Märkte / Aktien

Börsenparty wird von schwachen Roche-Bons verdorben

Der Schweizer Aktienmarkt hat am Donnerstag etwas tiefer geschlossen, belastet von Abgaben in den grosskapitalisierten Papieren des Pharmakonzerns Roche.

(AWP) Die Stimmung im Handel war aber laut Teilnehmern grundsätzlich gut, gestützt von einer soliden Bilanzsaison und den Hoffnungen auf ein Nachlassen des Inflationsdrucks. Trotz einer Rekordinflation in der Eurozone von 7,4% setzten die Börsen darauf, dass sich die Teuerung ihrem Spitzenwert nähert.

Zumeist positive Ausblicke der Unternehmen trieben am Berichtstag viele zyklische Werte an. Gleichzeitig setzten die Marktteilnehmer einmal mehr auf Verhandlungen im Ukrainekrieg. Etwas enttäuschende US-Konjunkturdaten trübten die Stimmung am Aktienmarkt nicht. Im Gegenteil: Der Rückgang im Philadelphia-Fed-Index nährte die Hoffnung, dass die kommenden US-Zinserhöhungen doch nicht so stark ausfallen werden erwartet.

Der Swiss Market Index (SMI (SMI 11'128.24 -0.24%)) schloss am Ende 0,07% tiefer auf 12’301,33 Punkten. Der SLI, in dem sind die 30 wichtigsten Aktien enthalten und die Schwergewichte gekappt, legte um 0,21% zu auf 1923,72 und der breite SPI (SXGE 14'441.67 -0.39%) um 0,10% auf 15’812,67 Punkte. Bei den 30 Blue Chips kamen auf 20 Gewinner 10 Verlierer.

Spielverderber der Börsenparty waren die erneut im Ausverkauf stehenden Roche-Bons, die sich bis zum Schlussgong um 2,1% verbilligten. Sie alleine liessen den SMI um fast 50 Punkte sinken. Eine Verkaufsempfehlung der UBS (UBSG 16.09 +1.20%) setzt den Titeln seit Dienstag arg zu.

Novartis (NOVN 80.10 -1.16%) lagen ebenfalls deutlich hinter dem Gesamtmarkt. Auch andere defensive Aktien und solche aus dem Gesundheitssektor wie Lonza (LONN 570.20 -2.36%), Swisscom (SCMN 504.60 -1.10%) und Sonova  hatten einen schweren Stand.

Star des Tages waren auf der anderen Seite ABB (ABBN 28.79 -0.21%) mit einem Kursplus von 4,9. Der Industriekonzern profitierte im ersten Quartal von einer anhaltend hohen Nachfrage aus den verschiedensten Industriesegmenten. Analysten lobten besonders den starken Auftragseingang und die operative Marge. Händlern zufolge wurden einige Marktteilnehmer von der starken Margenentwicklung auf dem falschen Fuss erwischt.

Vor den Quartalszahlen am Freitag waren auch die beiden Zykliker Holcim (HOLN 45.62 +0.46%) und Schindler (SCHP 180.00 -2.20%) gesucht. Mit Adecco (ADEN 33.87 +0.86%) und Geberit (GEBN 505.60 -0.94%) standen zwei weitere konjunktursensitive Werte auf den Kaufzetteln.

Technologiewerte gelten als besonders zinssensitiv. In dem Folge deckten sich Anleger mit AMS Osram (AMS 8.21 -1.98%), Logitech (LOGN 55.28 -0.22%) und VAT ein.

Die Zahlen von Nestlé (NESN 114.58 -0.52%) wurden mit einem Kursplus von 0,7% honoriert. Der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern ist von Januar bis März 2022 erneut stark gewachsen und hat damit die Finanzwelt überrascht. Einen zwischenzeitlichen Kurstaucher – CEO Marc Schneider hatte die Margenvorgaben an einem Conference Call als «herausfordernd» bezeichnet – konnten Analysten nicht nachvollziehen.

Uneinheitlich tendierte die Finanzbranche: Während Swiss Re (SREN 76.00 +0.80%) und Swiss Life (SLHN 527.20 +0.61%) zulegten, gingt es mit den Bankaktien Credit Suisse (CSGN 5.48 +1.78%), UBS und Julius Bär (BAER 51.64 +0.19%) abwärts. Nach der Gewinnwarnung vom Vortag droht der CS laut Medienberichten bereits wieder neues Ungemach. So soll das Pensionskassengeschäft der Grossbank in den USA in Gefahr sei. Aktuell prüften die Behörden, ob das Institut in den USA weiter in dem Sektor tätig sein darf.

In den hinteren Reihen waren Lalique (LLQ 35.20 -5.38%), Phoenix Mecano (PM 359.00 +2.57%) sowie Comet (COTN 181.80 -0.11%) nach Angaben zum bisherigen Geschäftsverlauf gefragt.

Oerlikon kletterten um 1,6%. Händlern zufolge war von Spekulationen zu hören, wonach sich der Grossaktionär Viktor Vekselberg von weiteren Teilen seines Pakets trennen könnte. Der Russe Vekselberg ist von Sanktionen der USA betroffen.

Den Kontrapunkt setzten Abgaben in Talenthouse (THAG 0.1660 +0.00%), Achiko (ACHI 0.0424 -27.89%) oder Meyer Burger (MBTN 0.5720 -1.80%).

Wall Street im Aufwind

Starke Geschäftszahlen von Firmen wie Tesla geben der Wall Street Rückenwind. Die Leitindizes Dow Jones, Nasdaq und S&P 500 stiegen zur Eröffnung am Donnerstag um bis zu 1,6%. Dies sei aber nur eine Momentaufnahme, sagte Scott Brown, Chef-Volkswirt des Vermögensberaters Raymond James. Unter dem Strich verlaufe die Bilanzsaison bislang gemischt, wie die enttäuschenden Zahlen des Streamingdiensts Netflix (NFLX 249.30 +2.72%) zeigten. Ein weiterer Risikofaktor seien die steigenden Zinsen, die die Anleger im Auge behielten.

Dank eines Quartalsergebnisses über Markterwartungen legten die Aktien von Tesla (TSLA 900.09 +4.68%) gut 10% auf 1082 $ zu. Der Elektroautobauer meistere alle Schwierigkeiten mit Bravour, lobte Analyst Craig Irwin von der Investmentbank Roth. «Nichtsdestotrotz: Die Aktie ist angesichts der sich rasch nähernden ernsthaften Konkurrenz unerhört überbewertet. Tesla mag heute der Branchen-King sein, künftige Kursverluste sind aber nur eine Frage der Zeit.»

Die Titel von United Airline hoben ebenfalls ab und stiegen um 9,4%. Die Fluggesellschaft stellte für das laufende Quartal einen Rekordumsatz und einen Gewinn in Aussicht. Analysten hatten bislang einen Verlust von 0,21 $ je Aktie erwartet. Die Branche stehe nach den Pandemie-bedingten Einbussen in den vergangenen Jahren am Wendepunkt, sagte United-Chef Scott Kirby (KEX 67.80 +0.97%). Bei anderem Airlines stiegen Investoren ebenfalls ein. Delta und American gewannen bis zu 8,4%.

Euro steigt zu Dollar und Franken

Der Kurs des Euro ist am Donnerstag deutlich gestiegen. Signale der Europäischen Zentralbank (EZB) für eine Zinserhöhung im Juli trieben die Gemeinschaftswährung über 1,09 $. Der Euro erreichte bei 1,0936 $ den höchsten Stand seit Montag letzter Woche und notiert zuletzt bei 1,0917 $.

Auch zum Franken legte der Euro weiter zu. Das EUR/CHF-Währungspaar notierte zuletzt bei 1,0344 nach 1,0309 noch am frühen Morgen, im Tageshoch waren es gar 1,03725. Dies ist der Höchststand seit Ende März. Das USD/CHF-Paar ist derweil im Laufe des Morgens wieder unter die 0,95er-Marke gefallen und wurde zuletzt bei 0,9477 gehandelt.

In der Eurozone könnte eine erste Zinserhöhung im Kampf gegen die hohe Inflation früher als bisher gedacht erfolgen. Aus den Reihen der EZB kommen zahlreiche Signale für einen Zinsschritt im Sommer. «Ich sehe keinen Grund, warum wir unser Programm zum Kauf von Vermögenswerten nicht im Juli auslaufen lassen sollten», sagte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg. Aus heutiger Sicht sei dann auch eine Zinserhöhung im Juli möglich.

EZB-Ratsmitglied Pierre Wunsch äusserte sich etwa zeitgleich ganz ähnlich. Ein Zinsschritt im Juli sei «sicherlich ein Szenario, das ich in Betracht ziehen würde», sagte der Präsident der belgischen Notenbank ebenfalls in einem Bloomberg-Interview. Voraussetzung sei aber «eine weitere Inflationsüberraschung».

Ausschlaggebend für die Signale auf eine Zinserhöhung im Sommer dürfte die hohe Inflation im gemeinsamen Währungsraum sein. Im März stieg die Inflationsrate mit 7,4% auf den höchsten Stand seit der Euro-Einführung. Die Teuerung liegt damit viel höher als das von der EZB angepeilte Inflationsziel. Die Notenbank strebt mittelfristig eine Inflationsrate von 2% an.

Jack Allen-Reynolds, Volkswirt von Capital Economics für Europa, rechnet mit einem weiteren Anstieg der Inflation in der Eurozone. Dies dürfte die Verbraucherausgaben stark belasten. Er erwartet für dieses Jahr in der Region eine Stagflation, also eine Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und hoher Inflation.

Ölpreise steigen

Die Ölpreise sind am Donnerstag gestiegen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete gegen Mittag 108,33 $. Das waren 1,53 $ mehr als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI (WBS 91.98 -2.19%)) kletterte um 1,08 ,$ auf 103,27 $ nach oben.

Nach Einschätzung des Rohstoffexperten Carsten Fritsch von der Commerzbank (CBK 7.14 +3.36%) findet am Ölmarkt weiterhin ein Tauziehen zwischen Nachfragesorgen und der Furcht vor einem sinkenden Angebot statt. Damit sei das «ständige Hin und Her der Ölpreise» zu erklären. In den vergangenen Handelstagen war es zu starken Kursschwankungen gekommen, wobei die Folgen des Kriegs in der Ukraine und Massnahmen Chinas im Kampf gegen die Corona-Krise als stärkste Preistreiber gelten.

Fritsch verwies als Beleg für das sinkende Angebot unter anderem auf Daten des russischen Energieministeriums. Demnach lag die bisherige russische Produktionsmenge im April bei durchschnittlich 10,1 Mio. Barrel pro Tag. Das seien fest 10% weniger als im März.

Zuletzt sind ausserdem die US-Vorräte an Rohöl deutlich gefallen. Die Lagerbestände sanken in der vergangenen Woche nach Angaben der Regierung im Vergleich zur Vorwoche um 8,0 Mio. Barrel auf 413,7 Mio. Barrel. Analysten hatten hingegen einen Anstieg um 3,0 Mio. Barrel erwartet. Sinkende US-Ölreserven stützen in der Regel die Ölpreise.

USA

An Wallstreet haben die wichtigen Aktienindizes uneinheitlich geschlossen. Während der Dow Jones Industrial 0,7% auf 35’160,79 avancieren konnte, schloss der marktbreitere S&P 500 praktisch unverändert bei 4459,45. Der technologielastige Nasdaq Composite büsste 1,2% auf 13’453,07 ein.

Die Stimmung wurde vom Streamingdienst Netflix getrübt, der im abgelaufenen Quartal erstmals seit zehn Jahren einen Rückgang der Abonnenten verzeichnen musste. Die Aktien büssten über 35% an Wert ein. Dies zog andere Unternehmen aus der Unterhaltungs- und Streamingbranche in Mitleidenschaft. So verloren etwa die Valoren von Walt Disney 5,6%. Deutlich zulegen konnten dagegen die Titel des IT-Dienstleisters IBM. Quartalsergebnisse über den Erwartungen der Analysten sorgten für ein Kursplus von 7,1%.

Der Terminkontrakt auf den S&P 500 handelt am Donnerstagmorgen 0,5% im Plus, der Futures auf den Euro Stoxx 50 avanciert 0,6%.

Chinesische Börsen schwächeln

Die asiatischen Börsen können sich am Donnerstag auf keine gemeinsame Richtung einigen. Sorgen um die chinesische Wirtschaft hielten die Anleger in Festlandchina und Hongkong von Investitionen ab. Die Börse in Shanghai lag 0,7% im Minus. Der Index der wichtigsten Unternehmen in Shanghai und Shenzen verlor 0,5%.

China stand im Fokus der Anleger, nachdem es die Märkte am Mittwoch mit der unveränderten Beibehaltung der Leitzinsen überrascht hatte, obwohl die Regierung zugesichert hatte, die durch den jüngsten Corona-Ausbruch sich verlangsamende Wirtschaft zu stützen. «Die Festsetzung des CNY=PBOC spiegelte das Eingeständnis wider, dass die Dinge in China nicht glänzend laufen und sie etwas mehr Unterstützung brauchen», sagte Rob Carnell von ING Singapur.

Die Börse in Tokio hat sich zunächst stärker gezeigt. Der 225 Werte umfassende Nikkei-Index lag im Verlauf 1,2% höher bei 27.547 Punkten. Der breiter gefasste Topix-Index stieg um 0,6% und lag bei 1927 Punkten.

Im asiatischen Devisenhandel gewann der $ 0,5% auf 128,52 Yen und legte 0,1% auf 6,4280 Yuan zu. Zur Schweizer Währung notierte er 0,3% höher bei 0,9507 Fr. Parallel dazu fiel der Euro um 0,2% auf 1,0826 $ und notierte kaum verändert bei 1,0294 Fr. Das Pfund verlor 0,2% auf 1,3044 $.