Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Schweizerische Nationalbank
Märkte / Makro

SNB-Jordan: Warum wir den Mindestkurs aufgegeben haben

Der Nationalbankpräsident nutzt einen Vortrag in Brüssel, um über die Hintergründe des spektakulären Entscheids vom 15. Januar zu informieren.

Knapp drei Wochen sind vergangen, seit die Schweizerische Nationalbank (SNB (SNBN 6'160.00 +2.33%)) den Mindestkurs von 1.20 Fr. zum Euro aufgegeben hat. Der Schock ist vorüber. Selbst der Wechselkurs hat sich etwas erholt. SNB-Chef Thomas Jordan nutzte am Dienstag einen Auftritt an der Université libre in Brüssel und warb um Verständnis für den spektakulären Entscheid.

Seine Ausführungen unterstreichen allerdings den Eindruck, dass die SNB unter dem Spekulationsdruck des Marktes aus ihrer Währungspolitik herauskatapultiert wurde. Jordan verweist auf den Dollar-Euro-Kurs als Auslöser. Weil die Europäische Zentralbank sich auf ihre QE-Politik vorbereitete, habe die Spekulation auf den Mindestkurs von 1.20 Fr./€ Anfang Januar stark zugenommen – «vor allem in den letzten Tagen, was zu dem SNB-Entscheid vom 15. Januar führte», wie Jordan gemäss englischem Redetext zusammenfasst.

Der Markt war stärker

Die Nationalbank habe keine andere Wahl gehabt, als ihre Politik zu unterbrechen, argumentiert der Notenbankchef. Andernfalls wäre sie Gefahr gelaufen, «die Kontrolle über ihre Bilanz zu verlieren». Damit hätte sie ihre stabilitätsorientierte Politik aufs Spiel gesetzt.

Jordan gibt auch zu, dass die Abwehrmassnahmen gegen die Spekulationsattacken leicht dazu hätten führen können, dass sich die Notenbankbilanz innerhalb weniger Wochen verdoppelt hätte. «Wir hätten dann den Mindestkurs trotzdem aufgeben müssen, nur unter noch viel grösserem Druck, mit all den Folgen für unsere Bilanz und die Schweiz», erklärt er. Die Kosten, um den Mindestkurs zu halten, hätten nicht im Verhältnis gestanden zum Nutzen der Kursuntergrenze.

Dass man sie so überraschend freigegeben habe, liege in der Natur der Sache. Einen Ausstieg aus der Wechselkurspolitik könne man nicht ankündigen, weil man sonst nur Spekulationsattacken anziehe, wiederholte Jordan am Dienstag. Weshalb dies hingegen in der Zinspolitik möglich ist und dank Forward Guidance inzwischen sogar fast überall angewendet wird, erläuterte der Schweizer leider nicht näher.

Die Schweiz ist unabhängig, aber verflochten

Jordan titelte seinen Vortrag «Zwischen Unabhängigkeit und Verflechtung». Für eine kleine, offene Volkswirtschaft sei das internationale Umfeld eine Quelle sowohl für Chancen als auch für destabilisierende Schocks, wie das Ende der Mindestkurspolitik aufzeige. Der Franken bleibe deutlich überbewertet und stelle die Schweizer Wirtschaft vor viele Herausforderungen. Jordan verweist auf die strukturellen Stärken, wie den flexiblen Arbeitsmarkt, die Innovation und die Diversifikation der Exporte sowie die gesunden Staatsfinanzen. Die Schweizer Wirtschaft müsse heute mehr denn je auf diese Stärken und auf die Flexibilität bauen, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit und damit den Wohlstand des Landes zu bewahren.

Der SNB-Präsident versprach in Brüssel, dass die Notenbank die Wechselkurssituation im Auge behalte. Bei Bedarf werde sie am Devisenmarkt aktiv bleiben, um die monetären Bedingungen zu beeinflussen. Solche Zusicherungen sind seit den Ereignissen rund um den 15. Januar leider mit dem gebührenden Zweifel zu versehen: Interventionen führen nur an Schönwettertagen zum Erfolg; sobald ein Sturm aufzieht, wird die Nationalbank manövrierunfähig.