Jede Bank wird sich anschliessen müssen»

In der heutigen Welt sei es auch wichtig, «sich nicht tausend Gedanken zu machen, sondern auszuprobieren, und dann aber auch bereit zu sein, etwas relativ schnell einzustellen, wenn es nicht funktioniert». So seien jüngst Angebote im Geschäftssegment Bankdienstleistungen im Bereich Compliance und Cyber Security begraben worden. «Die Nachfrage war schlicht zu klein.»

Derweil gehöre zu den Erfolgen des Dienstleistungsbereich der Übergang der Maestrokarte zur neuen Debitkarte, die Digitalisierung des Rechnungsverkehrs mit eBill, das Gemeinschaftsprojekt Twint mit mittlerweile 4 Millionen Nutzer sowie die Lancierung des Kommunikationsnetzwerkes «Secure Swiss Finance Network» mit der SNB (SNBN 4'920.00 +0.82%) im Kampf gegen Cyberrisiken.

Ein wichtiges Projekt sei zudem die Open-Finance-Plattform bLink. Diese verbindet Finanzinstitute mit Drittanbietern. Banken und Software- oder Serviceanbieter können sich über standardisierte Schnittstellen (API, Application Programming Interface) verlinken.

Das Wachstum sei zwar noch klein, werde aber massiv vorangetrieben, sagte Wellauer. Open Finance sei in der Schweiz nicht gesetzlich geregelt wie in der EU, es handle sich um eine Eigeninitiative der Schweizer Banken und der SIX. «Jede Bank wird sich früher oder später anschliessen müssen.»

«Zu viele Bankomaten»

Des Weiteren sei es offensichtlich, dass es in der Schweiz viel zu viele Bankomaten gibt. «Es macht wenig Sinn, wenn jede Bank ihre eigenen Bankomaten betreibt.» Diese Frage stehe im Raum. Man sei bereit, das zu übernehmen — wie es in manchen anderen Ländern schon der Fall sei. «Aber das müssen die Banken entscheiden.»

An ihrer Beteiligung an Worldline will die SIX derweil festhalten, obwohl der Aktienkurs des französischen Zahlungsverkehrunternehmens in diesem Jahr massiv an Wert verloren hat. «Das hat unsere Meinung nicht geändert», sagte Wellauer. «Wir wollen unseren Einfluss auf das Paymentgeschäft beibehalten, welches wir an Worldline verkauft haben. Zweitens wollen wir den Zugang zu wichtigem Knowhow und Partnerschaften im Paymenttechnologiebereich erhalten. Und drittens sind wir weiterhin der Meinung, dass es ein gutes Investment ist.»

2018 hatte die SIX ihr Geschäft mit Bezahlterminals im Detailhandel wie etwa bei Migros oder Coop — den damals umsatzstärksten Bereich — an Worldline verkauft und war im Zuge dessen Minderheitsaktionärin mit einem Anteil von 27% geworden. Mittlerweile hält die Schweizer Börsenbetreiberin noch knapp 11% Aktienanteil an der französischen Gesellschaft und knapp 19% Stimmrechtsanteil.

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