Meinungen

Sotschi macht «G-null» offiziell

Das Treffen der G-8 dürfte platzen – na und? Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Die Globalisierung ist in ein Stadium eingetreten, das gekennzeichnet ist durch das Fehlen jeglichen Konsenses, jeglicher Kompromiss­fähigkeit unter den Schwergewichten.»

Sotschi – nein danke. Das auf Anfang Juni anberaumte G-8-Treffen wird wohl platzen. Dies ist einstweilen die greifbarste der Wladimir Putin angedrohten «Sanktionen» des Westens. Putin wird es verschmerzen, obwohl ihm die Rolle des Gastgebers und damit Vorsitzenden dieses exklusiven Clubs sicher geschmeichelt hätte.

Die Gruppe der acht, das ist die frühere G-7 (die traditionellen grossen Industrieländer USA, Kanada, Japan, Grossbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien) plus Russland; Beobachterstatus hat die EU-Kommission. Daneben gibt es weitere «G», wie namentlich die G-20.

Versinken in der Bedeutungslosigkeit

All diesen Gruppierungen ist heute gemeinsam, dass sie nahezu bedeutungslos geworden sind. Wir leben in einer Welt der G-null. Der amerikanische Strategieberater und Politrisikoforscher Ian Bremmer hat vor zwei Jahren mit seinem Buch «Every nation for itself – winners and losers in a G-zero world» Aufmerksamkeit erregt, weil er damit einen wunden Punkt getroffen hat. Die Globalisierung ist nämlich in ein Stadium eingetreten, das gekennzeichnet ist durch das Fehlen jeglichen Konsenses, jeglicher Kompromiss­fähigkeit unter den Schwergewichten. Entscheidend deshalb, weil die USA, einst die führende Ordnungsmacht, nicht mehr in der Lage sind, ihre Vorstellungen weltweit einigermassen durchzusetzen.

Die Konstellation G-null zeigt sich nicht nur in den G-Runden, sondern etwa auch im Uno-Sicherheitsrat. Ablesbar ist G-null deutlich im inkohärenten Umgang mit Iran, Syrien oder auch Nordkorea, was diesen Regimes zu viele Optionen offenlässt. Ein aktueller Fall von G-null ist der russisch-ukrainische Disput. Es ist bezeichnend, dass sich Putin nonchalant die Krim krallt, statt russische Interessen in Sotschi erst mal zur Sprache zu bringen. Vielleicht hätte sich so ein breiter ­abgestütztes Arrangement anbahnen lassen – doch wozu auch?

Übrigens reiht Bremmer die Ukraine in die Kategorie der «Schattenstaaten» ein, Länder, die mehr Bewegungsfreiheit anstreben, jedoch angefroren bleiben im Schatten einer einzelnen Grossmacht. Ob sich unter den aktuellen Bedingungen die Ukraine – oder auch nur der Kern des ­Landes – aus der Gravitation Moskaus wird lösen können, ist ungewiss.

Internationale Institutionen ignoriert

Bremmer hatte recht mit seinem Befund, G-null verheisse mehr neue Konfliktherde, die sich weniger gut eindämmen lassen, überhaupt mehr komplexe internationale Krisen. Selbstsichere regionale Mächte ignorierten in einem Ambiente G-null internationale Institutionen; niemand sei mehr zu Kompromissen oder gar zum Sprung über den eigenen Schatten gezwungen.

Vielleicht wäre es unter den gegebenen Umständen ehrlicher, die ganze G-Diplomatie für passé zu erklären, statt damit weiterhin unerfüllbare Hoffnungen zu ­wecken und sinnlosen Aufwand zu be­treiben. Was den ursprünglichen G-Kern betrifft, wären die EU und die USA wohl besser beraten, ihre Verhandlungen über einen Freihandelsvertrag ernsthafter voranzutreiben. Und die Nato zu entstauben. Es braucht sie am Ende doch noch, und sei es nur als Kulisse.

Leser-Kommentare

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Peter Lieberherr 15.03.2014 - 00:10

Wer krallt sich was? Putin die Krim? Alles amerikanische Propaganda. Vielmehr haben sich die US-Imperialisten bzw. ihre EU-Laubfrösche die Ukraine gekrallt (nachdem es vor ein paar Jahren mit Georgien nicht geklappt hat). Und die Krim hat früher gar nicht zur Ukraine gehört.