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SMI: Ausverkauf auf breiter Front wegen EZB

Die Schweizer Börse hat am Donnerstag im Einklang mit anderen wichtigen Aktienmärkten kräftig nachgegeben.

(AWP/Reuters) Der Schweizer Aktienmarkt ist am Donnerstag nach der Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank  unter Druck geraten und hat den Rückwärtsgang eingelegt. Die Währungshüter des Euroraums werden im Juli erstmals seit elf Jahren wieder die Zinsen um 0,25 Prozentpunkte erhöhen. Danach ist im September gar eine grössere Zinsanhebung denkbar. Dass die EZB allerdings auch ihre Inflationsprognosen so kräftig angehoben hätten, habe die Anleger auf dem falschen Fuss erwischt, erklärten Experten.

Dies drückte nicht nur auf die Aktienkurse, sondern sorgte auch für einen Ausverkauf an den Anleihemärkten. Gerade der scharfe Anstieg der Renditen für italienische Staatspapiere erinnere an die Eurokrise, sagten Börsianer. Die Fragmentierung der Zinsen im Euroraum könnte sich zum Problem entwickeln, da die Finanzierungsbedingungen dadurch immer weiter auseinanderklaffen, erklärten Marktanalysten von CMC Markets (T8Q 2.84 +0.71%). Nun harren die Anleger den Inflationsdaten aus den USA, die am Freitag veröffentlicht werden und die Märkte ebenfalls beeinflussen dürften.

Der Swiss Market Index (SMI (SMI 11'132.48 -0.30%)) schloss um 1,26% tiefer bei 11’322,43 Punkten. Der SLI, in dem die 30 wichtigsten Aktien enthalten sind, fiel um 1,42% auf 1766,34 und der breite SPI (SXGE 14'409.53 -0.44%) um 1,25% auf 14’525,23 Punkte. Die Verlierer dominierten das Kursblatt deutlich.

Credit Suisse (CSGN 5.19 -3.39%) standen erneut im Fokus der Anleger. Bei einem sehr volatilen Kursverlauf schlossen die Papiere der Grossbank um satte 5,6% tiefer. Am Vortag hatten Gerüchte um ein Übernahmeinteresse des US-Vermögensverwalters State Street (STT 70.38 +0.11%) für einen Kurssprung gesorgt. Am Donnerstag nun stellte sich Konzernchef Thomas Gottstein erstmals seit der neusten Gewinnwarnung der Bank den Investoren. Er bezeichnete die Frage nach einer Übernahme der CS durch State Street als «dumm».

UBS (UBSG 15.55 -1.58%) hielten sich etwas besser als die Konkurrenz vom Paradeplatz. Und der Vermögensverwalter Partners Group (PGHN 973.00 -3.62%) verlor ebenfalls «nur» 1,2%. Société Générale hatte das Rating für Partners Group auf «Buy» von «Hold» erhöht.

Im Minus schlossen Wachstumswerte, denen Konjunktursorgen zu schaffen machen. Allen vor voran Temenos (TEMN 75.74 -3.32%) büssten 4,1%ein, Logitech (LOGN 52.72 -5.04%) 2,1% und AMS 3,4%. Konjunktursorgen drückten auf die Kurse der zyklischen Titel Sika (SIKA 230.00 -4.60%), Geberit (GEBN 486.40 -2.95%) und ABB (ABBN 28.05 -1.41%).

Die Technologiewerte VAT Group (VACN 260.60 -7.78%) litten unter Aussagen des Chipherstellers Intel (INTC 34.52 -2.43%). Dieser will bei den Investitionen auf die Bremse treten, was an der Börse als Warnung an Zulieferer aus der Halbleiterindustrie verstanden wurde. Das spiegelte sich im breiten Markt auch in den Papieren von Inficon (IFCN 722.00 -3.99%) und Sensirion (SENS 108.80 -3.89%) wider.

Ausverkauft wurden auch Medtech-Werte wie Straumann (STMN 127.15 -3.45%), Sonova (SOON 338.70 -1.40%) und Alcon (ALC 72.38 -0.96%). Lonza (LONN 557.80 -0.92%) büssten ein.

Die defensiven Pharmaschwergewichte Novartis (NOVN 83.26 +1.19%) und Roche GS (ROG 318.35 +0.79%) hielten sich besser. Letztere konnten erneut Zulassungserfolge in den USA und in der EU berichten. Bei Nestlé (NESN 115.56 +0.05%) orgten sich hingegen die Anleger, ob der Nahrungsmittelgigant die gestiegenen Rohstoffpreise überwälzen kann.

Angeführt wurde die kleine Gewinnergruppe vom Zementkonzern Holcim (HOLN 44.82 -0.13%). Zu den Gewinnern zählten zudem mit der Aussicht auf steigende Zinsen die Versicherer Swiss Re (SREN 74.18 +0.62%) und Swiss Life (SLHN 514.20 -0.27%).

Am breiten Markt wurden die Verlierer von Pennystocks wie Achiko (ACHI 0.0424 +122.22%), Youngtimers, Perfect Holding, Wisekey (WIHN 0.2535 +1.40%) oder Addex (ADXN 0.2150 -4.02%) dominiert.

Aryzta (ARYN 1.07 -3.16%) fielen positiv auf. Laut Kepler Cheuvreux dürfte die befürchtete Kapitalerhöhung vom Tisch sein. Daher stufte der Broker die Aktie auf «Hold» von «Reduce» hoch.

Inflationssorgen bremsen Wall Street

Zins- und Inflationssorgen haben die US-Börsen am Donnerstag belastet. Der Dow-Jones-Index.DJI der Standardwerte und der breiter gefasste S&P 500 verloren je 0,3% auf 32’828 und 4106 Punkte. Der Index der Technologiebörse Nasdaq gab 0,4% auf 12’071 Punkte nach.

Die Investoren fürchten, dass die anhaltend hohe Teuerung die US-Notenbank Fed veranlassen dürfte, die Zinsen schneller und stärker anzuheben als ursprünglich erwartet. «Wir werden keine robuste Erholung des Marktes erleben, bis das Gefühl besteht, dass der Inflationsdruck nachlässt, da dies darauf hindeuten würde, dass sich die Fed in die richtige Richtung bewegt hat und die Schwächung der Wirtschaft nicht drastisch war», sagte Quincy Krosby von LPL Financial. Die Europäische Zentralbank hob ihre Inflationserwartungen am Donnerstag deutlich an und signalisierte eine Reihe von Zinsanhebungen.

Am amerikanischen Aktienmarkt waren die Papiere von Tesla (TSLA 850.00 -2.44%) gefragt und zogen um 2,5% an. Der E-Autobauer hat im Mai wieder mehr in China hergestellte Fahrzeuge verkauft, nachdem die Produktion im April durch die Corona-Lockdowns stark beeinträchtigt gewesen war.

Trotz der wiedererwachten Hoffnung auf einen Börsengang des Finanzdienstleisters Ant Group gaben die Aktien von Alibaba (BABA 91.19 +0.39%) nach. Die in den USA notierten Papiere des Online-Händlers, dessen Gründer Jack Ma Ant kontrolliert, fielen um mehr als 4%. Das bei der chinesischen Aufsicht in Ungnade gefallene Fintech hat Insidern zufolge grünes Licht für eine Wiederbelebung seiner Börsenpläne bekommen.

Euro kann von EZB-Entscheid nicht profitieren

Der Kurs des Euro hat am Donnerstag nicht von der angekündigten Zinserhöhung in der Eurozone profitiert. Am Nachmittag geriet die Gemeinschaftswährung unter Verkaufsdruck und fiel auf ein Tagestief von 1,0645 $. Damit notierte sie mehr als einen halben Cent niedriger als am Morgen.

Auch zum Franken ging es für den Euro am abwärts, nachdem er im Tageshoch nach den Ankündigungen der EZB am Nachmittag bis auf 1,0516 gestiegen war. Von seinem Tief bei 1,0373 erholte sich die Gemeinschaftswährung etwas und kostet derzeit 1,0408 Fr. Der Dollar wird leicht tiefer bei 0,9762 Fr. gehandelt.

So erreichte der Euro auch zum Dollar sein Tageshoch von 1,0774 $ am frühen Nachmittag, als die EZB ihre geldpolitischen Beschlüsse veröffentlichte. Die Rekordinflation im Euroraum bringt die Währungshüter der Eurozone zum Gegensteuern. Im Juli will die EZB erstmals seit elf Jahren die Zinsen wieder anheben, um 0,25 Prozentpunkte. Im September könnte der zweite Zinsschritt folgen.

Noch hält die Notenbank den Leitzins an der Nullmarke und den Einlagensatz bei minus 0,5%. Die geldpolitischen Entscheidungen waren am Markt so erwartet worden, nachdem EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Vorgehensweise bereits im Mai in einem Beitrag auf der Internetseite der EZB beschrieben hatte.

Vor dem Hintergrund der rekordhohen Inflation in der Eurozone hätte einige Marktteilnehmer auf mehr Tempo bei der geldpolitischen Straffung spekuliert, hiess es aus dem Devisenhandel. «Mit der heutigen Entscheidung, die Zinsen im kommenden Monat zunächst vorsichtig zu erhöhen, versucht die EZB trotz des hohen Inflationsdrucks, nicht zu weiteren Unruhen an den Märkten beizutragen», kommentierte Chefvolkswirt Michael Holstein von der DZ Bank. Mehrere Ökonomen kritisierten allerdings die zögerliche Vorgehensweise der EZB im Kampf gegen die hohe Inflation.

Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,85653 (0,85575) britische Pfund und 143,93 (143,92) japanische Yen fest.

Ölpreise geben leicht nach

Die Ölpreise haben am Donnerstag in einem über weite Strecken richtungslosen Handel leicht nachgegeben. Zuletzt kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 123,40 $. Das waren 18 Cent weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI (WBS 90.65 -0.09%)) fiel um 43 Cent auf 121,68 $.

Marktbeobachter begründeten die etwas schwächere Tendenz mit Meldungen aus China. In der Wirtschaftsmetropole Schanghai bleibt die Corona-Lage trotz jüngster Lockerungen angespannt. Die Behörden der Metropole haben einen neuen Massentest angeordnet. Es werden neue Ausgangssperren befürchtet, was eine zusätzliche Belastung für Chinas Wirtschaft wäre und eine geringere Ölnachfrage nach sich ziehen würde.

Zunächst hatten die Ölpreise noch zugelegt und sich damit in der Nähe ihrer dreimonatigen Höchststände gehalten, die am Vortag erreicht wurden. Seit Jahresbeginn sind die Preise um mehr als die Hälfte gestiegen. Hauptgründe sind die Invasion Russlands in der Ukraine und scharfe Sanktionen vornehmlich westlicher Länder. Russland ist einer der grössten Förderer von Rohöl weltweit, hat sanktionsbedingt aber Probleme, Abnehmer für sein Öl zu finden.

 

Leser-Kommentare

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Hans-Ulrich Haslebacher 10.06.2022 - 14:20

Gute Informationen, Danke