Märkte / Aktien

SMI: Deutliche Verluste

Der Schweizer Aktienmarkt hat den Handel am Donnerstag tiefrot abgeschlossen.

(AWP/Reuters) Rund um den Globus haben Inflations- und Rezessionsängste die Börsen auf Talfahrt geschickt, so auch den Schweizer Leitindex SMI (SMI 10'906.82 +0.77%). Immerhin konnte sich der SMI gegen Handelsende hin etwas von den Tagestiefstwerten absetzen. Auffällig waren die deutlichen Abgaben des Schwergewichts Nestlé, nachdem tags zuvor die US-Detailhändler Walmart (WMT 124.12 +0.32%) und Target die Investoren mit Inflationswarnungen geschockt hatten.

«Das Zinsgespenst geht wieder um», kommentierte ein Händler das Börsengeschehen. Immer weniger Anleger glaubten daran, dass der US-Notenbank Fed im Kampf gegen die Inflation eine weiche Landung der US-Wirtschaft gelingt. Fed-Chef Jerome Powell versprach, die Zinsen so lange wie nötig und gegebenenfalls aggressiver zu erhöhen, bis die Inflation rückläufig sei. Nun preise der Markt eine weitere Straffung der Geldpolitik ein, was vor allem risikoreichere Anlagen belaste, hiess es.

Der SMI büsste am Ende 2,33% ein und schloss den Tag auf 11’309,49 Punkten ab. Während des Handels war der Index gar bis in den Bereich von 11’230 Zähler und damit auf den tiefsten Stand seit Anfang März eingebrochen. Damals hatte der Kriegsausbruch in der Ukraine die Börse fest im Griff. Am Berichtstag waren es aber vor allem Zinssorgen die auch den SLI, in dem die 30 wichtigsten Aktien enthalten sind, um 2,17% auf 1759,01 Stellen absacken liessen. Der breite SPI (SXGE 14'045.97 +0.72%) verlor derweil 2,37% auf 14’507,66 Zähler. Am Ende standen im SLI nur drei Titel im Plus und der Rest gab nach.

Besonders schwer wogen die Abgaben von Nestlé (NESN 112.58 +0.84%). Ein negativer Kommentar der Bank Bernstein zu den Aussichten des Nahrungsmittelkonzerns sowie die schwachen Daten von Walmart und Target hatten den Kurseinbruch eingeläutet. Die anhaltend hohe Inflation und Engpässe in den Lieferketten dürften auch an Nestlé nicht spurlos vorbeigehen, befürchteten Marktteilnehmer.

Die rote Laterne trug bei den Blue Chips bis zum Schluss allerdings Julius Bär (BAER 45.83 +1.26%). Die Privatbank hat in den ersten vier Monaten des Jahres die garstige Marktlage zu spüren bekommen und musste Abflüsse von Kundengeldern hinnehmen. In den nächsten Jahren will Konzernchef Philipp Rickenbacher die Kosten deutlich senken und so die Margen sichern.

Auch andere Finanzinstitute, allen voran Versicherungen, gerieten an der Börse in den Abwärtssog: Zurich Insurance (ZURN 416.70 -0.31%) fielen um 4,1%, Swiss Life (SLHN 471.70 -0.06%) und Swiss Re (SREN 74.58 -0.72%) gingen um je 3,5% zurück. Die Grossbanken Credit Suisse (CSGN 5.74 +0.35%) und UBS (UBSG 16.14 +0.91%) schlossen den Handel mit -1,7% beziehungsweise -1,4% ab.

Mit dem Vakuumspezialisten VAT Group (VACN 246.00 +1.15%), dem Logistiker Kühne + Nagel (KNIN 230.80 +2.08%) und dem Personalvermittler Adecco  zählten einmal mehr auch Wachstumswerte zu den grössten Verlierern. Bereits am Vortag hatten einige Zykliker auf den Verkaufszetteln der Börsianer gestanden.

Dagegen hielten die Pharmaschwergewichte Novartis (NOVN 82.04 +1.79%) und Roche GS (ROG 322.55 +1.18%) die Abgaben in Grenzen. Und Titel wie jene des Bankensoftwareherstellers Temenos (TEMN 84.70 -0.17%) oder des Hörgerätespezialisten Sonova (SOON 305.70 -1.07%) beendeten den Handel gar klar im Plus. Bei Temenos vermuteten Händler weitere Aufträge und allenfalls eine bevorstehende Rating-Hochstufung als kurstreibend.

Am breiten Markt büssten Sulzer (SUN 62.30 +1.14%) 5,4% ein. Der Industriekonzern schliesst mit Blick auf die Sanktionen der polnischen Regierung die beiden Werke in Polen. Grund für die Sanktionen ist die Beziehung von Sulzer mit dem russischen Investor Viktor Vekselberg.

Klar tiefer gingen auch die Aktien des Reisdetailhändlers Dufry (DUFN 35.16 +0.26%) aus dem Handel. Zwar hat sich das Geschäft in den Duty-Free-Läden weiter von den Folgen der Coronakrise erholt. Mit Blick in die Zukunft äusserte sich das Dufry-Management angesichts der Lockdowns in China und des Ukraine-Kriegs aber vorsichtig.

Clariant ging nach der Vorlage definitiver Jahreszahlen 2021 mit einem Minus von 1,3% aus dem Handel, während SoftwareOne mit Quartalzahlen die Anleger überzeugen konnte. Und das Biotech-Unternehmen Evolva behauptete sich mit einem positiven Geschäftsupdate noch deutlicher gegen den allgemeinen Trend.

US-Börsen: Stimmung bleibt nach Ausverkauf angespannt

Nach dem Ausverkauf am New Yorker Aktienmarkt zur Wochenmitte stehen auch am Donnerstag die Kurse weiter unter Druck. Die Sorgen, dass die starken Preissteigerungen die Unternehmen immer mehr belasten, scheinen sich am Markt durchzusetzen. Auch Konjunkturdaten enttäuschten am Donnerstag. So trübte sich das Geschäftsklima in der Region Philadelphia im Mai überraschend deutlich ein.

Der Leitindex Dow Jones Industrial fiel im frühen Handel auf den tiefsten Stand seit März 2021. Zuletzt verlor er noch 0,96% auf 31’189 Punkte. Der marktbreite S&P 500 sank um 0,43% auf 3’907 Punkte.

Der technologielastige Nasdaq 100 (NDX 12'008.24 -0.81%) versuchte sich nach seinem Vortagesverlust von gut 5% zu stabilisieren mit plus 0,20% auf 11’952 Zählern. Der in der Vorwoche erreichte tiefste Stand seit November 2020 ist nicht allzu weit entfernt.

Neue Hiobsbotschaften für den Technologiesektor kamen vom Netzwerkausrüster Cisco , der seine Jahresumsatzziele nach einem schwachen Quartal wegen anhaltender Lieferkettenprobleme und Corona-Lockdowns in China deutlich stutzte. Die Cisco-Aktien fielen auf den tiefsten Stand seit November 2020, zuletzt betrug das Minus mehr als 12%.

Auch im abgestraften Einzelhandelssektor setzten sich die schlechten Nachrichten fort. So schraubte Kohl’s , dessen Aktien am Vortag im Abwärtssog der Branche mit minus 11% mit nach unten gerissen wurden, seine Gewinnerwartung zurück. Anfangs nochmals tiefer, erholten sie sich anschliessend und gewannen etwas mehr als 1%.

Beim Sportartikelhersteller Under Armour (UAA 9.33 -2.61%) tritt der Chef nach einem schwachen Quartal ab. Die Aktien verloren fast 9%. Ähnlich schwach präsentierten sich die Titel von Harley-Davidson mit einem Minus von fast 8%. Der Motorradhersteller stoppt die Auslieferungen für zwei Wochen. Grund seien Bedenken hinsichtlich guter Unternehmensführung bei einem Zulieferer, hiess es.

Franken klar stärker

Der Euro hat sich am Donnerstag von seinen zur Wochenmitte erlittenen Verlusten im Tagesverlauf weiter erholt und sich deutlich von der Marke 1,05 $ nach oben abgesetzt. Börsianer verwiesen als Antrieb auf eine breit angelegte Schwäche des US-Dollars. Aktuell notiert der Eurokurs bei 1,0585 $ und damit klar höher als am Donnerstagmorgen (1,0493).

Auch gegenüber dem Franken machte der Euro an Boden gut und liegt derweil bei 1,0302 nach 1,0278 Fr. am frühen Nachmittag. Der US-Dollar sank derweil weiter auf 0,9733 Fr. nach 0,9768 Fr. am Mittag. Am Morgen hatte der «Greenback» noch mehr als 98 Rappen gekostet. Der Franken wurde wieder als sicherer Hafen gesucht.

Der Dollar tendierte schwach und verlieh anderen Währungen deutlichen Auftrieb. Am Markt wurde auf die schlechte Stimmung an den Aktienmärkten verwiesen. Die Rede war von einem Gemisch aus Inflations-, Zins- und Wachstumssorgen. Eine zentrale Befürchtung lautet, dass die wegen der hohen Inflation vielerorts straffere Geldpolitik zu erheblichen konjunkturellen Belastungen führen könnte.

In das Bild passte, dass am Nachmittag einige enttäuschende Konjunkturdaten aus den USA veröffentlicht wurden. So hat sich das Geschäftsklima in der Region Philadelphia im Mai überraschend deutlich eingetrübt. Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe fielen in der vergangenen Woche höher als erwartet aus. Zudem sanken die Hausverkäufe im April stärker als erwartet.

Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,84728 (0,84670) britische Pfund, 134,46 (135,76) japanische Yen und 1,0265 (1,0486) Schweizer Franken fest.

Ölpreise legen etwas zu

Die Ölpreise haben am Donnerstag nach deutlichen Vortagsverluste etwas zugelegt. Zuletzt kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 110,04 $. Das waren 88 Cent mehr als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI (WBS 117.46 +2.28%)) stiegen um 23 Cent auf 109,82 $.

Von den Vortagesverlusten machten die Ölpreise jedoch nur einen kleinen Teil wett. Wie schon am Vortag dämpfte die sehr trübe Stimmung an den Aktienmärkten die Ölpreise. «Einen ölmarktspezifischen Grund für den Preisrückgang gestern gab es nicht», kommentierte Carsten Fritsch, Rohstoffexperte bei der Commerzbank (CBK 7.27 -0.79%). «Wir führen den Preisrückgang daher eher auf externe Einflussfaktoren wie den Ausverkauf an den US-Aktienmärkten zurück.» Am Donnerstag setzte sich die Talfahrt an den Aktienmärkten in Europa fort. Dies dämpfte die Erholung der Ölpreise.

Die Rohölpreise bewegen sich schon seit längerem in einer Spanne von etwa 15 $, halten sich aber meistens über der Marke von 100 $. Dass sie nicht stärker fallen, hängt vor allem an dem weltweit knappen Angebot, nachdem vornehmlich westliche Länder scharfe Sanktionen gegen Russland wegen des Kriegs in der Ukraine ergriffen haben. Ein Erdöl-Embargo seitens der Europäischen Union lässt wegen Widerstands einiger Länder jedoch weiter auf sich warten.

 

Leser-Kommentare

Tobias Schait 20.05.2022 - 09:54
Stagflation heisst, dass eine Gesellschaft über ihre Verhältnisse lebt. Unnötige Luxusausgabe im Bereich ideologischer Energiepolitik, geopolitischer Einmischung und Lähmung von Eigeninitiative durch Ausbau von Sozialstaat und überheblicher Migrationspolitik haben in den europäischen Ländern dazu geführt. Wenn ohne schritthaltendem Wachstum Geld gedruckt wird, dann kann man machen, was man will, man ist Teil dieser Wertverminderung, sei es indem das Geld auf… Weiterlesen »