Unternehmen / Gesundheit

Sonova setzt auf zweites Wunder

Analyse | Das Nachfolgegerät von Marvel soll an dessen Erfolg anknüpfen und die Konkurrenz auf Distanz halten.

Der Markt für Hörgeräte gilt als verhältnismässig widerstandsfähig gegen Konjunkturschwankungen. Doch die Viruspandemie hat die Nachfrage einknicken lassen. Normalerweise wächst das Volumen 4 bis 6% pro Jahr. In den ersten sechs Monaten 2020, schätzt der dänische Hersteller Demant, ist der Markt 30% geschrumpft.

Demant hat für das erste Semester im Bereich Hörhilfen einen Umsatzrückgang im selben Ausmass gemeldet. GN Store Nord, ebenfalls Dänemark, verbuchte gar 54% weniger Einnahmen in diesem Segment. Einen grossen Teil machte das ­Audiogeschäft mit Kopfhörern wett, das vom Trend zum Heimbüro boomartig profitiert – was den Aktienkurs beflügelte.

Marktanteil zurückerobert

Auch die Sonova-Aktien notieren mittlerweile über dem Stand von Anfang Jahr. Der Hörgeräteanbieter aus dem zür­cherischen Stäfa hat vergangene Woche von einer sich erstaunlich rasch erho­lenden Nachfrage berichtet. Für das zweite Semester des Ende März ­ab­geschlossenen Geschäftsjahres 2020/21 rechnet das Management mit einem währungsbereinigten Wachstum von 4 bis 8% und einer Steigerung des Betriebsgewinns auf Stufe Ebita von 20 bis 30%.

Die Marketingausgaben im September erreichten fast wieder Vor-Covid-Niveau. Ein Grund dafür: die Lancierung der neuen Hörgerätlinie Phonak Paradise. Sie kommt gut zwei Jahre nach dem Eintritt der Vorgängerin namens Marvel (deutsch: Wunder) in den Verkaufsladen. Mit Marvel hat Sonova Terrain zurückerobert. Im wichtigen Geschäft mit Kriegsveteranen in den USA etwa war der Marktanteil 2018 von 40 auf 28% geschrumpft. Mitte 2020 war er auf 53% geklettert. Von Marvel sind weltweit über 2 Mio. Einheiten verkauft worden, doppelt so viele wie vor einem Jahr – die erfolgreichste Produkteinführung der Unternehmensgeschichte. Dass es ­Sonova gelang, das Momentum im zweiten Jahr aufrechtzuerhalten, ist eher unüblich, weil neue Konkurrenz erfahrungsgemäss nicht lange auf sich warten lässt.

CEO Arnd Kaldowski betonte am diesjährigen Investorentag denn auch: «Innovation ist nötig, um rascher als der Markt zu wachsen.» Auch, um dem Konkurrenzdruck entgegenzuwirken: Marvel liess sich im Vergleich zum Vorgängermodell zu 10 bis 15% höheren Preisen absetzen. Auf die Frage, ob Paradise ebenso gut abschneiden werde, blieb der CEO vage. Die Verkaufszahlen seien im Plan.

Die Fortschritte der Paradise-Plattform sind auf Anhieb weniger offensichtlich als beim vorherigen Wechsel. Sonova führt eine bessere Klangqualität und eine grössere Benutzerfreundlichkeit ins Feld. Der digitale Prozessor ist mit zweifacher Kapazität leistungsfähiger. Mit Paradise lassen sich acht bluetooth-fähige Geräte koppeln, wobei zwei gleichzeitig aktiviert werden können. Tap Control ermöglicht die Steuerung der Funktionen, indem der Nutzer ein oder zwei Mal aufs Ohr tippt. So kann er etwa mit einem Tipp unterwegs einen Anruf annehmen.

Konstantes Ringen

Der Erfolg hängt auch von der Konkurrenz ab. GN Store Nord hat ReSound One lanciert, mit neuem Computerchip und neuer Software sowie einem Zusatzmikrofon nicht hinter, sondern im Ohr. Demant, die vor einem Jahr durch einen Hacker­angriff gebremst wurde, sowie WS Audiology brachten im vergangenen Jahr Neues auf den Markt. Von der privaten WS Audiology ist 2020 nichts zum Geschäftsgang zu vernehmen gewesen. Die beiden dänischen Sonova-Konkurrenten haben zur Halbzeit beträchtliche Verluste im Hör­gerätegeschäft bekanntgegeben. Das legt den Schluss nahe, dass Sonova relativ schnell und wirksam Kostenmassnahmen ergriffen hat und so in den schwarzen Zahlen geblieben ist.

Der Markt hatte offenbar mehr vom Investorentag erwartet. Die Aktien büssten am Dienstag 1,5% ein. Sie hatten seit dem Tief 40% gewonnen. Kaufwillige müssen den Blick über das kommende Geschäftsjahr richten, denn das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 28 bewegt sich im Rahmen der vergangenen Jahre. Auf mittlere Sicht sind Sonova ein Engagement wert.

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