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Elektronik wird immer mehr zu einer Erweiterung des Menschen.

1981 «In tödlicher Mission» kommt ins Kino. Roger Moore trägt darin eine Seiko-Uhr, mit der er schriftliche Geheimnachrichten vom MI6 empfangen kann – eine kleine Aufmerksamkeit des erfinderischen Q. Die Fantastereien der James-Bond-Filme aus den Achtzigern wurden im letzten Jahrzehnt von den Telekommunikationsriesen 3.0 wahrgemacht. Und jetzt?

Immer und überall online

Auch in der Schweizer Uhrenindustrie wurde dieses technologische Wunder vollbracht. In La Chaux-de-Fonds hat Tag Heuer vor ein paar Monaten die in Zusammenarbeit mit Google und Intel entworfene Carrera Connected vorgestellt. Sie misst nicht nur die körperliche Aktivität des Trägers, sondern zeigt auch Anrufe und Nachrichten an. Das Ganze ist in das Gehäuse eines echten Chronometers verpackt. «Äusserlich soll die Smartwatch nicht von einer Luxusuhr zu unterscheiden sein», lässt sich Jean-Claude Biver, der CEO der Marke, seit der Präsentation im vergangenen November immer wieder zitieren.

Dieser Trend ist auch beim Franzosen Withings festzustellen. Seine Zeigeruhr übernimmt die Massstäbe der traditionellen Uhrmacherei, wie das extraflache Gehäuse, der Sekundenzeiger und die analoge Anzeige deutlich machen. Immer und überall online zu sein, ist schon längst nicht mehr Geeks vorbehalten. Smart-Objekte sind zum Massenphänomen geworden. Die Zeit der «Ultrakonnektivität» ist eingeläutet. Obwohl es diese Wortschöpfung noch nicht einmal in die deutschen Wörterbücher geschafft hat, geht sie uns alle an. Wir alle stecken bereits mitten drin in der ständigen digitalen Vernetzung.

Der Begriff selbst umfasst ein buntes Sammelsurium an Objekten wie Kühlschränken, Brillen und Uhren – sogenannte Smart-Geräte – und Telefone der jüngsten Generation, ohne die wir uns ein Leben nicht mehr vorstellen können. «Es gibt keine eigentliche Definition der Konnektivität», bestätigt Michel Deriaz, Dozent am Centre Universitaire Informatique in Genf. «Wir ordnen dem Begriff Smartphones, Smarthomes, Smartcars und Wearables, das heisst mit Chips ausgestattete, am Körper getragene Gegenstände, zu. Konnektivität kommt dann zustande, wenn diese Objekte miteinander vernetzt sind.»

Im modernen Alltag ist es selbstverständlich geworden, dass wir sozusagen überall und jederzeit uneingeschränkten Zugriff auf Kommunikationsplattformen und unerschöpfliche Informationsquellen haben. Die smarte Welt der Konnektivität verfolgt uns bis in die eigenen vier Wände. Das zeigt unter anderem das internationale Forschungsprojekt SmartHeat, an dem Michel Deriaz zusammen mit dem Labor TaM arbeitet. Mit dem System soll jedes Zimmer ganz nach den Gewohnheiten und Vorlieben der Bewohner einzeln beheizt werden.

Und sie macht nicht einmal vor unseren Tellern halt. Ein Beispiel: Das französische Start-up-Unternehmen DietSensor hat im Januar an der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas einen via Bluetooth verbundenen, molekularen Chip vorgestellt, der die chemische Zusammensetzung der Mahlzeit erkennt. Doch wer glaubt, mehr geht nicht, täuscht sich. Denn die Konnektivität dringt sogar in unseren Körper ein: Von der Pentagon-Forschungsagentur Darpa entwickelte elektronische Chips wurden in das Gehirn von zwölf Personen implantiert, um ihr Gedächtnis zu analysieren und zu stimulieren. Heute geht nichts mehr verloren, alles wird gemessen und ausgewertet.

Wir sind zu Datenträgern geworden. Das Phänomen des «Quantify self» greift immer weiter um sich. Sogar die Luxusunternehmen erliegen dem Trend. Der Kosmetikriese L’Oréal hat an der diesjährigen CES den ersten elektronischen UV-Sensor, My UV Patch, präsentiert. Er wird auf die Haut geklebt und berechnet in Echtzeit die Sonneneinstrahlung.

Elektronik, die unter die Haut geht

«Stark verändert hat sich in den letzten Jahren die Art, wie wir mit dem Smart-Geräten interagieren. Elektronik wird immer mehr zu einer Erweiterung des Menschen», sagt Michel Deriaz. Er hat bei seinen Arbeiten festgestellt, dass das Smartphone als Verlängerung des Menschen wahrgenommen wird. Wir entsperren es noch im Halbschlaf unter der Bettdecke und verwenden es bis zum Schlafengehen. Glaubt man dem Wissenschaftler, wird sich diese Entwicklung fortsetzen. «Momentan befinden sich die Smart-Objekte noch ausserhalb des Körpers, auch wenn sie immer häufiger direkt auf der Haut getragen werden.

In zehn Jahren dürfte die Forschung so weit sein, Chips unter die Haut einzupflanzen.» Die Smart-Geräte von morgen werden immer präzisere Informationen über unseren Gesundheitszustand liefern und so die Art, wie wir mit unserem Körper umgehen und ihm Sorge tragen, radikal ändern. «Dank dieser Datenlieferanten lernen wir unseren eigenen Körper besser kennen», ist sich Christian Lovis, Professor und Lehrbeauftragter im Genfer Unispital, sicher.

In diese Richtung geht auch der vom Zürcher Start-up-Unternehmen Dacadoo entwickelte Gesundheitsindex. Er zeichnet die via Smartphone, digitale Waage, Blutdruckmessgerät, Herzfrequenzmessband und Aktivitä- tentracker übermittelten Daten auf und berechnet daraus den Health Score, der uns hilft, gesund und aktiv zu leben. Seit 2015 wird kein neues Smart-Gerät mehr angeboten, das nicht auch noch die Körperaktivitäten misst. Es ist unmöglich geworden, dieser serienmässig installierten Komponente zu entkommen. Versucht man, sie zu umgehen, meldet sich garantiert Siri und mahnt uns, dass wir uns heute noch nicht genug bewegt haben. Prävention heisst die Devise.

Mit den Geräten wird eine Laien-Wissenschaft entwickelt, die es uns allen erlaubt, wissenschaftliche Daten zu messen. Das wird auch für das Gesundheitswesen nicht ohne Folgen bleiben. Die Diagnosestellung wird beschleunigt, ambulante Behandlungen nehmen zu, und sogar Fernbehandlungen werden möglich. «Trotzdem sind wir noch weit davon entfernt, zu biologisch vernetzten Menschen zu werden», präzisiert der Arzt. In Grossbritannien bestätigt eine Ausnahme die Regel. Kevin Warwick, ein britischer Professor für Kybernetik an der Universität Reading, hat sich einen Chip in den Arm einpflanzen lassen, der sein Nervensystem direkt mit Computern verbindet und es ihm ermöglicht, seinen Computer und andere Geräte mit seinen Gedanken zu steuern. Sein oberstes Ziel ist der direkte Gedankenaustausch von Hirn zu Hirn.

Was früher noch Science Fiction war, wird immer mehr zur Realität. Ende Dezember hat das Creative Lab des koreanischen Konzerns Samsung eine neue Generation Uhren vorgestellt, dank denen man lediglich den Finger ans Ohr halten muss, um ein Gespräch zu führen. Tip Talk läutet in der Anthropologie der Techniken zweifelsohne ein Wende ein. Während Smart-Geräte bislang als Verlängerung unserer Körper dienten, haben wir es immer häufiger mit einer umgekehrten Entwicklung zu tun: Die neuen Projekte machen unseren Körper zur Verlängerung der Technik und zeigen, dass die programmierten Smart-Geräte von heute bereits veraltet sind.

Doch keine Angst: Das Zeitalter der Cyborgs und der Aufstand der Maschinen gegen die Menschen sind noch immer Science Fiction.