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SNB baut Beteiligungen in US-Aktien erstmals ab

Die Nationalbank hat mit ihren Devisenreserven bislang im grossen Stil amerikanische Aktien gekauft. Überraschend trimmt sie ihr Engagement jetzt plötzlich.

Christoph Gisiger und Philippe Béguelin

Die Schweizerische Nationalbank (SNB (SNBN 4900 0.82%)) war an den US-Börsen lange ein zuverlässiger Käufer. Obschon es in den vergangenen Jahren mehrfach zu Kursturbulenzen gekommen ist, haben die Währungshüter ihr Engagement in Titeln wie Apple (AAPL 206.5 2.36%), ExxonMobil (XOM 68.3 1.56%) und Procter & Gamble (PG 119.18 1.52%) stetig ausgebaut.

Jetzt hat der Trend erstmals gedreht: Wie aus den am Freitag veröffentlichten Unterlagen für die Börsenaufsicht SEC hervorgeht, umfassen die US-Aktienbeteiligungen der Nationalbank per Ende März neu noch 82 Mrd. $. Das sind gut 10 Mrd. $ oder 11% weniger als zum Stand per Ende 2017.

Der Rückgang ist umso überraschender, weil das Portfolio früher jeweils im ersten Quartal den grössten Zuwachs verzeichnete. Dass es nun plötzlich geschrumpft ist, hat mit zwei Faktoren zu tun: Erstens haben die Börsen im Berichtszeitraum generell etwas schwächer tendiert. Der Russell 3000 etwa, der den breiten Markt abbildet, hat in den ersten drei Monaten des Jahres gut 1% an Wert verloren.

Zweitens haben die Schweizer Währungshüter zum ersten Mal Aktien veräussert. Umfasste das US-Portfolio per Ende Dezember insgesamt 1’401’561’119 Titel, sind es per Ende März 1’286’840’358. Demnach ist die Stückzahl um annähernd 115 Mio. zurückgegangen. Zu welchem Preis die SNB verkauft hat, lässt sich nicht eruieren. Insgesamt ist sie an rund 2500 Unternehmen an der US-Börse beteiligt.

Die gleiche Entwicklung lässt sich beobachten, wenn man die grössten Positionen im Portfolio analysiert. Apple macht mit knapp 2,8 Mrd. $ zwar weiterhin die mit Abstand grösste Beteiligung aus. Auch hier hat sich der Wert im ersten Quartal aber um rund 500 Mio. $ reduziert. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil der legendäre US-Investor Warren Buffett am Freitag einen deutlichen Ausbau seiner Beteiligung an Apple publik gemacht hat.

Ebenso hat die SNB andere wichtige Positionen wie Alphabet, Facebook (FB 183.7 0.61%) oder AT&T (T 34.97 1.83%) im Vergleich zu Ende Dezember getrimmt. Relativ betrachtet hat sich die Rangliste der fünfzehn grössten Engagements deshalb nur wenig verändert.


Devisenanlagen verlieren an Wert

Nicht nur bei den US-Aktien ist das Anlagevolumen gesunken. Von Ende Dezember bis Ende März verringerte sich das weltweite Aktienportefeuille der SNB von 166 auf 154 Mrd. Fr. Auch der Gesamtwert der Devisenanlagen in der SNB-Bilanz, bestehend aus 20% Aktien und 80% Anleihen, hat abgenommen. Er ist von 790 Mrd. Fr. im Dezember auf 768 Mrd. per Ende März gesunken.

Ursache des Rückgangs sind Kursveränderungen sowohl der Wertschriften als auch der Währungen. Die SNB hat bislang keine Absicht geäussert, ihre Bilanz aktiv abzubauen, indem sie in grossem Umfang Aktien und Anleihen verkauft.

SNB will ihre Bilanz nicht aktiv verkleinern

Dazu sagte Nationalbankpräsident Thomas Jordan im vergangenen September im FuW-Interview: «Wir haben keine Notwendigkeit und keine Absicht, in der gegenwärtigen Situation unsere Bilanz zu kürzen.» Es gebe auch Raum, die Bilanz nötigenfalls weiter auszudehnen. Die SNB wolle die Wirkung ihrer Geldpolitik nicht gefährden, indem sie eine Änderung vornehme.

Jordan bestätigte dies, nachdem der Franken-Euro-Kurs am 19. April erstmals wieder über den früheren Mindestkurs von 1.20 Fr./€ gestiegen war: Die SNB habe es «nicht eilig», ihre Geldpolitik anzupassen. Der Franken sei immer noch ein sicherer Hafen. Die Situation bleibe «fragil» und anfällig für Veränderungen von einem Tag auf den anderen, «also bleiben wir sehr vorsichtig».

Wenn die Nationalbank ihre Strategie nicht geändert hat, dann ist der Verkauf der US-Aktien kein gezielter Abbau der Bilanz, sondern eine Umschichtung (Rebalancing). Nach Kursbewegungen der Wertschriften hat die SNB womöglich den Anteil der Aktien an den gesamten Devisenanlagen wieder auf 20% gesetzt, oder sie hat die Gewichtung innerhalb ihres globalen Aktienportefeuilles angepasst.

Passiv anlegen statt Stock Picking

Mit ihren Aktieninvestments macht die SNB die Bewegungen an den Börsen fast eins zu eins mit: Sie verfolgt eine passive Anlagestrategie, die sich am jeweiligen Referenzindex eines Landes orientiert. Die Nationalbank erklärt dazu, sie investiere weltweit diversifiziert und indexnah. Ihr Portfolio decke rund 90% des globalen Aktienmarktes ab. Sie betreibt also keine aktive Auswahl von Einzelaktien (Stock Picking).

Im Geschäftsbericht begründet die Nationalbank die passive Strategie: «Dadurch wird die Anlagepolitik vor politischen Überlegungen abgeschirmt und der Einfluss auf einzelne Märkte möglichst gering gehalten.»

Fremdwährungsbestand ist grösser als das BIP

Ziel des Erwerbs von Aktien und Anleihen in fremder Währung ist, den Franken zu schwächen. Der Wert dieses Devisenbestands in der SNB-Bilanz schwankt also mit den Kursveränderungen der Wertschriften und mit den Wechselkursen des Frankens zu Euro, Dollar, Yen, Pfund und weiteren Anlagewährungen.

Weil die Nationalbank auch nach der Aufgabe des Euromindestkurses im Januar 2015 immer wieder am Devisenmarkt eingegriffen hat, hat der Fremdwährungsbestand weiter zugenommen. Seit Sommer 2017 hat sie jedoch angesichts des steigenden Franken-Euro-Kurses kaum mehr interveniert.

Insgesamt haben die Devisenanlagen seit der Mindestkursaufgabe 51% zugenommen, von 510 auf 768 Mrd. Fr. Diese Summe ist deutlich höher als das jährliche Bruttoinlandprodukt der Schweiz von 670 Mrd. Fr.

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