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Märkte / Makro

SNB sucht neuen Referenzzins

Seine Tage sind gezählt: Der Libor wird abgelöst. Das stellt auch die Schweizerische Nationalbank vor eine Herausforderung.

(AWP) Am Donnerstag gibt die Schweizerische Nationalbank ihren Zinsentscheid bekannt. Dabei dürfte sie die Leitzinsen, beziehungsweise das Zielband für den Drei-Monats-Libor unverändert belassen. Gedanken muss sie sich zudem machen zu einem Ersatz für den Referenzzinssatz Libor: Seine Tage sind gezählt.

An der Londoner Interbank Offering Rate – kurz Libor – orientieren sich Banken weltweit bei der Berechnung von Krediten, Hypotheken, Sparkonten, Anleihen und Derivaten. Vom Libor hängen direkt und indirekt Transaktionen an den Finanzmärkten im Wert von 450 Bio. $ ab. Berechnet wird der Zinssatz für verschiedene Währungen, auch den Franken.

Weil der Libor wirtschaftlich so bedeutend ist, orientiert sich auch die Schweizer Nationalbank (SNB (SNBN 3890 1.2%)) am Libor für ihre Geldpolitik: Mit seiner Hilfe überwacht und steuert sie das Zinsniveau in der Schweiz. Die Beeinflussung der Zinsen ist ein Instrument der Notenbanken, um die Preise gemäss ihrem Auftrag stabil zu halten.

Die SNB legt ein Zielband für den Dreimonats-Franken-Libor fest, der die Zinskonditionen für Frankenkredite mit dreimonatiger Laufzeit anzeigt. Den Libor selbst kann sie nicht direkt steuern, da die Banken die Zinssätze unter sich ausmachen.

Die Währungshüter beeinflussen aber das Zinsniveau über eigene Geldmarktgeschäfte mit den Banken. Wenn sie diesen beispielsweise mehr Liquidität zu günstigen Konditionen zur Verfügung stellt, sinken auch die Zinsen im Interbankengeschäft und damit der Libor und die von ihm abhängenden Zinssätze.

Manipulationen durch Banken

Das Problem: Die Datenbasis für den Libor ist dürftig. Im Kern meldet eine Auswahl international tätiger Banken täglich nach London, für wie viel Zins sie von anderen Banken Geld aufnehmen können. Von diesen Werten werden die tiefsten und höchsten gestrichen, dann wird der Mittelwert der Restlichen berechnet.

Dadurch können die Banken tricksen. Wie im Gefolge der Finanzkrise ans Licht kam, haben sie das auch in grossem Stil getan, um Handelsgewinne einzustreichen – darunter etwa die Schweizer Grossbank UBS (UBSG 16.98 0.18%).

Das mussten die Bank mit teuren Geldstrafen büssen. Doch davor, den Libor zu ersetzen, drückte sich die Branche lange. Der Grund dafür ist simpel: «Der häufigste Grund für die Nutzung des Libors ist, dass andere den Libor bereits nutzen und alternative Referenzzinssätze noch zu wenig etabliert sind», sagte Andrew Bailey, Chef der britischen Finanzmarktaufsicht und damit auch Aufseherin über den Libor, in einer Rede Ende Juli zur Zukunft des Libors.

Finanzkrise entzog Libor Basis

Statt den Libor abzulösen, versuchte man ihn deshalb zu verbessern. Doch die Bemühungen, den Libor auf solidere Datenfüsse zu stellen, sind gescheitert. Denn nach der Finanzkrise brachen die Geschäfte ein, auf die sich der Libor bezieht.

Dabei geht es um die unbesicherten Geldgeschäfte. Früher liehen sich Banken bevorzugt auf diese Art und Weise gegenseitig auf Vertrauensbasis Liquidität. Im Gegensatz zu besicherten Geschäften erhält der Geldgeber keine Wertpapiere als Sicherheit. Doch die Finanzkrise störte das gegenseitige Vertrauen, was zu einer Verlagerung zu besicherten Geldgeschäften führte.

Deshalb gibt es zu wenig Marktdaten zur Berechnung des Libor und so müssen noch immer die weniger verlässlichen Einschätzungen herangezogen werden. Nun zieht die FCA die Reissleine: Sie will die Banken nur noch bis 2021 verpflichten, an der Umfrage zur Berechnung des Libor teilzunehmen. Danach könnte der Libor zwar fortbestehen, sofern genug Banken mitmachen, sein Überleben ist jedoch nicht mehr garantiert – es muss eine Alternative her.

Eigene Referenzzinssätze seit 2009

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat gemeinsam mit der Finanzinfrastrukturbetreiberin SIX bereits 2009 alternative Referenzzinssätze eingeführt. Diese basieren auf besicherten Geschäften und werden aufgrund tatsächlicher Transaktionen über die von der SIX betriebene Handelsplattform berechnet.

Der Tagesgeldsatz Saron (kurz für Swiss Average Rate Overnight) löst Ende Jahr das Tois-Fixing ab, das etwa zur Berechnung von Zinsderivaten verwendet wird und ähnlich wie der Libor aufgrund von Schätzungen der Banken berechnet wurde.

Christian Bahr, Leiter Marktdaten und Analyse bei der SIX Swiss Exchange bezeichnet die Verfügbarkeit des Saron seit 2009 als «ideal» für das jetzige Umfeld und die anstehenden Veränderungen. Nicht alle Länder könnten schon auf eine erprobte Alternative zurückgreifen. «Das Potenzial ist da, dass der Saron nicht nur den Tois, sondern auch den Libor auf dem Frankenmarkt ablösen könnte.» Obwohl der Libor unbesicherte und der Saron besicherte Geschäfte misst, haben sich beide ähnlich entwickelt. Für Bahr ein weiterer Grund, weshalb der Saron der Referenzsatz der Zukunft sein könnte.

Welche Lösungen sich international durchsetzen, ist allerdings noch einmal ein anderes Thema. «Man muss regionale Besonderheiten berücksichtigen, weshalb es wohl nicht nur einen Index oder ein Konzept geben wird», sagt Bahr. So funktioniert auch der Geldmarkt nicht überall gleich. In Grossbritannien bringt die Notenbank etwa den Tagesgeldsatz Sonia (Sterling Overnight Index Average) für das Pfund als Libor-Alternative in Stellung.

Eine weitere Alternative für den Frankenmarkt neben dem Saron ist indes nicht in Sicht. Ob sich die SNB künftig am Saron orientieren will, lässt die Nationalbank bislang offen. Zwar würde sie sich dadurch wichtigen Zentralbanken wie der US-Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank (EZB) angleichen, die sich auf Tagesgeldsätze statt wie die SNB heute auf den Dreimonats-Satz abstützen.

Entscheidend dürfte aber wohl sein, ob der Saron von der Finanzindustrie als Ersatz für den Franken-Libor anerkannt wird und sich auf dem Markt durchsetzen kann. Derzeit arbeiten diverse Arbeitsgruppen – darunter eine nationale in der Schweiz – an den Reformen der Referenzzinssätze sowie an möglichen Libor-Ersatzsätzen.