Märkte / Aktien

SMI geht wieder auf Talfahrt

Nach der Erholung am Vortag ist der Schweizer Aktienmarkt am Donnerstag wieder in die Knie gegangen.

(AWP/Reuters)  Schwache Konjunkturdaten aus der Eurozone und den USA versetzten den Kursen einen Schlag. An den Finanzmärkten wird zunehmend mit der Möglichkeit einer konjunkturellen Talfahrt gerechnet. Die Stimmung sei angespannt, sagte ein Händler. Nicht zur Besserung der Laune beigetragen habe US-Notenbankchef Jerome Powell, der am Vortag die Möglichkeit einer Rezession eingeräumt hatte.

Am Donnerstag enttäuschten Konjunkturdaten aus dem Euroraum klar. Die Einkaufsmanagerindizes gaben im Juni stark nach und fielen auf den tiefsten Stand seit knapp eineinhalb Jahren. Dem Wirtschaftswachstum gehe allmählich die Puste aus, kommentierte Chris Williamson, Chefökonom von S&P Global. In den USA war die Stimmung unter den Einkaufsmanagern ebenfalls schlechter als erwartet. Zudem würden und auch die tieferen Ölpreise als Zeichen einer wirtschaftlichen Abschwächung interpretiert, sagte ein Händler.

Der SMI (SMI 10'770.40 +0.27%) sank bis Börsenschluss um 0,71% auf 10’453,31 Punkte, nachdem der Leitindex vorübergehend über die Marke von 10’500 Zählern geklettert war. Der SLI, in dem die 30 wichtigsten Aktien enthalten sind, fiel um 0,80% auf 1606,68 Zähler. Der breite SPI (SXGE 13'879.13 +0.32%) gab um 0,62%auf 13’491,03 Zähler nach. 22 SLI-Werte schlossen im Minus und 8 im Plus.

An der Spitze der Verlierer standen die Aktien der Credit Suisse (CSGN 5.42 +0.07%), die um 5,5% in den Keller rasselten und bei 5,44 Fr. ein neues Rekordtief erreichten. Nach unten gezogen wurden die Aktien der Schweizer Grossbank vom Kurseinbruch der Deutschen Bank und der Commerzbank (CBK 6.38 -4.58%), die beide über 10% abstürzten. Auch andere europäische Bankentitel notierten schwach. UBS (UBSG 15.29 -0.65%) büssten derweil 2,5% ein, Julius Bär (BAER 43.65 -0.89%) 2,2%. Händler erwähnten Konjunktursorgen, rückläufige Gebühren und sinkende Kommissionen im Wertschriftengeschäft.

Hinter der CS standen Swiss Life (SLHN 463.90 -0.24%) an zweiter Stelle auf den Verkaufszetteln, womit die Versicherungstitel den seit einigen Wochen andauernden Abwärtstrend fortsetzten. Laut einer Studie der UBS könnte sich die Zinserhöhung der SNB (SNBN 6'520.00 +0.31%) negativ auf den Immobilienbestand des Lebensversicherers auswirken. Die Aktien der Mitbewerber Zurich Insurance (ZURN 419.90 +1.13%) und Swiss Re (SREN 73.94 -0.05%) gaben ebenfalls nach.

Unter Druck waren zudem viele zyklische Werte aus dem Bau- und Industriebereich: Zu den grossen Verlierern zählten Schindler (SCHP 174.55 +0.26%), Holcim (HOLN 40.70 -0.37%), Adecco (ADEN 32.69 +0.77%) oder ABB (ABBN 25.25 -0.82%). Holcim litt darunter, dass die stark steigenden Zinsen kombiniert mit einer massiv gestiegenen Knappheit und Verteuerung von Baumaterialien die Bautätigkeit deutlich bremsen könnte, sagten Marktteilnehmer.

Von den Schwergewichten liessen Nestlé (NESN 112.76 +1.18%) am meisten Federn, während Novartis (NOVN 80.33 -0.64%) 0,5% verloren. Roche zogen dagegen leicht an.

Zu den deutlichen Gewinnern gehörten Sonova (SOON 309.60 +1.84%) und Temenos (TEMN 81.48 -0.17%), die bereits am Vortag klar zugelegt hatten. Übernahmegerüchte trieben dabei den Kurs des Bankensoftwarespezialisten. Händlern zufolge sollen die Abu Dhabi Investment Authority und das Canadian Pension Plan Investment Board Gespräche mit der schwedische Investorengruppe EQT geführt haben. Gegenstand sei ein mögliches Konsortium gewesen, um ein gemeinsames Kaufangebot für Temenos abzugeben, hiess es am Markt. Ein Händler sagte allerdings, er glaube nicht an eine Übernahme von Temenos – «nicht auf dem aktuellen Preisniveau».

Auch Straumann (STMN 115.30 +0.57%) zogen an. Temenos und Straumann zählen allerdings zu den grossen Verlierern in diesem Jahr.

Im breiten Markt schlossen Carlo Gavazzi (GAV 292.00 +1.04%) um 1,1% höher. Das Unternehmen hatte mit einer Rochade an den Spitzenpositionen für eine Überraschung gesorgt. Neben CEO Vittorio Rossi gibt auch Verwaltungsratspräsidentin und Mehrheitseignerin Valeria Gavazzi ihr Amt ab. Gleichwohl dürfte der Schritt dem Titel «etwas Fantasie eingehaucht haben», meinten Börsianer.

Vetropack (VETN 37.40 -5.32%) schlossen 3,9% im Plus. Der Bau eines neuen Werks in Italien verzögert sich. Die Ankündigung komme nicht ganz überraschend, kommentierte ein Analyst. Bei Ascom (ASCN 6.72 +0.00%) war im Markt von Ergebnisängsten die Rede.

Aktien New York: Moderate Gewinne

Die US-Aktienmärkte sind am Donnerstag mit Gewinnen in den Handel gegangen. Insgesamt bleibt die Stimmung aber angespannt angesichts der Rezessionsängste im Zuge hoher Inflation und steigender Leitzinsen. Der Dow Jones Industrial stieg zuletzt um 0,4 Prozent auf 30’614 Punkte. Der marktbreite S&P 500 legte um 0,7% auf 3785 Zähler zu. Der technologiewertelastige Nasdaq 100 (NDX 11'503.72 -1.33%) gewann 1,1% auf 11’660 Punkte.

Händlern zufolge halten die Anleger wieder Ausschau nach Schnäppchen, um sich nach der jüngsten Marktschwäche mit Aktien zu relativ niedrigen Kursen einzudecken. Das Kaufinteresse sei jedoch nach wie vor etwas gedämpft, da die Sorgen über eine mögliche Rezession die Märkte weiterhin belasten.

Frische US-Konjunkturdaten zeigten nur wenig Einfluss auf die Kurse. Die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe gingen etwas weniger stark zurück als erwartet. Die Stimmung unter den Einkaufsmanagern der Industrie und im Dienstleistungssektor war im Juni schlechter als prognostiziert. Am Mittwoch hatte US-Notenbankchef Jerome Powell die Möglichkeit einer Rezession eingeräumt. Eine solche zu vermeiden, sei «sehr herausfordernd».

Die Biotechnologiewerte setzen ihren starken Aufwärtstrend der letzten Sitzungen fort. Deutliche Stärke ist auch bei den Aktien des Immobiliensektors zu beobachten. Die zinssensiblen Versorgerwerte zeigen ebenfalls eine ordentliche Performance. Dagegen hinken Aktien von Fluggesellschaften, Stahlunternehmen und Banken hinterher.

Euro fällt zum Franken auf Dreimonatstief

Der Euro und der Dollar haben am Donnerstag an nachgegeben. Am Nachmittag kostete die europäische Gemeinschaftswährung 1,0526 $. Am Morgen hatte er noch bei 1,0572 $ notiert.

Zur Schweizer Währung fiel der Euro auf 1,0076 Fr. und damit unter die Marke von 1,01 Fr. Damit erreichte die Gemeinschaftswährung den tiefsten Stand seit Anfang März. Der Dollar sank derweil auf 0,9573 Fr. nachdem er am Morgen noch 0,9612 gekostet hatte.

Der Euro gab angesichts wachsender Rezessionssorgen nach. In der Eurozone gab es weitere Anzeichen für eine Abschwächung. So trübten sich die Einkaufsmanagerindizes in der Eurozone im Juni überraschend deutlich ein. Dem Wirtschaftswachstum gehe allmählich die Puste aus, kommentierte Chris Williamson, Chefökonom von S&P Global.

«Das Dilemma für die EZB wird damit immer grösser», kommentierte Christoph Weil, Volkswirt bei der Commerzbank. Die in die Höhe geschossene Inflationsrate spreche eigentlich für eine massive Straffung der Geldpolitik. «Doch dies würde die Wirtschaft noch stärker bremsen.» Die EZB will erst im Juli mit ihren Zinserhöhungen beginnen und agiert damit deutlich vorsichtiger als andere Notenbanken.

Am Nachmittag trübte sich auch die entsprechenden Einkaufsmanagerindizes für die USA stärker als erwartet ein. Der Euro erholte sich daraufhin zum Dollar etwas, nachdem er zeitweise unter 1,05 $ gefallen war. Am Mittwoch hatte US-Notenbankchef Jerome Powell die Möglichkeit einer Rezession eingeräumt. Eine solche zu vermeiden, sei «sehr herausfordernd».

Die norwegische Notenbank hob unterdessen ihren Leitzins stärker als erwartet an. Der Leitzins steige um 0,5 Prozentpunkte auf 1,25%, hiess es. Ökonomen hatten lediglich mit einer Erhöhung um 0,25 Punkte gerechnet. Die norwegische Krone profitierte jedoch nicht von der Entscheidung. Schliesslich stellte Notenbankchefin Ida Wolden Bache für die nächste Sitzung im August nur eine kleinere Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte in Aussicht.

Ölpreise geben erneut nach

Die Ölpreise sind am Donnerstag erneut gefallen. Am Mittag kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 110,65 $. Das waren 1,08 $ weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI (WBS 117.46 +2.28%)) fiel um 1,05 $ auf 105,17 $. Die Preise rangieren in der Nähe ihrer tiefsten Stände seit gut einem Monat.

Belastet werden die Erdölpreise zunehmend durch die Furcht vor einer wirtschaftlichen Talfahrt. Hintergrund sind die Folgen des Ukraine-Kriegs und der Kampf vieler Zentralbanken gegen die hohe Inflation. Die teils deutlichen Zinsanhebungen können zwar die Teuerung dämpfen, sie lasten aber auch auf der Konjunktur. Immer häufiger sind an den Finanzmärkten Warnungen vor einer aufziehenden Rezession zu hören.

In der Eurozone gab es weitere Anzeichen für eine wirtschaftliche Abschwächung. So trübten sich die Einkaufsmanagerindizes in der Eurozone im Juni überraschend deutlich ein. Dem Wirtschaftswachstum gehe allmählich die Puste aus, kommentierte Chris Williamson, Chefökonom von S&P Global. Ein schwächeres Wachstum würde auch die Nachfrage nach Rohöl dämpfen.

Die Preisabschläge am Ölmarkt finden jedoch auf hohem Niveau statt. Seit Jahresbeginn sind die Ölpreise um rund 40 Prozent gestiegen. Hauptgründe sind der Krieg Russlands gegen die Ukraine und scharfe Sanktionen vieler überwiegend westlicher Länder. Russland ist einer der grössten Ölproduzenten der Welt.

 

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