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SNB bereitet eine Zukunft mit Negativzinsen vor

Die Schweizerische Nationalbank belässt den Leitzins auf –0,75% und schraubt dafür an den Ausnahmeregelungen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Andreas Neinhaus.

«Die Phase extrem tiefer Leitzinsen wird noch lange anhalten. Alle führenden Notenbanken richten sich darauf ein und schaffen dafür gegenwärtig die Rahmenbedingungen.»

Die Schweizerische Nationalbank (SNB (SNBN 5680 0%)) ist an ihrer geldpolitischen Quartalssitzung den Hütern des Euros in Frankfurt nicht gefolgt. Diese hatten vor einer Woche den Leitzins noch weiter unter null geschoben. Um die Zinsdifferenz aufrechtzuerhalten und damit eine Aufwertung des Frankens zum Euro zu vermeiden, hätte die SNB logischerweise den Leitzins ebenfalls senken müssen. Aber das hat sie unterlassen. Sie belässt ihn auf –0,75%.

Tatsächlich hatte der Franken nur wenig auf den engeren Zinsabstand reagiert. Es bestand also kein akuter Handlungsbedarf an der Zinsfront. Zudem ist nicht geklärt, wie sich Zinsdifferenzen in der Praxis auf den Wechselkurs auswirken, wenn in beiden Währungsräumen negative Zinsen vorherrschen. Die Lehre geht dabei vom Normalzustand aus, dass der Zins positiv ist und man damit Geld verdient. Aber das ist ja längst Vergangenheit.

Auch wenn die SNB anders als die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins nicht gesenkt hat, klingt der heutige Beschluss wie ein Echo auf die Vorgaben aus Frankfurt. Die Phase extrem tiefer Leitzinsen wird noch lange anhalten. Alle führenden Notenbanken richten sich darauf ein und schaffen dafür gegenwärtig die Rahmenbedingungen. EZB-Chef Mario Draghi wurde letzte Woche von Journalisten nach den unerwünschten Nebeneffekten der Minuszinspolitik gefragt. Er antwortete, dass solche Kollateralschäden, sollten sie auftreten, mit gezielten makroprudenziellen Regelungen bekämpft würden. Aber die Politik der Negativzinsen werde deshalb nicht geändert. Draghi hat damit das Motto ausgegeben, von dem sich die Zentralbanken in den kommenden Monaten und wahrscheinlich Jahren werden leiten lassen: tiefe und negative Zinsen, komme, was wolle. Ausnahmeregeln sollen Härtefälle vermeiden.

Die Anpassung der Berechnung des Freibetrags für Banken steht in diesem Zusammenhang. Die SNB hat zwar nicht den Leitzins um einen Viertelprozentpunkt gesenkt, aber dafür den Freibetragsfaktor um ein Viertel erhöht. Ab November wird er 25 statt 20 betragen. Sie will ihn künftig flexibel berechnen und bei Bedarf anpassen, «um auch in Zukunft den geldpolitischen Handlungsspielraum sicherzustellen», wie sie schreibt. Denn der SNB schwant Schlimmes: Ihr Ökonomenstab hat die Inflationsprognose noch einmal drastisch gesenkt. Anfang 2022 wird die Teuerungsrate in der Schweiz nicht wie bisher gedacht auf 1,5% gestiegen sein, sondern nur 0,9% betragen. Der Horizont für eine Zinswende verschiebt sich immer weiter in die Zukunft.

Die Negativzinsbelastung solle auf das Nötige beschränkt werden, ist im Communiqué hierzu nachzulesen. Dass dies genügt, um die Kollateralschäden einer endlosen Politik negativer Zinsen auszugleichen, ist zu hoffen. Aber es bestehen grosse Zweifel.

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