Meinungen

Sozialer Aufstieg dauert Generationen

Während Einkommens- und Vermögensunterschiede sich rechtfertigen lassen, scheint geringe Einkommensmobilität in meritokratischen Gesellschaften schwer hinnehmbar. Ein Kommentar von Joachim Voth.

Joachim Voth
«Vielen Menschen geht es heute nicht besser als ihren Eltern.»

Ein Gespenst geht um in der entwickelten Welt – das Gespenst abnehmender sozialer Mobilität. Während in den Nachkriegsjahren in vielen Ländern Kinder aus den unteren Einkommensschichten oft ganz gute Chancen hatten, besser als ihre Eltern dazustehen, ist diese Art von sozialem Aufstieg vielerorts weitgehend verschwunden. Statt einer dynamischen Wirtschaft, in der sich die Besten, ohne Ansehen ihrer Herkunft, durchsetzen, scheinen viele OECD-Länder auf dem Weg in eine neue Klassen- oder Kastengesellschaft zu sein, in der das Einkommen der Eltern mehr für den wirtschaftlichen Erfolg zählt als die eigene Leistung.

Vielen Menschen geht es heute nicht besser als ihren Eltern – ihre Hoffnung auf ein besseres Leben wird enttäuscht. Unter den 1940 in den Vereinigten Staaten von Amerika Geborenen waren es fast 90%, die mehr verdienten als ihre Eltern. Unter den 1980 Geborenen schafften dies nur noch 50% – statt Einkommenszunahme als Regelfall sind Auf- und Abstieg beim realen Einkommen nunmehr fast gleich wahrscheinlich. Doch der immer seltenere Sprung nach vorn relativ zu den Eltern ist eher eine Folge nachlassender Wachstumsdynamik – wo das Pro-Kopf-Einkommen nicht mehr 5 oder 6 % pro Jahr wächst, wie in vielen europäischen Ländern in den Sechziger- und Siebzigerjahren, sondern nur 1 bis 2%, fällt der relative Aufstieg schwer.

Rechnet man die allgemeine Veränderung der Wirtschaftsleistung heraus und betrachtet nur die relative Position in der Einkommensverteilung, dann sind die Chancen für den sozialen Auf- oder Abstieg in den vergangenen Jahrzehnten relativ gleich geblieben. Anders ausgedrückt: Peter landete auch schon früher fast immer unter den relativ ärmeren Einwohnern seines Landes, wenn auch sein Vater schon wenig verdient hatte; aber da alle Einkommen stiegen, verdiente er kräftig mehr als sein Papa.

Aufstieg verlangsamt sich

Eine florierende Wirtschaft machte auch eine andere Art von sozialem Aufstieg möglich. Der englische Soziologe Jack Goldthorpe zeigt auf, wie sich die Zusammensetzung der Arbeitsbevölkerung auf die Chancen zum Aufstieg auswirkt. In Grossbritannien waren 1951 mehr als die Hälfte der Bevölkerung einfache Arbeiter – heute sind es noch 30%. Zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts waren 11% der Bevölkerung Manager, davon 4% in Leitungspositionen – heute sind es 40 und 18%. Dank der Veränderung in der Beschäftigungsstruktur wurde es somit immer wahrscheinlicher, dass Peter nicht nur mehr verdiente als sein Vater, sondern auch eine höhere Position bekleidete. Allerdings hat diese Art von Wandel in den vergangenen Jahrzehnten ebenfalls radikal nachgelassen; schon 1991 waren 35% der Bevölkerung Manager.

Wenn schon die gesamtwirtschaftliche Dynamik und der Trend weg von der einfachen Arbeiterstelle die soziale Mobilität über Generationen hinweg dämpfen, dann müsste man doch zumindest den relativen sozialen Aufstieg fördern – also die Chance, dass auch die Kinder der Putzfrau es zum Manager schaffen, oder? Die Zahlen, die die OECD zu dieser Art von sozialem Sprung zusammengetragen hat, wirken düster: Relativer sozialer Aufstieg findet immer noch statt, ist jedoch extrem langsam. So brauchen Kinder aus Familien in den untersten 10% der Einkommensverteilung im Regelfall 4,5 Generationen, um auch nur so viel zu verdienen wie der Durchschnitt. In den skandinavischen Ländern sind es nur zwei oder drei Generationen; in der Schweiz, dem Vereinigten Königreich und den USA fünf, in Indien und China sieben.

Schaut man auf das obere Ende der Verteilung, wird die Lage noch schlimmer. Von den Menschen, deren Väter im obersten Viertel der Einkommensverteilung waren, landen in den USA und Deutschland fast die Hälfte wieder in den oberen 25%; von den Kindern, deren Väter im unteren Viertel waren, schaffen es nur knapp 10% nach oben. Diese drastischen Unterschiede gibt es fast überall, auch wenn sie nicht so extrem ausfallen.

Diese Zahlen sind politisch brisant, weil sie mit einer deutlichen Zunahme der Ungleichheit insgesamt zusammentreffen. Während Einkommens- und Vermögensunterschiede sich rechtfertigen lassen, weil sie Marktanreize widerspiegeln und zu grösseren Anstrengungen beflügeln, scheint geringe Mobilität von Generation zu Generation sozial, ethisch und politisch schwer hinnehmbar.

Die OECD schüttet dann auch ein Füllhorn an Vorschlägen für die Politik aus, mit denen Chancengleichheit geschaffen werden soll – frühkindliche Erziehung, keine Trennung der Schulwege, mehr Hochschulen für alle. Doch bevor man drastische Eingriffe vornimmt, lohnt es sich vermutlich, genauer über die Ursachen der abnehmenden Einkommensmobilität nachzudenken.

Leider ist alles andere als klar, wie hoch die Wahrscheinlichkeit des relativen sozialen Aufstiegs sein sollte, um von einer fairen, meritokratischen Gesellschaft sprechen zu können. Sollten alle die gleiche Chance haben – also jedes zehnte Kind aus den unteren 10% der Einkommensverteilung es in die oberen 10% schaffen, und umgekehrt jedes zehnte Kind aus den oberen 10% ganz unten landen? Würden Menschen Kinder nach Zufallsprinzip bekommen, d. h. die angeborenen Fertigkeiten eines Menschen wären nahezu unbeeinflusst von den Fertigkeiten der Eltern, dann sollte man in der Tat genau das erwarten.

Nun aber legen detaillierte Studien nahe, dass viele Eigenschaften in hohem Masse von Eltern auf Kinder übertragen werden. Ob bei der Einstellung zum Sport oder zum Autofahren, bei Gesundheit oder der Wichtigkeit von Karriere – der Apfel fällt selten weit vom Stamm. So zeigt sich auch, dass die Kinder von besonders vertrauensvollen Eltern ebenfalls besonders vertrauensvoll sind, und wenn Mama gerne mal eine riskante Sache macht, dann tun die Kinder dies auch. Wichtige nicht-kognitive Fertigkeiten, die häufig über Erfolg und Misserfolg im Wirtschafts- und Bildungsprozess entscheiden, werden von den Eltern auf die Kinder übertragen.

Genetik spielt eine Rolle

Das gleiche Phänomen zeigt sich auch bei Intelligenztests. So wurde beispielsweise die gesamte norwegische Bevölkerung untersucht: Hatte der Vater eine 10% höhere Punktzahl im Eignungstest, landete der Sohn um 3,2% weiter oben. Wie viel von dieser Übertragung zwischen Eltern und Kindern sozial bedingt ist und wie viel genetisch, ist schwer zu sagen. Allerdings legen Zwillingsstudien nahe, dass der genetische Anteil nicht unbedingt klein ist. Kinder sind, was ihre für den Arbeitsmarkt wichtigen Eigenschaften angeht, zu einem guten Teil eine Kopie ihrer Eltern.

Stellen Sie sich also die Frage: Könnten Sie sich klonen, wo würde dann ihr Zwilling in der Einkommensverteilung landen? Wahrscheinlich dort, wo Sie sind. Wie unfair wäre das? Nicht sonderlich, so könnte man argumentieren. Das heisst natürlich nicht, dass Bildungssysteme Chancen nach Einkommen der Eltern verteilen sollten. Gerade in den USA geriert sich ein grosser Teil der berühmten Hochschulen als Meritokratie, auch wenn dort äusserst mittelmässige Studenten nur deshalb genommen werden, weil Papa oder Opa schon dort waren und anschliessend brav gespendet haben. Doch so wichtig Investitionen in die Chancengleichheit im Bildungssystem sind – solange die Spielregeln im Grossen und Ganzen gleich bleiben, sollte man keine übergrossen Erwartungen an die Veränderung der Einkommensposition haben, selbst in einer meritokratischen Umgebung.