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Das Rennen um den Chefposten im Fed ist lanciert

Fed-Vizepräsident Stanley Fischer tritt überraschend zurück. Der Abgang wirft auch Fragen nach dem nächsten Oberhaupt des Fed auf. Hier sind die drei Topkandidaten.

Wer wird das nächste Oberhaupt des Federal Reserve? Diese Frage beschäftigt die Finanzmärkte bereits seit Monaten. Mit dem überraschenden Rücktritt von Fed-Vize Stanley Fischer heizen sich die Spekulationen um die Leitung der mächtigsten Zentralbank nun umso mehr auf.

Dass Fischer seinen Posten wohl abgeben wird, war kein Geheimnis. Die Amtszeit des erfahrenen Notenbankers, der ein Mentor des vormaligen Fed-Chefs Ben Bernanke wie auch des EZB-Präsidenten Mario Draghi war, wäre ohnehin im Sommer 2018 abgelaufen.

Dennoch kommt der vorzeitige Rücktritt um den 13. Oktober unerwartet. Fischer, der zwei Tage später seinen 74. Geburtstag feiern wird, gibt für den Entscheid «persönliche Gründe» an. Wie es heisst, wolle der amerikanisch-israelische Doppelbürger mehr Zeit mit seiner Familie verbringen.

«Fischers Ankündigung bedeutet eine weitere personelle Aufgabe für die Regierung von US-Präsident Donald Trump. Das, nachdem sie mit Nominierungen für öffentliche Posten im finanziellen und wirtschaftlichen Bereich bislang nur langsam vorangekommen ist», meint Ian Katz von der Washingtoner Investmentfirma Capital Alpha.

Verfechter der traditionellen Geldpolitik

Fischer hat sich stets für eine Normalisierung der Zinsen ausgesprochen. Auch vertrat er eine eher harte Haltung zur Inflation. An der Geldpolitik wird sein Rücktritt vorerst aber wenig ändern. Fischer wird noch an der kommenden Fed-Sitzung vom 19. und 20. September teilnehmen, an der die US-Notenbank aller Voraussicht nach den Abbau ihrer Bilanz ankündigen wird.

Im siebenköpfigen Gouverneursrat der Notenbank, der zusammen mit fünf regionalen Fed-Präsidenten über die Geldpolitik votiert, sind gegenwärtig jedoch bereits drei Stellen unbesetzt. Zum zweiten Vizechef neben Fischer hatte Trump Anfang Juli Randal Quarles nominiert. Der frühere Private-Equity-Investor, zu dessen Kernbereich die Bankenregulierung zählen wird, ist bislang allerdings nicht vom Senat bestätigt worden.

Die grosse Frage ist damit, wen Trump zum nächsten Vorsitzenden des Federal Reserve ernennen wird. Die Amtszeit von Notenbankchefin Janet Yellen läuft Anfang Februar 2018 ab. Die Diskussion über ihre Nachfolge wird sich deshalb in den kommenden Monaten intensivieren. Zu den Kronanwärtern zählen gegenwärtig drei Personen.

Der Wallstreet-Banker

Erstens ist das Gary Cohn. Der vormalige Topmanager der Investmentbank Goldman Sachs ist derzeit Trumps Wirtschaftsberater und würde in Sachen Finanzmärkte reichhaltige Erfahrung für den Spitzenjob im Fed mitbringen. An den Wettbörsen wurde er bis vor kurzem denn auch als Top-Favorit gehandelt.

Zwei Argumente sprechen jedoch gegen den 57-Jährigen. Cohn hat Trumps kontroverse Äusserungen zu den rechtsextremistischen Ausschreitungen in Charlottesville von Mitte August öffentlich kritisiert. Damit hat er sich den Ärger des Präsidenten zugezogen.

Zusammen mit Finanzminister Steven Mnuchin ist Cohn im Weissen Haus zudem für die geplante Steuerreform verantwortlich. Kommt es dabei zu Problemen oder sogar zu einem ähnlichen Fiasko wie beim Versuch der Republikaner, die Gesundheitsreform Obamacare zu demontieren, wird das entsprechend negativ auf Cohn abfärben.

Die Taube

Zum engeren Favoritenkreis zählt zweitens Yellen selbst. Trump hat die 71-jährige Demokratin im Wahlkampf zwar scharf kritisiert und sie beschuldigt, sie unterstütze Hillary Clinton durch eine ultralockere Geldpolitik. Als Präsident schlägt er bisher jedoch überraschend versöhnliche Töne an.

«Ich zolle ihr grossen Respekt. Wir haben uns bisher zwar nur ein paar Mal getroffen, aber ich mag sie», meinte Trump unlängst. Zudem ziehe er tiefe Zinsen und einen schwachen Dollar vor, sagte er in einem Interview mit dem «Wall Street Journal». Auch was eine zweite Amtszeit Yellens betrifft, gab sich Trump erstaunlich wohlwollend: «Sie ist absolut im Rennen. Ich denke, sie hat bisher gute Arbeit geleistet.»

Es fragt sich allerdings, ob sich die Fed-Chefin überhaupt erneut zur Verfügung stellen wird. Auch hat sie sich während ihres letzten öffentlichen Auftritts am Wirtschaftssymposium in Jackson Hole entschieden gegen einen Abbau der Finanzregulierung ausgesprochen. Damit geht sie auf Konfrontationskurs zu Trump, der Banken eine Lockerung der Auflagen in Aussicht stellt.

Der Geheimfavorit

Der lachende Dritte könnte deshalb Kevin Warsh sein. Er hat sich einen Namen als Banker beim Investmenthaus Morgan Stanley gemacht und weist als vormaliger Fed-Gouverneur praktische Erfahrung für den Job aus. So war er beispielsweise während der Finanzkrise für den ständigen Kontakt zwischen der US-Notenbank und Wallstreet verantwortlich.

Derzeit für das Hoover-Institut an der kalifornischen Elite-Universität Stanford tätig, macht sich Warsh für eine zügige Normalisierung der Geldpolitik stark. Seine Chancen auf den Chefposten im Federal Reserve sind in den vergangenen Tagen deutlich gestiegen. Das zeigt sich an politischen Wettbörsen wie PredictIt, wo der 47-Jährige sogar Yellen und Cohn überholt hat.