Märkte / Aktien

SNB spielt an Wallstreet auf Risiko

Die Nationalbank kauft mit ihren Devisenreserven immer mehr amerikanische Aktien. Wie der Mini-Crash an Wallstreet zeigt, wächst damit auch die Gefahr eines happigen Verlusts.

Christoph Gisiger und Philippe Béguelin

Die Börsen sind unberechenbar. Das hat der Kurssturz an Wallstreet zu Beginn dieser Woche einmal mehr in Erinnerung gerufen. Diesem Risiko setzt sich auch die Schweizerische Nationalbank aus, deren Portfolio an amerikanischen Aktien mit jedem Quartal um Milliarden von Dollar wächst.

Wie aus am Mittwoch veröffentlichten Unterlagen für die Börsenaufsicht SEC hervorgeht, umfassen die US-Aktienbeteiligungen der Nationalbank per Ende 2017 gut 92,6 Mrd. $. Das ist ein Zuwachs von annähernd 5 Mrd. $ verglichen mit dem Stand zum Ende des dritten Quartals.

Dass die Aktienbeteiligungen der Nationalbank immer massivere Dimensionen annehmen, hat mit zwei Faktoren zu tun: Erstens sind die Kurse an den Börsen im vierten Quartal kräftig gestiegen. Zweitens kauft die SNB fortwährend Aktien hinzu. So hat die Anzahl Titel im Portfolio seit Ende Oktober um weitere 1,6 Mio. auf insgesamt 1’401’561’119 zugenommen.

Klumpenrisiko im IT-Sektor

Solange die Kurse steigen, ist das kein Problem. Je mehr das Portfolio aber wächst, desto happiger wird der Verlust, wenn der Aufwärtstrend an den Börsen einmal kehrt. Im Zug der jüngsten Korrektur hatte der US-Leitindex S&P 500 zwischenzeitlich fast 8% zum Höchst von Ende Januar eingebüsst. Die SNB hätte auf Basis ihrer Beteiligungen von Ende 2017 demnach in wenigen Tagen rund 7 Mrd. $ verloren.

Ein kurzer Blick auf die einzelnen Beteiligungen zeigt ein weiteres Risiko: Mit Apple, dem Google-Mutterhaus Alphabet, Microsoft, Amazon und Facebook sind die fünf grössten Engagements alle im Technologiesektor. Nur schon die Beteiligung an Apple beläuft sich inzwischen auf gut 3,2 Mrd. $, womit die SNB – wie auch die Norges Bank aus Norwegen – zu den fünfundzwanzig grössten Aktionären des Technologieriesen aus dem Silicon Valley zählt.

Die Nationalbank geht das Klumpenrisiko im IT-Sektor nicht durch eine aktive Auswahl von Einzelaktien ein (Stock Picking). Vielmehr verfolgt sie eine passive Anlagestrategie, die sich am jeweiligen Referenzindex eines Landes orientiert. Die SNB erklärt dazu, sie investiere weltweit diversifiziert und indexnah, und ihr Portfolio decke rund 90% des globalen Aktienmarktes ab.

Engagements rund um den Globus

Im Geschäftsbericht erläutert die Nationalbank dazu: «Dadurch wird die Anlagepolitik vor politischen Überlegungen abgeschirmt und der Einfluss auf einzelne Märkte möglichst gering gehalten.» Der weltweite Aktienbestand der SNB hatte per Ende Dezember einen Wert von 166 Mrd. Fr. Er macht 21% ihrer gesamten Devisenanlagen aus. 79% davon sind in Anleihen mit hoher Bonität investiert.

Die SNB kauft Fremdwährungsanlagen, um den Franken zu schwächen. Der Wert dieses Devisenbestands in der SNB-Bilanz schwankt mit den Wechselkursen des Frankens zu Euro, Dollar, Yen, Pfund und weiteren Anlagewährungen. Dazu kommen die Kursschwankungen der Aktien und Anleihen.

Darüber hinaus intervenierte die Nationalbank auch nach der Aufgabe des Euromindestkurses im Januar 2015 immer wieder am Devisenmarkt. Ab Sommer 2017 hat sie das angesichts des steigenden Franken-Euro- Wechselkurses allerdings kaum mehr getan.

Mit den Kursveränderungen der Währungen und Wertschriften sowie den Interventionen am Devisenmarkt hat der Bestand der Fremdwährungsanlagen in der SNB-Bilanz seit der Mindestkursaufgabe 55% zugenommen, von 510 auf 790 Mrd. Fr. Diese Summe ist mehr als das jährliche Bruttoinlandprodukt der Schweiz.

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