Meinungen

Sorgen um faule Kredite in China

Das Ausmass der gefährdeten Kredite in der chinesischen Wirtschaft beunruhigt vor allem deshalb, weil es sich nicht verlässlich beziffern lässt. Schwarzmalen ist dennoch nicht angezeigt. Ein Kommentar von Cornelia Meyer.

Cornelia Meyer
«Es gibt Parallelen zwischen Chinas Lage und der von Japan nach 1990.»

Die Welt hat sich an zweistellige Wachstumsraten in Chinas Wirtschaft gewöhnt. Im gegenwärtigen 13. Fünfjahresplan sind die Wachstumsraten jedoch auf 6,5 bis 7% heruntergesetzt worden. Die Wirtschaft soll nicht mehr ausschliesslich durch Infrastrukturprojekte und Exporte angetrieben werden. Vielmehr verlagert sich der Schwerpunkt nun auf den inländischen Konsum. Es ist wohl vernünftig, die Wachstumserwartungen herunterzuschrauben und zu erwarten, dass die wachsende Mittelschicht mit höheren Konsumansprüchen das ihrige zur Wirtschaft beitragen soll.

So viel zu Plan und Theorie. Wie sieht es in Wirklichkeit aus und welche Auswirkungen hat dies auf die Weltwirtschaft? China wurde von der Finanzkrise in 2008 nicht verschont. Während in den USA und in Europa Tarp- und QE- Programme die Wirtschaft wieder ankurbeln sollten, griff die chinesische Regierung zu Fiskalpolitik. Zudem wurde das Kreditvolumen massiv erhöht und somit das Wirtschaftswachstum stark fremdfinanziert. Chinas Verhältnis von Krediten zum BIP stand 2008 auf 164%.

Bis im Dezember 2015 war es auf 247% hochgeschnellt. Seit Längerem übertrifft das Wachstum der Kreditvolumen dasjenige des Bruttoinlandprodukts immer stärker. Den jüngsten Sorgen um die chinesische Wirtschaft wurde mit vermehrter Kreditvergabe entgegengesteuert. Allein im ersten Quartal 2016 ist das Gesamtkreditvolumen etwa eine Billion Dollar gewachsen (ein derart starkes Wachstum wurde seit dem Vergleichsquartal in 2009 nicht mehr verzeichnet).

«Faul» ist nicht gleich «faul»

Da stellt sich natürlich die Frage, wohin die Kredite geflossen und wie viele davon faul sind. China hat vor allem Infrastrukturprojekte und Schwerindustrie auf Kredit finanziert. Dies führte zu Überkapazität in Industriezweigen wie Stahl, Schiffbau, Zement, Maschinenbau, etc. Gerade in Europa bekamen wir die Auswirkungen zu spüren, zum Beispiel durch Billigimporte von chinesischem Stahl, die schnell zu Dumpingvorwürfen Anlass gaben. Infrastrukturinvestitionen führten ebenfalls zu Überkapazität. Die mittlerweile legendären unbewohnten Geisterstädte im Nordwesten des Landes sind auch eine Folge dieser Politik.

Überkapazitäten und überflüssige Infrastruktur kann man leicht aufzeigen und messen. Das ist in der Analyse der Kreditportefeuilles der Banken schwieriger. Offiziell beträgt das Volumen fauler Kredite im ersten Quartal des laufenden Jahres 1,4 Billionen Yuan (ca. 206 Mrd. Fr.), was einem Anteil von 1,75% des Gesamtkreditvolumens entspricht. In Wirklichkeit schätzen Experten die Summe nach chinesischen Berechnungsmethoden auf das Dreifache ein. Wenn wir OECD-Regeln anwenden würden, wäre das Ausmass fauler Kredite noch höher:

Chinesische Banken definieren faule Kredite anders als dies den Bankprinzipien hierzulande entspricht. In OECD-Ländern werden Kredite, die mehr als neunzig Tage überfällig sind, als «faul» eingestuft und Rückstellungen haben dem erwarteten Verlust zu entsprechen, egal wie gross oder klein er ist.

In China wird nach anderen Leitlinien gerechnet: Ein Kredit wird erst dann als «faul» klassifiziert, wenn die Bank sich Sorgen um die Rückzahlung macht, anders gesagt erst dann, wenn nach Abzug der Kreditsicherheit immer noch ein Verlust entsteht. Das Problem liegt in der Bewertung dieser Kreditsicherheit. Gerade bei Immobilien bestehen Befürchtungen einer Überbewertung, die im Fall eines Zwangsverkaufs noch akuter werden. China stellt auch andere Volumenanforderungen an die Klassifizierung fauler Kredite. Erst wenn die Kreditsumme 2,5% des totalen Kreditbuchs der Bank beträgt, wird der Kredit offiziell als «faul» eingestuft.

Wegen dieser Bewertungsunterschiede schätzen einige Experten das Ausmass fauler Kredite auf 15 bis 19% des Gesamtkreditvolumens in Banken ein. Einige Makroökonomen gehen noch weiter und befürchten, dass die faulen Kredite etwa 12% des chinesischen Bruttoinlandprodukts ausmachen könnten. Es spielt hierbei eine nebensächliche Rolle, dass die Einschätzungen sich unterscheiden – alarmierend ist vielmehr, dass die Zahlen so weit auseinanderliegen und dass die Experten offensichtlich so wenig Vertrauen in die offiziellen Angaben haben. Dies ist wegen der anderen Bewertungsmethoden in China zwar verständlich, aber es wäre dennoch wichtig, die Dimensionen in etwa zu verstehen, um beurteilen zu können, wie systemrelevant das Ausmass an schlechten Krediten ist.

Die Geschichte lehrt uns, dass in jüngerer Zeit Weltwirtschaftskrisen meistens aus Problemen erwuchsen, deren Dimensionen und Auswirkungen schlecht verstanden oder unterschätzt wurden. 2008 brachten faule Immobilienkredite in Amerika die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds. Man war sich weder über das Ausmass noch über die globale Verbreitung der verbrieften Instrumente (CLO) bewusst, in denen die Kredite verpackt waren. Am Ende brachten sie das gesamte westliche Finanzsystem ins Wanken.

Ähnliches erlebten wir in den frühen Achtzigerjahren mit der lateinamerikanischen Schuldenkrise. Man ging davon aus, dass Staaten nicht bankrottgehen könnten und dass sich das Risiko verteile, wenn man Kredite syndiziere. Doch dabei wurde nicht bedacht, dass das Risiko fauler Kredite durch die Syndikation ein globales Ausmass annehmen kann.

Es lassen sich Parallelen zwischen der chinesischen Situation von heute und derjenigen in Japan in den frühen Neunzigerjahren ziehen. Auch dort hatte man schlecht quantifizierbare faule Kredite im Bankensystem. Die Kreditvergabe wurde nicht nach Liquiditätsprinzipien (d. h. gemäss der Zahlungsfähigkeit) des Gläubigers vergeben, sondern auf Vertrauensbasis. Des Weiteren spielten damals auch Kreditsicherheiten eine übergeordnete Rolle. Immobilien waren die wichtigste Sicherheit. Als die japanische Liegenschaftenblase dann platzte, hatte dies verheerende Auswirkungen auf das japanische Bankenwesen.

Mildernde Umstände

Es gibt noch eine weitere Parallele: Während der frühen Neunzigerjahre begann sich das rasante Altern der japanischen Gesellschaft bemerkbar zu machen. In China galt bis im Oktober 2015 eine strikte Ein-Kind-Politik, die ebenfalls zu einer starken Überalterungsentwicklung im Land führen wird. Im Jahr 2050 werden somit auf 100 Erwerbstätige 63 Nichterwerbstätige kommen, die unterstützt werden müssen. Die chinesische Bevölkerung wird 2050 also älter sein, als es diejenige von Japan 2010 war. Es stellt sich hier die Frage, ob die Durchschnittsbevölkerung in China einen gewissen Wohlstand erreichen kann, bevor sie alt wird oder umgekehrt.

Wir sollten uns sicherlich um das Ausmass der schlechten Kredite in China Sorgen machen – gerade weil wir sie so schlecht quantifizieren können. Schlecht verwaltet, werden sie negative Auswirkungen auf die chinesische und die Weltwirtschaft haben. Wir sollten aber auch nicht schwarzmalen, da es mildernde Umstände gibt: China verfügt über Sicherheiten, und die chinesische Wirtschaft hat noch Wachstumspotenzial: Die Devisenreserven des Landes liegen auf über drei Billionen Dollar. Die Volksrepublik ist auch der zweitgrösste Investor in amerikanische Staatsanleihen, mit einem Anteil von 19%.

Die fünfhundert Millionen Menschen umfassende neue Mittelschicht wird in Zukunft auch zu einer grösseren Binnennachfrage an Gütern und Dienstleistungen beitragen. Der chinesische Mittelstand hat zudem noch Zuwachspotenzial, da die Armutsrate auf 6,5% liegt. All das relativiert die Unsicherheit zwar, bedeutet jedoch nicht, dass wir vernachlässigen dürfen, dass von den Risikokrediten eine Gefahr ausgeht, und wie man damit umgehen soll.

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