Märkte / Makro

Spekulation um neuen EZB-Chef

Das Marktumfeld in der Eurozone trübt sich ein. In dieser heiklen Phase beginnt die Suche nach Mario Draghis Nachfolge.

Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor bewegten Zeiten. Die Wende in der Geldpolitik ist eingeleitet, nun müssen die Währungshüter entscheiden, wie schnell sie den Normalisierungsprozess vorantreiben wollen. Dabei droht der Gegenwind schärfer zu werden: In der Eurozone zeichnet sich eine Abkühlung der Konjunktur ab, die Inflation bleibt gedämpft und die italienische Regierung sorgt für Nervosität an den Finanzmärkten.

In dieser kritischen Phase müssen die Marktteilnehmer eine neue Unbekannte berücksichtigen: Die achtjährige Amtszeit von EZB-Präsident Mario Draghi endet im Oktober 2019. Wer wird also die Geschicke der Notenbank künftig leiten? Rund ein Jahr vor der Wahl ist das Rennen um den Chefposten bei der EZB lanciert.

Der Weg in die Normalität

Die jüngsten Wirtschaftsdaten aus der Eurozone dürften den Notenbankern kaum gefallen. So ist die Jahresteuerung im Währungsraum im August leicht gesunken. Aktuell liegt sie noch auf 2%, nahe am Zielwert der EZB. Die Ökonomen von Barclays erwarten aber, dass die Inflation den Zenit überschritten hat und sinken wird. Auch an der Konjunkturfront zeigen sich Ermüdungserscheinungen. So signalisieren die Frühindikatoren eine Verlangsamung des Wachstums in der Eurozone.

An den Finanzmärkten hat derweil die Unsicherheit um Italien zugenommen. Die Regierung will den Sparkurs verlassen und die Staatsausgaben erhöhen. Damit riskiert sie einen Haushaltsstreit mit Brüssel. Italien zählt bereits heute zu den am höchsten verschuldeten Staaten weltweit – die Aussicht auf steigende Ausgaben sorgt deshalb für Nervosität. Die Renditen zehnjähriger italienischer Staatsanleihen sind auf über 3% geklettert. Mitte Juli notierten sie noch unter 2,5%. Der jüngste Anstieg folgte am Freitag, nachdem die Ratingagentur Fitch den Ausblick für die Kreditwürdigkeit Italiens zurückstuft hatte. Der Risikoaufschlag von langfristigen italienischen Bonds gegenüber Bundesanleihen stieg zwischenzeitlich auf über 2,9 Prozentpunkte – höher lag die Kreditprämie zuletzt im Juli 2013.

Ausgerechnet in diesem Marktumfeld treibt die EZB die Normalisierung der Geldpolitik voran. Die Weichen sind gestellt: Draghi hat das Ende der Anleihenkäufe (Quantitative Easing, QE) angekündigt. Läuft alles nach Plan, wird QE im Dezember gestoppt. Bislang ist der Rückzug aus den unkonventionellen Massnahmen ohne grössere Turbulenzen vonstattengegangen. Trübt sich die Konjunktur jedoch ein, kommt dieser Liquiditätsentzug genau zur falschen Zeit.

In den Fokus rückt nach dem Ende von QE der nächste Schritt zur Normalisierung der Geldpolitik: die erste Zinserhöhung. Draghi hat sich etwas Zeit verschafft und erklärt, die Leitzinsen werden noch bis im Sommer 2019 niedrig bleiben («through the summer»). Die vage Formulierung wirft an den Finanzmärkten allerdings Fragen auf und dürfte die Spekulationen anfachen. In dieser heiklen Phase taucht eine neue Unsicherheit auf: Wer wird als neuer EZB-Präsident das Ruder übernehmen?

Politisches Kalkül

Die Mutmassungen um die Nachfolge von Draghi haben jüngst eine unerwartete Wende genommen. Noch im Juni galt Jens Weidmann, Chef der Bundesbank, als aussichtsreichster Kandidat, wie eine Befragung der Nachrichtenagentur Bloomberg unter Ökonomen ergab. Ende August rangierte der Deutsche allerdings nur noch auf Platz vier: Konkurrenten wie der Finne Erkki Liikanen, der Franzose François Villeroy de Galhau und der Ire Philip Lane dürfen sich mittlerweile grössere Chancen auf den EZB-Posten ausrechnen.

Die Entwicklung verdeutlicht, wie politisch die Besetzung von Spitzenämtern in der Europäischen Union (EU) abläuft. Gegenwind droht Weidmann ausgerechnet aus der Heimat. So erwägt Bundeskanzlerin Angela Merkel gemäss Medienberichten, ihren Einfluss zu nutzen, um die Position des EU-Kommissionschefs mit einem Deutschen zu besetzen. Der amtierende Präsident Jean-Claude Juncker will sich im Mai 2019 nicht mehr zur Wiederwahl stellen. Kommt sein Nachfolger aus Deutschland, dürften andere Nationen bei der EZB-Frage den Vorzug erhalten – Weidmanns Chancen schwinden.

Welchen Einfluss der neue Notenbankchef auf die Geldpolitik haben wird, ist derzeit schwierig abzuschätzen. Draghi gilt als Verfechter einer expansiven Geldpolitik, zählt also zum Lager der Tauben («dovish»). Von den drei aktuellen Spitzenreitern verfolge keiner einen ausgeprägten restriktiven Ansatz, meinen die Analysten von Danske Bank. Sie seien also nicht den Falken («hawkish») zuzuordnen. «Wird einer von ihnen neuer EZB-Präsident, dürfte das die Markterwartungen kaum verschieben», meinen sie.

Doch vernachlässigbar ist die Wahl des obersten Währungshüters nicht, das hat der letzte Chefwechsel eindrücklich gezeigt. Als Draghi am 1. November 2011 sein Amt antrat, steckte die Eurozone mitten im Sturm der Schuldenkrise. In den ersten zwei Monaten krempelte der Neue die Geldpolitik seines Vorgängers Jean-Claude Trichet um. Sein Kalkül ist aufgegangen: Heute steht die Eurozone deutlich besser da als vor acht Jahren. Auf den Nachfolger wartet ein schwieriges Erbe.


Die möglichen Draghi-Nachfolger im Überblick:

» Jens Weidmann: Das Bauernopfer
» François Villeroy de Galhau: Der Bürokrat
» Erkki Liikanen: Das Urgestein
» Philip Lane: Der Geheimtipp

Jens Weidmann: Das Bauernopfer

Jens Weidmann galt als Kronfavorit im Rennen um das Amt des obersten Währungshüters. Der heute 50-Jährige wurde 2011 jüngster Präsident der Bundesbank, nachdem Axel Weber aus Protest über die EZB-Politik zurückgetreten war. Weidmann ist einer der schärfsten Kritiker von Draghis lockerer Geldpolitik. Trotz seiner harten Haltung schien die Voraussetzung für den Einzug ins EZB-Präsidium intakt: Die grösste Volkswirtschaft der Eurozone hatte das Amt noch nie inne. Nun droht Weidmann Opfer politischer Ränkespiele zu werden, denn im Mai ist der Chefposten der EU-Kommission neu zu besetzen.

François Villeroy de Galhau: Der Bürokrat

François Villeroy de Galhau ist seit bald drei Jahren Chef der Banque de France und unterstützt im EZB-Rat die Linie von Draghi. Er absolvierte seine Ausbildung an der Elitehochschule ENA, an der auch Emmanuel Macron, François Hollande und Jean-Claude Trichet studiert haben. Der 59-Jährige hatte verschiedene politische Ämter inne, unter anderem war er Kabinettschef von Lionel Jospin. Von 2011 bis 2015 war er Manager bei der Grossbank BNP Paribas. Der gebürtige Strassburger, der gut deutsch spricht, stammt aus der Industriellenfamilie Villeroy de Galhau, der Miteignerin des Keramikherstellers Villeroy & Boch.

Erkki Liikanen: Das Urgestein

Erkki Liikanen bringt jahrzehntelange Erfahrung auf dem europäischen Politparkett mit. Bereits mit 21 Jahren wurde der studierte Politologe und Volkswirt ins finnische Parlament gewählt. Während den Beitrittsverhandlungen mit der EU vertrat er sein Land als Botschafter in Brüssel und war Mitglied in verschiedenen EU-Kommissionen. Die letzten vierzehn Jahre leitete der 67-Jährige Finnlands Notenbank, seine Amtszeit endete im Juli. Während des Höhepunkts der Euroschuldenkrise 2012 war er Vorsitzender der Liikanen-Kommission, die damit beauftragt war, die Regulierung grosser Banken zu überprüfen.

Philip Lane: Der Geheimtipp

Philip Lane ist seit November 2015 Gouverneur der irischen Zentralbank. Als einziges Gründungsmitglied des Euros war Irland noch nie im sechsköpfigen EZB-Direktorium vertreten. Die irische Regierung hat den 49-Jährigen dieses Jahr als EZB-Vizepräsident nominiert, gewählt wurde aber der Spanier Luis de Guindos. Nun könnte Lane einen neuen Anlauf wagen. Er hat an der Harvard University in Ökonomie promoviert und leitet derzeit einen Ausschuss, der den Einsatz von European Safe Bonds prüft: Sie sollen dabei helfen, die Eurozone vor einer Schuldenkrise zu schützen.

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