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SNB-Entscheid setzt Börsen schwer zu

Der SNB-Kurswechsel erwischte die Anleger auf dem falschen Fuss – nicht nur in der Schweiz.

(AWP/Reuters) Eine unerwartet deutliche Zinserhöhung der Nationalbank hat den ohnehin fragilen Börsen in ganz Europa am Donnerstag schwer zugesetzt. Der hiesige Leitindex SMI (SMI 10'823.12 +3.54%) nahm – nach dem kurzen positiven Intermezzo vom Vortag – nach dem Zinsentscheid der Schweizerischen Nationalbank den Abwärtstrend mit voller Fahrt wieder auf.

Eine straffere Geldpolitik der Notenbanken von Hongkong, England und ganz überraschend auch der Schweiz habe den Investoren am Donnerstag die Risiken der weltweiten Inflation und die damit verbundene Gefahr einer Rezession erneut deutlich vor Augen geführt, hiess es am Markt. Bereits am Mittwochabend hatte auch die US-Notenbank Fed weiter an der Zinsschraube gedreht. Die Nervosität an den Märkten blieb hoch. Der VSMI legte am Donnerstag um 11% auf 25,83 Punkte zu.

Der SMI verlor ganze 2,86% auf 10’475,37 Punkte. Der SLI, in dem die 30 wichtigsten Aktien enthalten sind und die Schwergewichte stärker gekappt sind, sackte sogar um 3,61% auf 1613,42 Punkte ab. Der breite SPI (SXGE 13'945.94 +3.37%) gab 2,94% auf 13’462,99 Zähler ab. Sämtliche 30 SLI-Werte schlossen deutlich im Minus.

In einem Umfeld geldpolitischer Straffung vieler Notenbanken seien Aktien-Engagements nicht wirklich aussichtsreich, kommentierte ein Markexperte. «Zum einen führt die hohe Inflationsdynamik zu Konsumzurückhaltung und zum anderen zu sinkenden Margen bei den Unternehmen.» Bestenfalls komme es dann zu einer Stagflation, andernfalls stehe eine faustdicke Rezession vor der Tür.

Mit dem Zinsentscheid legte auch der Franken deutlich zu, was für die Schweizer Exportindustrie schmerzhaft ist. Der Euro fiel zum Franken deutlich auf unter 1,02 Fr. Der Dollar rutschte auf unter 0,97 Fr. ab.

Besonders stark verkauft wurden Wachstums- und Technologiewerte, bei denen sich höhere Zinsen am stärksten bemerkbar machten, hiess es im Handel. Und auch Unternehmen mit einer hohen Nettoverschuldung wurden überdurchschnittlich stark abgestraft. Grösste Verlierer waren etwa AMS Osram (AMS 9.33 +4.10%), Sonova (SOON 309.00 +2.45%) oder Straumann (STMN 110.15 +6.48%).

Auch die Finanzwerte, denen ansonsten nachgesagt wird, sie profitierten von höheren Zinsen, konnten sich dem Negativtrend am Donnerstag nicht entziehen. Die Aktien von Swiss Life (SLHN 472.00 +2.56%), Swiss Re (SREN 75.12 +2.96%), Partners Group (PGHN 895.00 +3.76%) und Zurich Insurance (ZURN 418.00 +4.21%) fielen kräftig. Bei Swiss Re belastete den Kurs zusätzlich noch eine Verkaufsempfehlung der UBS (UBSG 16.00 +6.03%).

Unter die Räder kamen auch die Aktien der Grossbanken UBS und Credit Suisse (CSGN 5.72 +5.15%). Dabei dürfte der von der SNB veröffentlichte «Bericht zur Finanzstabilität» den Kurs kaum zusätzlich beeinflusst haben, hiess es. Die Kapitalposition der zwei Grossbanken hat sich der Notenbank zufolge zwar weiter verbessert, allerdings ist das Verlustpotenzial in einem Stressszenario weiterhin substanziell.

Die Aktien der Luxusgüterhersteller Richemont (CFR 102.15 +4.28%) und Swatch Group (UHR 232.40 +4.68%) standen ebenso stark unter Druck.

Am wenigsten schlecht schlugen sich derweil noch defensiv taxierte Aktien wie die Schwergewichte Nestlé (NESN 111.64 +2.91%), Roche GS (ROG 318.80 +4.08%) und Novartis  sowie Swisscom (SCMN 522.40 +1.67%). «Die Anleger suchen sichere Werte», sagte ein Händler.

Am breiten Markt sackten Autoneum (AUTN 95.90 +0.63%) um weitere fast 15% ein. Der Autozulieferer hatte am Vortag eine Gewinnwarnung abgesetzt und in einem festeren Gesamtmarkt bereits am Mittwoch 3% verloren. Am Donnerstag reduzierte Kepler Cheuvreux im Nachgang der Gewinnwarnung das Kursziel. Auch Medacta (MOVE 95.00 +2.81%) zeigten sich nach einer Kurszielreduktion durch die Credit Suisse besonders belastet.

Dufry (DUFN 35.07 +2.04%) mussten ebenfalls deutlich Federn lassen. Händler verwiesen bei dem hochverschuldeten Reisedetailhandelskonzern auf eine Angst vor steigenden Fremdkapitalkosten im Zuge der steigenden Zinsen. Ausserdem zähle das Unternehmen nach dem überraschenden SNB-Zinsentscheid zu den Verlierern des erstarkten Frankens, hiess es.

Zu den sehr wenigen Gewinnern am Schweizer Aktienmarkt zählten hingegen etwa Hochdorf (HOCN 38.20 +0.00%), Xlife Sciences (XLS 29.70 -6.31%) und Schlatter (STRN 27.80 -5.44%).

Rezessionsangst macht Wall Street zu schaffen

Die Kursgewinne vom Vortag nach der Zinserhöhung in den USA sind nur einen Tag später auch dort schon wieder Makulatur. Eine straffere Geldpolitik der Notenbanken von Hongkong, England und ganz überraschend auch der Schweiz haben den Investoren am Donnerstag die Risiken der weltweiten Inflation und die damit verbundene Gefahr einer Rezession erneut deutlich vor Augen geführt.

In diesem für Aktien schlechten Umfeld büsste der Dow Jones Industrial im frühen Handel 2,20% auf 29’993 Punkte ein und fiel unter die 30’000er Marke auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2021. Der marktbreite S&P 500 verlor 2,64% auf 3690 Zähler. Der technologielastige Nasdaq 100 (NDX 12'105.85 +3.49%) sackte um 2,93% auf 11’254 Punkte ab.

Franken zieht an

Der Franken hat am Donnerstag nach der unerwartet starken Zinserhöhung der Schweizerischen Nationalbank (SNB (SNBN 6'580.00 -0.30%)) sowohl zum Euro als auch zum Dollar deutlich angezogen. So kostet ein Euro derzeit nur noch 1,0162 Fr. und damit deutlich weniger als am Morgen vor dem Zinsschritt mit 1,0390. Derweil hat sich auch der Dollar auf 0,9693 Fr. von 0,9960 Fr. verbilligt.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat mit ihrer deutlichen Zinserhöhung die Finanzmärkte verunsichert. Die Notenbank erhöhte den Leitzins um 0,50 Prozentpunkte auf minus 0,25%. Damit wollen die Währungshüter dem inflationären Druck entgegenwirken, teilte die SNB mit. Volkswirte hatten überwiegend nicht mit der Anhebung gerechnet.

Der Euro hat am Donnerstag derweil gegenüber dem Dollar zeitweise Verluste wett gemacht. Am Nachmittag kostete die Gemeinschaftswährung 1,0485 $. Am Mittag war sie noch unter 1,04% gefallen.

Der Euro wurde zeitweise durch starke Sorgen um die Energieversorung belastet. Der russische Energiekonzern Gazprom (OGZPY 1.10 -46.60%) hat wie angekündigt in der Nacht zum Donnerstag seine Gaslieferungen nach Deutschland durch die Ostseepipeline Nord Stream weiter reduziert. Russland hat zudem auch die Lieferungen an Italien, Frankreich und Österreich gesenkt. Die europäischen Gaspreise stiegen um über 22%. Europa ist besonders stark von russischer Energie abhängig.

Nach schwachen US-Konjunkturdaten erholte sich der Euro jedoch. So gingen die Baubeginne- und Baugenehmigungen im Mai stark zurück. Auch der regionale Frühindikator für die Region Philadelphia trübte sich überraschend ein. Zudem blieben Daten von Arbeitsmarkt etwas hinter den Erwartungen zurück.

Das britische Pfund geriet zwischenzeitlich zu Euro und Dollar unter Druck. Hier erhöhte die Notenbank den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 1,25%. Dies war von Volkswirten erwartet worden. Offenbar aber haben einige Finanzmarktakteure mit einer stärkeren Erhöhung gerechnet.

Am Vorabend hatten die Finanzmärkte noch gelassen auf die Zinserhöhung der US-Notenbank Fed reagiert. Die Fed hatte ihren Leitzins um 0,75 Punkte angehoben. Dies war der grösste Zinsschritt seit 1994. Zwar war eine Mehrheit der Experten von einem Schritt von nur 0,50 Punkte ausgegangen, allerdings war an den Finanzmärkten ein grösserer Schritt schon eingepreist worden.

Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,85550 (0,86328) britische Pfund und 138,24 (140,49) japanische Yen fest.

Ölpreise geben nach – Erdgaspreise steigen deutlich

Die Ölpreise sind am Donnerstag angesichts der trüben Stimmung an den Finanzmärkten gefallen. Zuletzt kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 117,67 $. Das waren 87 Cent weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI (WBS 117.46 +2.28%)) fiel um 55 Cent auf 114,77 $. Im frühen Handel hatten die Ölpreise noch zugelegt.

Die deutlichen Kursverluste an den Aktienmärkten belasten auch die Ölpreise. Die Stimmung hat sich stark eingetrübt, nachdem die überraschende Zinserhöhung der Schweizer Nationalbank (SNB) die Märkte verunsichert hat. Eine restriktivere Geldpolitik belastet die Konjunktur und damit auch die Nachfrage nach Rohöl. Die Märkte warten jetzt auf die Entscheidung der britischen Notenbank. Hier wird eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte erwartet.

Am Vortag hatten die Ölmärkte noch gelassen auf die Zinserhöhung der US-Notenbank reagiert. Die Fed hatte ihren Leitzins um 0,75 Prozentpunkte angehoben. Dies war der grösste Schritt seit 1994. Zwar war eine Mehrheit der Experten von von 0,50 Punkten ausgegangen, allerdings war an den Finanzmärkten ein grösserer Schritt schon eingepreist worden.

Unterdessen sind die Gaspreise deutlich gestiegen. Der russische Energiekonzern Gazprom hat wie angekündigt seine Gaslieferungen nach Deutschland durch die Ostseepipeline Nord Stream weiter reduziert. Russland hat zudem auch die Lieferungen an Italien, Frankreich und Österreich gesenkt. Europa ist besonders stark von russischer Energie abhängig. Der viel beachtete niederländische Erdgas-Futures TTF stieg um 15% auf 133 € je Megawattstunde.

Bitcoin fällt erneut

Nach einem kurzen Stabilisierungsversuch nehmen Krypotwährungen ihre Talfahrt wieder auf. Bitcoin rutscht erneut unter die Marke von 21’000 $ und verliert 3,7% auf 20’833,42 $. Ethereum verbilligt sich um mehr als 7% auf 1091 $. «Die Sorgen rund um Celsius Network schweben weiterhin wie ein Damoklesschwert über Bitcoin und Co», sagt Timo Emden von Emden Research. Das Krypto-Kreditunternehmen hatte jüngst in Folge der jüngsten Kurs-Turbulenzen am Markt Überweisungen und Transfers ausgesetzt. Es wachse die Furcht, dass weitere Unternehmen betroffen sein könnten.

 

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